Wissenschaftlerin über Fall von Viersen "Gewalt in der Kita ist ein riesiges Tabu"

In Viersen soll eine Erzieherin ein Mädchen in ihrer Obhut ermordet haben. Eine Bildungssoziologin sagt, viel zu oft schweigen die Verantwortlichen zu Gewalt an Kindern. Sie fordert Maßnahmen, um Übergriffe zu verhindern.
Ein Interview von Sarah Heidi Engel
"Viele Eltern vertrauen darauf, dass ihr Kind an einem guten Ort untergebracht ist"

"Viele Eltern vertrauen darauf, dass ihr Kind an einem guten Ort untergebracht ist"

Foto: Getty Images/Cavan Images RF

Eine 25-jährige Erzieherin soll in mehreren Kitas Übergriffe auf Kinder verübt haben. Anfang Mai starb ein kleines Mädchen aus Viersen nach einem Atemstillstand. Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach wirft der Frau Mord vor. Sie sitzt in Untersuchungshaft.

Der Fall schockiert, ein mutmaßliches Tötungsdelikt in einer Kita ist für viele unvorstellbar. Wie es Kindern, Erzieherinnen und Erziehern in den Einrichtungen geht, weiß Ursula Rabe-Kleberg. Die emeritierte Professorin für Bildungssoziologie an der Universität Halle hat in der Vergangenheit zahlreiche Gespräche mit Erziehern geführt.

Körperliche und seelische Gewalt gehört in manchen Einrichtungen zum Alltag von Kindern, sagt sie. Wie verhindert werden könnte, dass Kinder und Angestellte durch das Raster fallen, und warum es dafür eine neue Gesprächskultur und starke Kita-Leitungen braucht, erzählt sie im Interview.

SPIEGEL: Frau Rabe-Kleberg, eine Erzieherin soll in einer Kita in Viersen ein Kind getötet haben. Als Bildungssoziologin haben Sie sich jahrzehntelang mit der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern befasst. Wie steht es um den Kinderschutz in unseren Kitas?

Rabe-Kleberg: Krippen und Kindergärten haben als öffentliche Einrichtungen nicht nur das Kindeswohl im Blick, sie gelten auch als Instanz im Kinderschutz. Im Umgang mit Gewalt gibt es jedoch zwei Perspektiven. Erstens: Wie schaut das Personal auf Dinge, die außerhalb der Einrichtung passieren? Zweitens: Wie geht das Personal mit Vorfällen innerhalb der eigenen Kita um?

SPIEGEL: Welche Erkenntnisse dazu haben Sie in Ihren Gesprächen gewonnen?

Rabe-Kleberg: Viele Erzieher wenden nur den Blick nach außen. Sie berichten von Familien, in denen Kinder beschimpft oder geschlagen werden. In diesen Situationen haben wir das Personal als sehr ängstlich empfunden. Sie trauten sich kaum, Worte dafür zu finden und solche Vorfälle intern oder gegenüber den Eltern zu adressieren. Ein partnerschaftliches Agieren, ein Austausch mit den Eltern fand selten statt - außer wenn eine starke Kita-Leitung dafür sorgte. Das hat uns ziemlich entsetzt.

SPIEGEL: Und wie ging das Personal mit Vorfällen innerhalb der Einrichtung um?

Rabe-Kleberg: Die gängige Meinung war: "Bei uns passiert so etwas nicht". Erst als wir die Angestellten einzeln darauf ansprachen, wurden Fälle geschildert. Dann berichteten einige, sie seien unter großem Stress schon mal laut geworden oder hätten ein Kind ruppig angefasst. Niemand aber wollte ein Kind im Dienst geschlagen haben. Das halte ich für einen großen Mythos.

SPIEGEL: Warum?

Rabe-Kleberg: Weil in der Vergangenheit gewalttätige Übergriffe oder sexueller Missbrauch in Kitas und Bildungseinrichtungen immer wieder vorgekommen ist. Einen Fall wie den aus Viersen, dass eine Erzieherin des Mordes im Dienst verdächtig wird, gab es noch nicht. Aber körperliche und seelische Gewalt gehört sehr wohl zum Alltag von Kindern in manchen Einrichtungen.

"Über Übergriffe an Kindern wagt man nicht zu sprechen."

SPIEGEL: Und trotzdem wird darüber selten gesprochen.

Rabe-Kleberg: Gewalt in der Kita ist ein riesiges Tabu. Wir diskutieren seit Jahren über die Qualität der Einrichtungen, die Auslastung des Personals und die Finanzierungen. Aber über Übergriffe an Kindern wagt man nicht zu sprechen.

SPIEGEL: Können Sie sich erklären weshalb?

Rabe-Kleberg: Der Bedarf an Kinderbetreuung ist massiv gestiegen, die Wertschätzung der Eltern dafür auch. Viele sind froh, wenn sie überhaupt einen Platz für ihren Nachwuchs bekommen. Sie müssen darauf vertrauen, ihr Kind an einem guten Ort unterzubringen. Zudem ist es für Mütter und Väter schwierig festzustellen, wenn es dem Kind in der Kita nicht gut geht. Ein Zwei- oder Dreijähriger kann sich nicht so gut mitteilen wie ein Grundschüler. Außerdem braucht es in der Regel sehr lange, bis ein Kind sich jemandem anvertraut. Oft kann es selbst nicht einordnen, wo Gewalt anfängt.

SPIEGEL: Im Fall der Erzieherin aus Viersen hieß es, mehrere Kitas hätten sich gewundert, dass sie diesen Beruf ergriffen habe. Sie sei empathielos gewesen. Hätte das Kollegium nicht Auffälligkeiten ansprechen müssen?

Rabe-Kleberg: Niemand weiß zum jetzigen Zeitpunkt, was genau innerhalb der Einrichtungen vorgefallen ist. Klar ist aber: Bei einer Kita handelt es sich nicht um einen geschlossenen Raum. Heute laufen Kinder zwischen den einzelnen Gruppen hin und her, die Wenigsten schließen ihre Tür, man kann alles sehen. Die Kita ist kein stilles Kämmerlein. Das Auffälligkeiten unentdeckt bleiben, fällt mir schwer zu glauben. Ich frage mich, wie ist das möglich?

SPIEGEL: Und wie lautet die Antwort?

Rabe-Kleberg: In einer Kita kommt es meiner Meinung nach auf drei Dinge an. Erstens: Es muss eine klare Definition von Gewalt geben. Wo beginnt ein gewalttätiger Übergriff? Schon beim Essenszwang, dem Zerren am Arm oder einem sarkastischen Kommentar? Das muss jedes Team für sich festlegen. Zweitens: Das Personal benötigt eine offene Kommunikationskultur. Wer Probleme sieht, muss sie offen ansprechen dürfen. Ohne Angst zu haben, als Nestbeschmutzer zu gelten. Und zu guter Letzt müssen Kitas von starken Persönlichkeiten geführt werden. Die Rolle der Leitung ist unheimlich wichtig, weil sie am Ende die Entscheidungen fällt.

SPIEGEL: Was muss eine Leitung bei Auffälligkeiten tun?

Rabe-Kleberg: Sie sollte den Vorfall melden und das Gespräch mit der betroffenen Person suchen. Doch da lauert schon das nächste Problem.

SPIEGEL: Inwiefern?

Rabe-Kleberg: Wenn eine Leitung jedes Problem meldet, laufen ihr die Angestellten davon. Der Markt ist leer gefegt, es gibt nur wenige Erzieherinnen und Erzieher. Viele Einrichtungen können es sich nicht leisten, Angestellte selbst im Konfliktfall zu kündigen. Sie müssen jeden nehmen, den sie kriegen können und so lange wie möglich halten.

SPIEGEL: Was fällt für Sie unter Gewalt in Kitas?

Rabe-Kleberg: Ich würde das sehr eng fassen: All das, was unter Zwang geschieht oder ein Kind ausgrenzt. Ein Junge, der eng an den Tisch geschoben wird, damit er sich nicht bewegen kann. Ein Mädchen, das den ganzen Tag ignoriert wird. Kleinkinder können in ihrem Verhalten sehr anstrengend sein. Trotzdem sollten wir ihnen unsere Regeln nicht aufdrängen, sondern sie daran erinnern und mit ihnen darüber verhandeln.

SPIEGEL: Nicht jeder ist für diesen Beruf geschaffen.

Rabe-Kleberg: In der Tat, das sehen wir immer wieder. Manche Erzieher und Erzieherinnen haben den Beruf gewählt, weil sie glauben, dass sie mit kleinen Kindern gut zurechtzukommen. Sie haben die Vorstellung von hilfsbedürftigen, netten und machtlosen Wesen, die keine Widerworte geben. Doch die Realität sieht mitunter ganz anders aus. Kommt es doch dazu, reagieren manche mit Unterdrückung und Gewalt.

SPIEGEL: Was bedeutet das für den Alltag in einem Hort oder einem Kindergarten?

Rabe-Kleberg: Wer Macht und Gewalt ausübt, laut wird und die Kinder einschüchtert, hält seinen Laden auf den ersten Blick ruhig. Manche kompensieren dadurch mangelnde Autorität. Doch damit hat das nichts zu tun. Die Kinder trauen sich nicht, sich zu wehren. Dem Personal erscheint es effektiv. Doch damit verstoßen die Angestellten gegen ihre Fürsorgepflicht.

SPIEGEL: Was fordern Sie für Kitas, damit der Kindesschutz gewahrt werden kann?

Rabe-Kleberg: Es gibt sehr viele sehr gute Kitas in unserem Land. Aber Träger und Teams sollten einen ethischen Kodex für ihre Arbeit aufstellen: Wie wollen wir arbeiten? Wie diskutieren? Was verurteilen wir? Wenn sich eine offene Kommunikationskultur etabliert mit mehr gegenseitiger Kontrolle, fallen Kinder und Angestellte nicht durch das Raster. Wir müssen keine Polizei vor den Kitas aufstellen, aber wir müssen wissen, was dort passiert.

SPIEGEL: Und worauf sollten Eltern achten?

Rabe-Kleberg: Auf die kleinste Veränderung des Kindes. Dafür müssen sie nicht zehn Semester Erziehungswissenschaften studiert haben. Sobald der Nachwuchs bockiger oder ängstlicher wird, sich wieder einnässt oder sich weigert, in die Kita zu gehen, sollten Eltern hellhörig werden und das Gespräch mit dem Kind und der Einrichtung suchen.

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