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30. Juni 2008, 17:48 Uhr

Fanfest in Berlin

Versöhnung mit den Final-Verlierern

Sie haben im Finale schlecht gespielt, sie wurden nur Zweiter - doch Berlin empfing die deutschen Nationalspieler, als seien sie die neuen Europameister. Zigtausende Fußballfans feierten die Löw-Elf als "Sieger der Herzen".

Berlin - Die 29-jährige Erzieherin Katrin Maluschka hatte sich extra freigenommen, um am Montagnachmittag dabei zu sein. "Die Deutschen haben zwar schlecht gespielt, trotzdem war es schön, dass sie ins Finale gekommen sind", sagte sie und gab damit die Tonlage des Tages vor: realistisch, aber großmütig.

Die 63-jährige Rentnerin Agnes, die mit ihren sechs Freundinnen vom "Kaffeekränzchen" aus dem niedersächsischen Spelle angereist war, schloss sich an: "Wir wollten unbedingt unsere Nationalspieler sehen", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Und auch Marian und Patrick, beide 14, aus Berlin-Pankow sicherten sich erst einen der Bälle, die die Kicker in die Menge geschossen hatten, und waren sodann voll des Lobes. "Es hat sich voll gelohnt hierher zu kommen, weil Schweini so cool ist. Und in zwei Jahren gewinnen wir die WM."

Es wäre so schön.

Den Pott hatten sie zwar nicht im Gepäck, doch der Empfang durch die Fans hätte für die Nationalmannschaft herzlicher kaum ausfallen können. Löws Elf erreichte Berlin nicht als Gewinner des Turniers, sondern wieder einmal als "Sieger der Herzen", die Fans aber vergaben ihnen.

Auf einem kleinen Laufsteg paradierten die Spieler am Publikum vorbei - begleitet von Applaus und Jubelrufen. Mannschaftsclown Lukas Podolski ließ sich dann, es war gegen drei Uhr, von ARD-Moderatorin Monica Lierhaus das Mikrofon reichen und tobte in bester Animateurmanier über den Laufsteg. "Gebt mir ein H", brüllte er, "gebt mir ein U" - ein M, ein B, ein A. Das Publikum grölte. Humbahumbahumbatätätärä! Poldi: "Die Stimmung war überragend in den Stadien und auf den Fan-Meilen. Da kann man nur danke sagen."

Auch Co-Trainer Hansi Flick schmeichelte: "Die Unterstützung der Fans ist einmalig." Bastian Schweinsteiger äußerte sich glücklich über die Leistung der Mannschaft und versprach vollen Einsatz, um bei der nächsten Gelegenheit siegreich ans Brandenburger Tor zurückzukehren: "Wir werden alles geben und versuchen, so schnell wie möglich hier mit einem Pokal aufzukreuzen." Miroslav Klose lobte den Zusammenhalt der Nationalelf. "Wir haben es geschafft, wirklich ein Team zu werden", sagte er. "Wir haben alle super zusammengehalten."

Auch Kapitän Michael Ballack bedankte sich: "Ohne die Fans hätten wir es nicht geschafft." Dann erinnerte er noch einmal kurz an den traurigen Vorabend: "Wenn man so weit kommt, ist man enttäuscht - nach so vielen Wochen harter Arbeit. Es ist immer bitter, wenn man ein Finale verliert."

Die Spieler präsentierten sich in T-Shirts, auf denen neben der Aufschrift "So gehen die Deutschen bis 2010" Figuren zu sehen waren, die aufrecht und nebeneinader stehend die Geschlossenheit des Teams symbolisieren sollten.

"Natürlich freuen wir uns, dass wir Zweiter geworden sind, aber wenn man im Endspiel steht, will man natürlich auch gewinnen", sagte Torsten Frings in einer Fragerunde mit Lierhaus und ZDF-Moderator Johannes B. Kerner.

Dann stieg Komiker Oliver Pocher auf die Bühne und ließ sich von Podolski ein Bier über den Kopf schütten. "So gehen die Spanier", sang er und watschelte in gebückter Haltung über den Laufsteg. "So laufen die Deutschen", fuhr er fort, sprang auf und riss die Arme in die Höhe. Die Nationalspieler und die Fans machten mit. Nach einer knappen Stunde dann war der Auftritt des Nationalteams vorbei.

Die Sondermaschine der Lufthansa aus Wien war erst am Mittag auf dem Flughafen Tegel gelandet. Die Feuerwehr besprühte den Flieger zur Begrüßung aus zwei Wasserrohren. Zuvor hatte es bereits einen Testlauf mit einem kleineren Jet gegeben, um die Windrichtung und -stärke zu bestimmen. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw fuhr dann begleitet von einer Polizeieskorte mit Bussen zum Brandenburger Tor.

Dort warteten nach Polizeiangaben schon seit Stunden rund 150.000 Fans auf die Vizeeuropameister und ließen sich unter anderem von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in Stimmung bringen. Viele waren wie zu den Spielen in Flaggen gehüllt oder hatten sich in den Nationalfarben bemalt.

Entlang der Meile konnten Anhänger ihre Grüße an die Mannschaft auf Plakatwände schreiben. "Vize ist auch gut", notierte einer. "Vielen Dank für die großartige Zeit", hieß ein anderer Spruch.

"Die ersten Fans haben auf den Einlass um 10 Uhr gewartet", sagte ein Sprecher des Veranstalters. Sie sicherten sich bereits an der Bühne am Brandenburger Tor ihre Plätze. Bilder wurden auch auf vier Großbildleinwände auf der Straße des 17. Juni übertragen.

Die deutsche Mannschaft wollte sich mit einem Fest auf der größten deutschen Fanmeile für die Unterstützung während des Turniers bedanken. "Nach der WM ist Berlin so etwas wie ein Zuhause für uns geworden", sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Am Nachmittag wird sich das Löw-Team bei einem Empfang auch ins Gästebuch der Hauptstadt eintragen.

Das EM-Finale hatte Deutschland am Sonntagabend in Wien mit 0:1 gegen Spanien verloren.

jdl/dpa/sid/AP

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