S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Die Andrea Berg der Ericusspitze

Genug gefeiert, jetzt beginnt die Zeit der Besinnung. Über die schlechten Dinge dieser Welt wollen wir nicht mehr nachdenken. Stattdessen ist Optimismus gefragt: Ist es nicht klasse, dass Riesenviren auch nach 30.000 Jahren wieder aktiv werden können?

Eine Kolumne von Silke Burmester


Manchmal ist das Timing einfach perfekt: Wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi und der Aufmarsch der Russen in der Krim-Krise einander ablösten, Chapeau! Das ist eine Choreografie, eine Stabübergabe, wie sie nur ein großer Staatsmann hinbekommt. Wie schön, dass wir noch einmal gemeinsam feiern durften, uns der Gastfreundschaft Putins erfreuen, bevor der Herrscher, nun ja, sagen wir, die Laune wechselte und demonstrierte, was er außer Völkerverständigung noch so drauf hat.

So ähnlich funktioniert es auch mit dem Karneval. Erst hoch die Tassen, runter mit der Etikette und dann direkt ab in die Fastenzeit. Auf die Sause folgt die kalte Brause der Enthaltsamkeit. Da, so können Sie sich denken, will ich nicht fehlen. Es geht beim Fasten darum, auf etwas Liebgewonnenes zu verzichten. Auf eine Gewohnheit. Auf etwas, das man für unerlässlich hält, um sich im Verlust wahrzunehmen. Zu spüren, was der Verzicht mit einem macht - um das, auf das man nun verzichtet, wieder mehr zu schätzen.

"Achtsamkeit" ist so ein Wort, das Redakteurinnen von "Stern Gesund leben" in diesem Kontext niederschreiben würden. Ich tu das natürlich nicht, sondern spreche lieber davon, "mal wieder was zu merken". By the way: Habe ich schon erzählt, dass es Ski-Yoga gibt?

Ja, Sie haben richtig gehört: Ski-Yoga. Und weil wir kein Lachfasten machen, vergegenwärtigen wir uns das noch einmal, Ski-Yoga, und ergötzen uns aus vollen Zügen. Ganz bewusst. Horchen in uns hinein und spüren, wie der Brüller sich aus den Tiefen unseres Seins, vom Wurzelchakra kommend, seine Bahn bricht. Bahn bricht im Angesicht von Wellness-Marketingschwachmaten und schwäbischen Frauen mit abgebrochenem Ethnologiestudium, die sich zur Yoga-Lehrerin ausbilden lassen und auf die Idee kommen, so etwas wie Ski-Yoga anzubieten. Fragt sich, wann Radfahr-Yoga angeboten wird oder Hundeausführ-Yoga, bei denen man lernt, die frische Luft wahrzunehmen.

Also, wie gesagt: Auch ich will auf etwas verzichten, das für mich essentiell ist. Zur Freude vieler meiner Leser, jener, die immer die freundlichen Briefe schreiben, werde ich mit dem Denken über schlimme Dinge aufhören. Der Werberat, die NPD, Steuerbetrüger, Gefahrengebiete, das Freihandelsabkommen - das alles soll mir den Buckel runterrutschen. Stattdessen will ich versuchen, mal das Schöne in der Welt zu sehen. Mich den guten Dingen zuzuwenden. Was die Volksmusik für das deutsche Fernsehen ist, will ich für SPIEGEL ONLINE sein: Die kitschig-heile, auf Optimismus getrimmte Stimme. Für ein paar Wochen werde ich die Andrea Berg der Ericusspitze sein. Ortsfremden sei gesagt: Das ist keine spezielle Sextechnik, sondern die Adresse des Verlagsgebäudes.

Ich will auf das Schöne gucken, das Gute. Und schon heute will ich damit beginnen. Das fällt mir gar nicht schwer, denn just dieser Tage hat die AOK eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, wie glücklich Familien in diesem unserem schönen, liebenswerten Land sind. Folgt man der Aussage der Eltern, so sind 80 Prozent der Kinder gesund. Auch sie selbst leiden an fast gar nichts. 72 Prozent der Eltern haben keine oder nur geringe finanzielle Sorgen. Meine Güte, ist das schön!

30.000 Jahre Minusgrade - und nicht tot zu kriegen!

Aber es geht noch besser. Noch schöner. Mit noch mehr Perspektive. Und Optimismus. Denn Forscher, so las ich dieser Tage, haben ein 30.000 Jahre altes Virus aufgetaut. Nicht, dass es 28.000 v. Chr. schon Gefriertruhen gab, nein, das Virus kühlte im Permafrost vor sich hin. Französische Wissenschaftler haben es nun aus der Kältestarre geholt und siehe da: Sie konnten es wiederbeleben. 30.000 Jahre Minusgrade und nicht totzukriegen!

Obendrein handelt es sich um ein Riesenvirus, was sich auf jeden Fall spannender anhört, als hätte man nur ein normalgroßes Virus nach 30.000 Jahren wieder lebendig gekriegt. Natürlich haben die Forscher, die sich nicht an meiner Fasten-Denk-Zeit beteiligen, nichts Besseres zu tun, als mal wieder den Horror herbeizureden und von den möglichen Bedrohungen durch aktuell noch gefrorene Viren, insbesondere Riesenvieren zu faseln. Ich aber, die das Dasein jetzt positiv sieht, freue mich ob des vielseitigen Lebens, das Dank des Klimawandels erwachen könnte. All diese winzig kleinen Geschöpfe, die - wenn wir den Christen glauben - Gott persönlich erschaffen und wohlmöglich absichtlich im Permafrost für uns aufgehoben hat. Denn eines stimmt ja: Wir sind sehr gelangweilt. Zumindest wir, denen es gutgeht.

Wir müssen ständig Geräte erfinden, auf denen wir rumdrücken, um uns lebendig zu fühlen. Wir wissen gar nicht, wohin mit unserem Geld, weswegen wir mehr Schuhe kaufen, als wir zum Gehen brauchen. So gesehen ist das ganz schön weitsichtig, vor 30.000 Jahren etwas ins Eis gebettet zu haben, das jetzt lebendig wird und die Bude aufmischt!

Ach, ich bin so froh, dass ich die Dinge jetzt so optimistisch sehe! Da macht das Leben gleich viel mehr Spaß.

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
namenfrei 08.03.2014
1. Auf Armut verzichten.
Zitat von sysopGenug gefeiert, jetzt beginnt die Zeit der Besinnung. Über die schlechten Dinge dieser Welt wollen wir nicht mehr nachdenken. Stattdessen ist Optimismus gefragt: Ist es nicht klasse, dass Riesenviren auch nach 30.000 Jahren wieder aktiv werden können? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fasten-silke-burmester-ueber-enthaltsamkeit-a-957443.html
FRAU BURMESTER, Wie wäre es mit dem Verzichten auf Armut ?? Die Wohlhabenden werden immer Exzentriker. Fasten auf einem Yogi-Kloster, in Nepal. Fasten in einem Franziskaner Orden irgendwo am Mittelmeer oder im behaglichen Bayern. Fasten in einer Hütte mitten in den Alpen mit Edelweiß-Duft. Fasten in einer Ayurveda Klinik am liebsten in Sri Lanka. Selbstverständlich nur für zwei Wochen und alles MEDITATIV inklusive.
taglöhner 08.03.2014
2.
Hochform, Frau Burmester! Fand ich richtig lustig. Hundeausführ-Yoga hab' ich schon hinter mir.
telltaleheart 08.03.2014
3. Liebe Frau Bergmester!
Zitat von sysopGenug gefeiert, jetzt beginnt die Zeit der Besinnung. Über die schlechten Dinge dieser Welt wollen wir nicht mehr nachdenken. Stattdessen ist Optimismus gefragt: Ist es nicht klasse, dass Riesenviren auch nach 30.000 Jahren wieder aktiv werden können? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fasten-silke-burmester-ueber-enthaltsamkeit-a-957443.html
Ja, auch ich habe erst kürzlich interessiert, mit einem nervösen Zucken im Lid, von Ski-Yoga erfahren und es spontan als DEN Abfahrtslauf zur inneren Mitte erkannt. Ich persönlich bevorzuge allerdings Armbrust-Akkupunktur. Damit sind wirklich alle Schmerzen dahin. Noch faszinierter freilich verschlang ich die Artikel über das Riesenvirus aus dem Permafrost. Sofort sah ich Kindheitsfantasien wahr werden und ein gigantisches Virus, vom Gefrierbrand gezeichnet, durch Tokyo oder, im Remake, durch New York stapfen. Hach, das könnte einen selbst kleine Oben-Ohne-Diktatoren mit Expansionsdrang für einen Augenblick vergessen lassen. Und schließlich: Danke für diesen Text, der uns erahnen lässt, dass wir auch in Ihrer Fastenzeit nicht darben müssen!
woschma 08.03.2014
4. Open mind wagen
Als jemand,dem doch recht schnell kalt wird, stehe ich Permafrost ja eher skeptisch gegenüber. Ich muss aber natürlich eingestehen, dass wir in unserer Achtung und Respekt vor Andersdenkenden/ Minderheiten/ Andersseienden und vielfältigsten Lebensentwürfen auch einem neuen alten Virus open minded und unvoreingenommen entgegen treten müssen. Ob's direkt Begrüssungsgeld und Recht auf Arbeit bekommen soll, kann man ja gerne diskuttieren (Jauch, Illner). Und natürlich kann man auch gerne in Bayern über Wirtschaftsflüchtlingsviren nachdenken. Aber wir alle sollten dennoch offenen Herzens rufen : "Hallo, schön, dass Du (wieder) da bist!" Entschädigungsfragen (30.000 Jahre eingesperrt ist sicher nicht so ohne) sollten auch zügig und grosszügig geklärt werden. Mindestens ein EU-Ressort für Permafrost-Viren müsste schnell möglich sein.
blauervogel 08.03.2014
5. Sehen Sie, es geht doch!
Zitat von sysopGenug gefeiert, jetzt beginnt die Zeit der Besinnung. Über die schlechten Dinge dieser Welt wollen wir nicht mehr nachdenken. Stattdessen ist Optimismus gefragt: Ist es nicht klasse, dass Riesenviren auch nach 30.000 Jahren wieder aktiv werden können? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/fasten-silke-burmester-ueber-enthaltsamkeit-a-957443.html
Tatsächlich, liebe Frau Burmester, macht das Leben viel mehr Spaß, wenn frau und mann die Dinge manchmal leichter und optimistischer sieht. Das bedeutet ja nicht, vor den traurigen und bösen Seiten des Lebens die Augen zu verschließen. Aber immer und Alles nur negativ zu sehen, nutzt nur der Bildung einer Depression und eines Magengeschwürs. Und es verbittert auf Dauer. Beim heutigen schönen Wetter sollten Sie die Sonne genießen und nicht nur an Ozon, Hautkrebs und Klimaerwärmung denken. Und wenn Sie dann in einigen Wochen Achtsamkeit soweit sind, können sie sich etwas Überflüssiges gönnen und ein Paar schöne Sommerpumps, ein hübsches Kleid oder vielleicht sogar als Gipfel der Verschwendung Dessous kaufen. Das macht besonders Spaß wenn frau mit einer lebensbejahenden Freundinn unterwegs ist. Falls Sie nur Freundinnen haben, die wie scheinbar Sie, nur eine klagende bis depressive Weltsicht haben, so helfe ich ihnen gerne und gebe ihnen einige Tipps. Und bevor Sie auf die Idee kommen sollten, mit Frau Berg zusammen einkaufen zu gehen, gehe ich sehr gerne mit ihnen shoppen! Wir setzen uns in ein Strassencafé und für kurze Zeit blenden wir einmal das ganze Elend der Welt aus und genießen den Augenblick. Danach können Sie gestärkt, wieder ihre Finger in alle offenen Wunden legen und berechtigt Salz hinein streuen. Liebe sonnige Grüße nach Hamburg. :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.