Fall Ohnesorg Kurras händigt Waffe und Munition aus

Bei einer Polizeikontrolle hat der Ohnesorg-Todesschütze Karl-Heinz Kurras eine Waffe und Munition abgegeben - seinen Angaben nach die Einzige, die er im Haus hatte. Die Birthler-Behörde teilte mit, dass er schon 2003 nur knapp seiner Enttarnung als Stasi-Spitzel entging.


Hamburg - Der frühere West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, hat bei einer Polizei-Kontrolle eine Waffe und Munition abgegeben. Das teilte ein Sprecher der Berliner Polizei mit. Zwei Beamte der Waffenbehörde, die beim Landeskriminalamt angesiedelten ist, hätten den inzwischen 81-jährigen Kurras in seiner Wohnung in Berlin-Spandau aufgesucht.

Kurras habe "die einzige Waffe, die er nach seinen Angaben im Haus hatte, den Polizisten freiwillig ausgehändigt". Ein Medien-Bericht, wonach die Staatsanwaltschaft die Waffe und Munition eingezogen habe, treffe nicht zu, hieß es von der Polizei. Es habe auch keine Durchsuchung der Wohnung oder des Hauses gegeben.

Die Beamten hätten lediglich öffentlich bekanntgewordene Angaben über den Waffenbesitz von Kurras überprüfen wollen. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte am Dienstag verlauten lassen, er wolle prüfen, ob die Waffenbesitzkarte von Kurras eingezogen werden müsse.

Bereits 2003 sei Kurras beinahe enttarnt worden

Vor einer Woche war bekanntgeworden, dass Kurras SED-Mitglied und Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi war. Nur einem Zufall verdankt es Kurras offenbar, dass er nicht schon früher enttarnt worden war. Beinahe sei das schon 2003 geschehen, wie die Birthler-Behörde mitteilte.

Nach einem Bericht der Behörde, die sich die Auswertung der Stasi-Unterlagen kümmert, hatte schon damals eine Forscherin Stasi-Akten über die West-Berliner Polizei beantragt, darunter auch die Kurras-Akten.

Nachdem die Wissenschaftlerin jedoch ihre Arbeit beendete, ohne die Unterlagen mit Hinweisen auf Kurras einzusehen, seien die Akten Anfang 2004 ungelesen und unbearbeitet wieder ins Archiv zurückgebracht worden.

Nach Angaben der Behörde war ein Sachbearbeiter bei der Bearbeitung der 180 Stasi-Bände über die West-Berliner Polizei in Band 13 auf einen Informationsbericht eines "Geheimen Mitarbeiters" (GM) der Stasi mit dem Decknamen "Otto Bohl" gestoßen. Das war der Deckname von Kurras.

Der Sachbearbeiter habe Anfang März 2003 Nachforschungen im Archiv zu weiteren Berichten "Bohls" beantragt, um sie der Forscherin vorlegen zu können. Diese Seiten - 17 Bände mit einem Umfang von bis zu 6000 Blättern - seien im Archiv durchnummeriert, aber nicht inhaltlich bewertet worden. Im Herbst 2003 wurden die Unterlagen nach Angaben der Behörde dann an den Sachbearbeiter geschickt. Die Forscherin habe jedoch in der Zwischenzeit ihre Arbeit beendet, ohne dass die Unterlagen eingesehen worden wären.

Kurras hatte den Studenten Benno Ohnesorg während einer Anti-Schah-Demonstration in West-Berlin erschossen. Später wurde er aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Damit schien der Fall abgeschlossen. 1987 schied er als Kriminalbeamter aus dem West-Berliner Polizeidienst aus.

Erkenntnissen der Birthlerbehörde zufolge war Kurras seit 1955 als IM für die Stasi tätig und wurde für seine Spionagetätigkeit auch entlohnt. In den Akten findet sich allerdings kein Hinweis darauf, dass Kurras von DDR-Seite beauftragt wurde, am 2. Juni 1967 zu schießen.

Der Ruf nach Strafe für den Todesschützen wird indes immer lauter: Neben Berlins Innensenator Körting wollen auch andere Politiker den früheren Stasi-Spitzel zur Rechenschaft ziehen und fordern unter anderem, Kurras seine Pensionsansprüche zu entziehen.

Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft sagte, nach erneuten Anzeigen gegen Kurras habe die Behörde die staatsanwaltlichen Akten aus der damaligen Zeit angefordert. Nach den neuen Strafanzeigen gegen Kurras hatte die Staatsanwaltschaft angekündigt, die Umstände des Todes von Ohnesorg erneut zu prüfen. Ob daraus ein Wiederaufnahmeverfahren gegen den damals freigesprochenen Kurras folgt, sei unklar, weil viele Vorwürfe verjährt seien.

otr/dpa/AP

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