"Falscher" Vorname Islam darf kein TV-Star sein

Der Neunjährige war stolz, sah sich schon als Kandidat einer beliebten französischen Kindershow. Doch der Junge wurde abgelehnt - wegen seines Vornamens. Nun streitet Frankreich über die Diskriminierung des kleinen Islam.

Von Henning Lohse, Paris


Paris - Farah Alaouchiche dachte zunächst, es handele sich um einen schlechten Witz.

Eine Dame von der TV-Produktionsfirma, bei der sich ihr neunjähriger Sohn Islam für eine Castingshow beworben hatte, teilte ihr mit, dass der Junge als Kandidat akzeptiert sei - allerdings mit einer Einschränkung: "Die Dame sagte 'Alles okay für die Sendung, aber Ihr Sohn darf nicht mit diesem Vornamen auftreten'", sagte Farah Alaouchiche der Zeitung "Le Parisien" und fügt hinzu: "Ich war sprachlos."

Dann sah die aus Algerien stammende Frau das entsetzte Gesicht ihres Sohnes Islam. Dem Neunjährigen schossen die Tränen in die Augen. "Die Absage fühlte sich an wie eine schallende Ohrfeige, es war ein furchtbarer Schock", erzählt Farah Alaouchiche. "Wie betäubt" verließen Mutter und Sohn das Fernsehstudio, flüchteten nach Hause in den Pariser Vorort Colombes.

Seitdem die Geschichte von Islams Demütigung durch die Berichterstattung im "Parisien" bekannt wurde, wird der Fall in Frankreich heftig diskutiert. Der Anteil von Muslimen in der Bevölkerung beträgt acht Prozent - die TV-Absage gilt nun vielen als Paradebeispiel für die Fremdenfeindlichkeit, für die mangelnde Integrationsbereitschaft der französischen Gesellschaft.

Ein Hagel von Protesten ging auf die Pariser TV-Produktionsgesellschaft "Angel Production" nieder. Deren Mitarbeiter testen im Auftrag des Kinder- und Jugendsenders Gulli Kandidaten für ein bei Frankreichs Nachwuchs extrem populäres Fernsehquiz. "In ze boite" heißt die Sendung mit und für Kinder, was sich am besten mit "Es ist geschafft" übersetzen lässt.

Islam erzählte schon in der Schule von seinem Auftritt

Islam dachte, er habe es geschafft. Der große Fan des Kinderquiz' präsentierte sich mit seinem besten Freund Jules und seiner Mutter zum entscheidenden Kameratest. Im Internet hatte Islam sich mit Hilfe seiner Eltern beworben und die Vorauswahl geschafft. Als dann die Einladung ins Studio kam, wähnte der junge Basketballfan sich am Ziel seiner Träume. Stolz erzählte Islam in der Schule, dass er demnächst im Fernsehen auftreten werde.

Farah Alaouchiche erinnert sich noch genau, wie der Traum ihres Sohnes zerplatzte. "Die Dame sagte, es gebe ein Problem. Der Name "Islam" für einen Jungen - das sei so, als wenn ein Mädchen verschleiert auftreten würde." Ein Casting-Kollege habe dann noch nachgelegt, indem er sagte, dass "der Islam eine Religion repräsentiere, die von den Franzosen nicht geliebt werde", berichtet Alaouchiche im "Parisien".

Um die Kandidatur des aufgeweckten Islam zu retten, zeigten sich die beiden Casting-Mitarbeiter dann sehr kreativ. Sie schlugen vor, Islam unter einem anderen Vornamen auftreten zu lassen.

"Sie kamen mit 'Mohammed' und 'Sofiane' an", erinnert sich die Mutter, die dieses Ansinnen kategorisch zurückwies. "Als wir dann gingen, hieß es, man würde uns anrufen. "Der Anruf kam nicht. "Ich bin ganz traurig und frage mich, was ich denn falsch gemacht habe", wird Islam im "Parisien" zitiert.

In der Schule werde er als Aufschneider gehänselt, "weil ich vom Fernsehauftritt erzählt habe und dann ist nichts passiert". Eigentlich wollte Islam, der gerne in Jogginganzügen herumläuft, demnächst in einen Basketballverein eintreten. "Aber jetzt habe ich keine Lust mehr, wer weiß, ob man mich da überhaupt will."

Eltern zogen Anzeige in Erwägung

Islams Eltern zogen sogar eine Anzeige gegen die Produktionsfirma in Erwägung. Und könnten auf politische Unterstützung zählen. Die Staatssekretärin für Stadtentwicklung, Fadela Amara, nahm kein Blatt vor den Mund, als sie jetzt von dem Fall erfuhr. "Das ist ein Skandal, einfach zum Kotzen."

Amara, die aus einer algerischen Einwandererfamilie stammt, zeigte sich besonders betroffen von den möglichen Auswirkungen auf die Psyche des Jungen. "Ein gewaltiger Schlag gegen diesen Knirps, der sich gerade eine eigene Persönlichkeit aufbaut. Die Verletzung geht tief." Dann sprach die Politikerin Amara: "Das ist nicht die Republik, in der ich leben möchte. Schluss mit dem Schweigen, dieser Fall muss vor die Justiz."

Beim TV-Sender Gulli ist man um Schadenbegrenzung bemüht, distanziert sich vom Casting und betont, dass es "keine entsprechenden Vorgaben an die Produktionsgesellschaft gibt oder gab". Die Castingfirma "Angel Production" verweist darauf, dass "Islam nicht wegen seines Vornamens unberücksichtigt blieb, sondern weil es bei 2000 Bewerbern nicht genug Plätze für alle gibt". Im Übrigen sei der Vorname kein Problem, sonst "hätte man Islam ja gar nicht erst ins Studio eingeladen".

So ganz sicher scheint "Angel Production" aber nicht zu sein, heißt es doch im offiziellen Statement der Firma: "Die Casting-Mitarbeiterin hat nicht so reagiert, wie es hätte sein sollen. Da sind Worte gefallen, die einen kleinen Jungen verletzt haben."

Eigentlich sollte das Kind Islem heißen

Doch genau um diese Worte geht es den Eltern, die den Vorfall mit Hilfe der Justiz akribisch aufarbeiten wollen. Nach der Geburt ihres Sohnes in Marseille waren Farah und Billel Alaouchiche schon einmal das Opfer eines Fehlers. Sie wollten ihren Sohn Islem nennen, der Schreibfehler eines französischen Beamten machte daraus dann Islam.

Die Hauptperson in diesem Skandal hat auf ganz eigene Art die Konsequenzen gezogen. "Ich gucke nicht mehr dieses blöde Quiz", sagt Islam. Stattdessen hat er eine neue Leidenschaft für die TV-Serie "Die Simpsons" entdeckt. Die flimmert zur gleichen Zeit bei der Konkurrenz über den Bildschirm.

In den Skandal um das TV-Verbot für Islam hat sich jetzt der Multimillionär und Sarkozy-Freund Arnaud Lagardère eingeschaltet. Der Großindustrielle und Medienunternehmer ist Besitzer des TV-Senders Gulli. Mit einem persönlichen Anruf hat Lagardère sich bei den Eltern des Jungen entschuldigt. Lagardère kündigte in dem Telefonat "eine interne Untersuchung des Skandals an, der gegen alle Werte des Unternehmens" verstoße.

Der Vater von Islam, Billel Alaouchiche, zeigte sich "gerührt vom Anruf des Herrn Lagardère". Zufrieden nahm er zur Kenntnis, dass der Besitzer des TV-Senders eine Gegenüberstellung der Casting-Mitarbeiterin mit der Familie Alaouchiche organisieren möchte. "Außerdem hat er uns versprochen, dass Islam in der Quizsendung auftreten darf."



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