Statistisches Bundesamt Jugendämter sehen so häufig Kindeswohl gefährdet wie noch nie

In Deutschland drohen immer mehr Minderjährige in ihren Familien zu verwahrlosen oder sie erleben Misshandlungen. Das belegen neue Zahlen. Die Erklärungen dafür gehen auseinander.
Einsamer Teddybär: 58 Prozent der als gefährdet eingestuften Kinder wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf

Einsamer Teddybär: 58 Prozent der als gefährdet eingestuften Kinder wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf

Foto: Jan Håkan Dahlström / plainpicture

Die Jugendämter in Deutschland haben 2019 bei rund 55.500 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt - das ist ein neuer Höchststand seit Einführung der Statistik im Jahr 2012. Konkret waren es zehn Prozent mehr Fälle als 2018, wie das Statistische Bundesamt berichtete .

"Ein Grund für den Anstieg könnte die umfangreiche Berichterstattung über Missbrauchsfälle in den vergangenen beiden Jahren sein, die zu einer weiteren generellen Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie der Behörden geführt haben dürfte", lautete eine mögliche Erklärung. "Gleichzeitig können auch die tatsächlichen Fallzahlen gestiegen sein", hieß es.

Bundesweit hatten die Jugendämter 2019 mehr als 173.000 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung geprüft. Das waren rund 15.800 mehr als 2018. Den neuen Ergebnissen zufolge war jedes zweite gefährdete Kind jünger als acht Jahre.

Die meisten Minderjährigen wuchsen bei Alleinerziehenden auf (42 Prozent). Bei beiden Eltern gemeinsam lebten 38 Prozent, bei einem Elternteil in neuer Partnerschaft 11 Prozent. Neun Prozent lebten bei anderen Verwandten, in einer Pflegefamilie, in Einrichtungen, waren ohne festen Wohnort oder lebten an einem unbekannten Ort.

Hinweise kommen am häufigsten von Polizei und Justiz

Etwa die Hälfte der gefährdeten Kinder und Jugendlichen nahm zum Zeitpunkt der Gefährdungseinschätzung bereits eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch. Nur vier Prozent von ihnen hatten selbst Hilfe beim Jugendamt gesucht. Am häufigsten kam ein Hinweis von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft (22 Prozent), Schulen und Kitas (17 Prozent) oder aus dem privaten Umfeld beziehungsweise anonym (15 Prozent).

Die meisten gefährdeten Kinder - 58 Prozent - wiesen der Statistik zufolge Anzeichen von Vernachlässigung auf. Bei rund einem Drittel aller Fälle (32 Prozent) gab es Hinweise auf psychische Misshandlungen wie Demütigungen, Isolierung oder emotionale Kälte. In weiteren 27 Prozent der Fälle gab es Indizien für körperliche Misshandlungen, bei fünf Prozent Anzeichen für sexuelle Gewalt.

Besonders starker Anstieg bei sexueller Gewalt

"Auch wenn Kindeswohlgefährdungen durch sexuelle Gewalt mit rund 3000 Fällen am seltensten festgestellt wurden, war hier prozentual ein besonders starker Anstieg zu beobachten", berichteten die Statistiker. Von 2018 auf 2019 nahmen die Fälle durch sexuelle Gewalt gegen Kinder demnach um 22 Prozent zu.

2019 registrierten die Jugendämter auch mehr betroffene Jungen. "Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass inzwischen auch Jungen häufiger als potenzielle Opfer sexueller Gewalt wahrgenommen werden", so das Statistische Bundesamt. Trotzdem sind Mädchen weiterhin am häufigsten betroffen.

Die Jugendämter sind in diesen Fällen verpflichtet, einzugreifen: In 20 Prozent aller Fälle schaltete das Jugendamt das Familiengericht ein, in 16 Prozent nahm es die Kinder vorübergehend in Obhut.

Bei weiteren knapp 60.000 Kindern und Jugendlichen sahen die Jugendämter Hilfe- und Unterstützungsbedarf, stellten aber keine Kindeswohlgefährdung fest. Die Zahl dieser Fälle nahm um 12 Prozent zu.

In rund 58.400 Fällen bestätigte sich der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung nicht. Das waren acht Prozent mehr als im Vorjahr.

kko/dpa