Fashion Week in Kiew Modische Botschaften

Die Macher der Fashion Week in Kiew dachten daran, die Modewoche zu verschieben - sie entschieden sich anders: Die Schauen finden statt. Die Krise ist jedoch auch auf den Laufstegen allgegenwärtig.

POUSTOVIT

Von Sophia Münder


Kiew - Nur 15 Minuten Fußweg liegt die Ukrainische Modewoche vom Maidan entfernt. Seit 17 Jahren findet die Fashion Week in Kiew statt, so auch in diesen Tagen, trotz der angespannten Lage im Land. "Wir haben darüber nachgedacht, die Modewoche zu verschieben, aber wir wussten, dass wir es jetzt tun mussten", sagte Iryna Danylevska, Organisatorin der Fashion-Week. Die Schauen müssen weitergehen.

40 Designer, hauptsächlich aus der Ukraine, zeigen hier noch bis Mittwoch ihre Kollektionen. Die Krise ist auch hier allgegenwärtig, auch weil sie die Designer mit ihren Kollektionen zum Thema machen.

Der ukrainische Designer Jean Gritsfeldt wollte unbedingt jetzt seine Kollektion zeigen. Für die Fashion Week sei es die beste Zeit, sagt er. "Die ganze Welt schaut im Moment auf die Ukraine."

Für seine Show ließ Gritsfeldt seine Models bei laufendem Betrieb durch einen Supermarkt laufen. Aber nicht so wie es Karl Lagerfeld gerade in Paris tat, mit extra aufgestellten Regalen voller Flaschen und Konservendosen; dieser hier war echt - auch Demonstranten kauften hier ihre Lebensmittel ein. Seine Models trugen Pullover, die mit den Köpfen von Prominenten wie Mao oder Madonna bedruckt sind - aus ihren Mundwinkeln rinnt Blut.

"Wir wollen in Frieden und nicht im Krieg leben"

Die zugerichteten Gesichter seien seine Reaktion auf die Gewalt, nicht nur in der Ukraine, sondern auf der ganzen Welt. "Jeder versucht mit seiner Mode seine politische Meinung auszudrücken. Wir wollen in Frieden und nicht im Krieg leben", sagt Gritsfeldt. Einige der Designer haben selbst auf dem Maidan demonstriert.

Die einen würden ihre Botschaft offensichtlicher kommunizieren, die anderen etwas raffinierter, sagt Gritsfeldt. Das Label Zalevskiy verwandelte seine Models in Gefangene und ließ sie über einen Laufsteg gehen, der von Zäunen umgeben war. Models lagen leblos daneben und sollten Tote darstellen. Andere ließen Shirts mit "Stop Regime!" oder "Stop Putin" bedrucken. Die Designerin Liliya Poustovit schickte ihre Models in den Nationalfarben Blau und Gelb über den Laufsteg. Die langen pastellfarbenen Kleider lassen sie unschuldig und märchenhaft wirken - der politische Bezug wird erst auf den zweiten Blick klar.

Auch eine deutsche Designerin zeigte in Kiew ihre Mode. Die Menschen dort seien noch neugierig, es herrsche eine Aufbruchstimmung, sagt die Düsseldorfer Modeschöpfern Annette Görtz. Bereits zum zehnten Mal ist sie auf der Fashion Week in Kiew dabei. Sie betreibt mehrere Läden in der Ukraine und in Russland. Ihre Kollektion besteht vorwiegend aus eleganten, schwarzen Schnitten und langen Mänteln.

"Wir können da nicht so streng sein"

Dieses Jahr habe sie die Modewoche ganz besonders unterstützen wollen. "Die Stimmung der ukrainischen Einkäufer auf den Messen in Deutschland war bedrückend. Niemand wusste, wie es mit seinem Unternehmen weitergeht." Mit der Teilnahme an der Fashion Week habe sie ein Statement setzen wollen. "Wir wollen zeigen, dass wir an das Geschäft mit der Mode in der Ukraine glauben."

Während in den letzten Jahren auch viele russische Designer in Kiew ihre Mode zeigten, ist dieses Jahr zum ersten Mal niemand aus dem mächtigen Nachbarland dabei. Die Absagen hätten aber keine politischen Gründe gehabt, ließ Veranstalterin Iryna Danylevska mitteilen.

Allerdings sei die russische Presse, die sonst immer sehr stark vertreten war, dieses Mal bewusst weggeblieben, weil sie sonst in ihrer Berichterstattung eingeschränkt worden wäre. In den letzten Jahren hatten russische Medien immer positiv von der Modewoche in Kiew berichtet, denn es gibt keine andere Veranstaltung, die mit den Schauen in Moskau und St. Petersburg vergleichbar ist. Positive Nachrichten und vergleichsweise seichte Themen aus der Ukraine sind offenbar im Moment schlicht nicht erwünscht.

Zwischen Russland und der Ukraine hatte es immer eine starke Kooperation gegeben. Die Ukrainische Designerin, Liliya Poustovit, die in der Ukraine sehr bekannt ist, zeigte regelmäßig in Russland. Ende März findet die Fashion Week in Moskau statt. Vielleicht fährt auch der ukrainische Designer Gritsfeldt in die russische Metropole. "Wir können da nicht so streng sein, es ist eben ein Geschäft."



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