Ferguson nach Tod von Michael Brown Eine Kleinstadt erhebt sich

Ein erschossener Teenager, ein überforderter Polizeichef, eine Stadt in Aufruhr: Mehr als eine Woche liegen die Schüsse von Ferguson zurück. Was ist seitdem geschehen? Was kann die Nationalgarde jetzt ausrichten? Der Überblick.

Demonstranten in Ferguson: Proteste gegen die Polizei
AFP

Demonstranten in Ferguson: Proteste gegen die Polizei


Ferguson - Die Lage in Ferguson spitzt sich weiter zu. Wegen der anhaltenden Unruhen in der 20.000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Missouri hat Gouverneur Jay Nixon nun den Einsatz der Nationalgarde angeordnet. Die Einheiten sollten dabei helfen, die Ruhe in dem Vorort von St. Louis wiederherzustellen und die Bürger zu schützen, sagte Nixon.

Neun Tage sind seit dem Tod des 18-Jährigen Michael Brown vergangen. Neun Tage mit widersprüchlichen Aussagen und Sichtweisen, verschiedenen Polizeistrategien, mehreren Obduktionen. Doch die entscheidende Frage ist noch immer ungeklärt: Was genau geschah in den verhängnisvollen Minuten am 9. August auf dem Canfield Drive in Ferguson?

Hier der Fall im Überblick:

Wer ist das Opfer?

Lesley McSpadden (l.) auf einer Demonstration nach dem Tod ihres Sohnes Michael Brown
AP/ St. Louis Post-Dispatch

Lesley McSpadden (l.) auf einer Demonstration nach dem Tod ihres Sohnes Michael Brown

Der 18-jährige Michael Brown wurde wegen seiner Statur als "freundlicher Riese" beschrieben, sein Spitzname: Big Mike. Nach Darstellung seiner Großmutter hätte er nun das Vatterott-College besuchen sollen, eine private Berufsschule, wo er eine Ausbildung zum Toningenieur machen wollte. Sein Onkel Charles Ewing sagte, Brown sei 1,95 Meter groß gewesen und habe rund 135 Kilo gewogen. Trotz seiner stattlichen Figur habe er nicht Football spielen wollen, "weil er niemandem wehtun wollte". Die Polizei veröffentlichte hingegen Videoaufnahmen, die den Teenager bei einem Ladendiebstahl zeigen sollen.

Was geschah am 9. August?

Brown war zusammen mit einem Freund zu Fuß auf einer Straße in Ferguson unterwegs. Ein Polizist forderte die beiden auf, den Bürgersteig zu benutzen - so schildert es Browns Begleiter später dem Sender CNN. Es kam zu einer Auseinandersetzung, kurz darauf fielen die tödlichen Schüsse. Klar ist derzeit nur: Der Teenager war unbewaffnet.

Wie schildert die Polizei den Tathergang?

Fergusons Polizeichef Thomas Jackson (am Freitag): Scharfe Kritik an seiner Truppe
AP

Fergusons Polizeichef Thomas Jackson (am Freitag): Scharfe Kritik an seiner Truppe

Die Polizei spricht von Notwehr nach einem Handgemenge. Demnach eskalierte die Situation, als der Polizist Darren W. in seinen Dienstwagen geschubst wurde. Es soll zu einer Auseinandersetzung gekommen sein, in deren Folge W. auf Brown feuerte. Noch im Auto sei ein Schuss gefallen, dann sei eine Reihe weiterer Schüsse gefolgt. W. sei bei dem Vorfall verletzt und mit "geschwollenem Gesicht" in einem Krankenhaus behandelt worden.

Was sagen Augenzeugen sowie Browns Familie und Freunde?

"Wir standen nur wenige Zentimeter neben dem Streifenwagen, als der Polizist versuchte, die Autotür aggressiv zu öffnen", sagt Browns Begleiter, der 22-jährige Dorian Johnson. Die Tür sei gegen ihre Körper geprallt und daraufhin wieder zugefallen.

Das anschließende Handgemenge schildert er so: Der Polizist habe Brown durch das geöffnete Fenster im Nacken gepackt, der 18-Jährige habe versucht, sich loszureißen. Dann habe W. seine Pistole gezogen und geschossen. Brown habe nach dem ersten Schuss die Arme gehoben, dennoch habe der Polizist weiter gefeuert. Zwei weitere Augenzeugen beschreiben den Tathergang ähnlich.

Viele Bewohner vermuten rassistische Motive hinter den Schüssen. Zwei Drittel der Bevölkerung in Ferguson sind schwarz, aber 50 der 53 Polizeibeamten der Stadt sind weiß; genauso wie Bürgermeister, Feuerwehr- und Polizeichef. Nach den tödlichen Schüssen versammelten sich Hunderte wütende Einwohner zu spontanem Protest am Tatort. Seither kommt es in der Stadt immer wieder zu Demonstrationen.

Was hat die Obduktion ergeben?

Insgesamt wird es drei Obduktionen geben: Die erste wurde von den Behörden des Bundesstaats Missouri durchgeführt. Über die Ergebnisse der Untersuchung ist kaum etwas bekannt. Zudem gaben Browns Eltern eine eigene forensische Analyse bei dem prominenten Pathologen Michael Baden in Auftrag. Diese habe ergeben, dass Brown von sechs Kugeln getroffen wurde, berichtet die "New York Times". Zweimal sei der 18-Jährige in den Kopf geschossen worden, vier Kugeln hätten Browns rechten Arm getroffen. Laut dem vorläufigen Ergebnis sind alle Kugeln von vorne abgefeuert worden. Das US-Justizministerium ordnete am Sonntag eine weitere Obduktion an. Der Schritt wurde mit den "außergewöhnlichen Umständen des Falls" begründet.

Wie entwickelte sich die Lage in Ferguson?

Bilder aus Überwachungskamera: Brown als Verdächtiger
REUTERS

Bilder aus Überwachungskamera: Brown als Verdächtiger

Nach Browns Tod kam es täglich zu Demonstrationen. Die Polizei in der Stadt fuhr schwere Geschütze auf und gab zunächst keine Details zu den tödlichen Schüssen bekannt - was die Stimmung zusätzlich aufheizte. Missouris Gouverneur Jay Nixon reagierte und übertrug die Verantwortung Mitte der Woche der bundesstaatlichen Highway Patrol. Einsatzleiter Ronald Johnson setzte auf Deeskalation, zeigte sich volksnah, begleitete die Demonstranten auf ihrem Marsch durch die Stadt - am Donnerstag blieb es friedlich.

Doch dann änderte sich die Stimmung durch eine Entscheidung der Stadtpolizei erneut: Am Freitag veröffentlichte Fergusons Polizeichef nicht nur den Namen des Schützen, sondern auch einen Bericht, der Brown zum mutmaßlichen Täter eines Raubes in einem Gemischtwarengeschäft macht. Der Zwischenfall in dem Laden soll sich kurz vor dem Tod des 18-Jährigen ereignet haben. Später stellte die Behörde klar, dass der Polizist, der auf Brown schoss, nichts von dem Verdacht gewusst habe. Browns Familie kritisierte die Veröffentlichung scharf: Die Polizei wolle den Teenager nachträglich in einem schlechten Licht darstellen.

Was soll die Nationalgarde ausrichten?

Feuerwehr in Ferguson: Neue Ausschreitungen in der 20.000-Einwohner-Stadt
REUTERS

Feuerwehr in Ferguson: Neue Ausschreitungen in der 20.000-Einwohner-Stadt

Am Wochenende flammten die Proteste in Ferguson wieder auf, es kam zu Plünderungen, ein Mann wurde angeschossen, Ausgangssperren wurden verhängt. Um die Lage unter Kontrolle zu bekommen, beorderte Gouverneur Nixon nun die Nationalgarde in die Stadt. Nach seiner Darstellung wird die Gewalt inzwischen von außen nach Ferguson getragen, die Täter würden Browns Familie und allen, die Gerechtigkeit verlangten, einen Bärendienst erweisen. Die Nationalgarde von Missouri untersteht sowohl dem Gouverneur (bei Einsätzen im Bundesstaat) als auch dem US-Präsidenten. Der Gouverneur kann ihren Einsatz etwa im Fall von Ausschreitungen und Naturkatastrophen anordnen.

wit/hut/AP/dpa/Reuters

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Seite 1
sigmaplus 18.08.2014
1. Glaubwürdig ?
---Zitat--- Das anschließende Handgemenge schildert er so: Der Polizist habe Brown durch das geöffnete Fenster im Nacken gepackt, der 18-Jährige habe versucht, sich loszureißen. ---Zitatende--- Dann muss der Polizist aber sehr lange Arme haben um einen 1,95m Mann aus dem Autofenster heraus am Nacken zu packen.
trevi 18.08.2014
2. Überzogene Reaktion -
Diese Fälle überzogener Polizei-Reaktionen in den USA häufen sich i.d.l.Jahren. Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch rassistische Hintergründe mitspielen. Auf jeden Fall aber fällt immer wieder auf, dass sich die Polizisten selbst bei grober Schuld gegenseitig decken u.falsche Aussagen machen. Während man in den USA kaum Änderung im Pol.Verhalten erwarten darf, sollte man diese Auswüchse in der Deutschen-Polizei-Ausbildung als Fallbeispiele "für falsches Verhalten" heranziehen, damit es hierzulande auch nicht nur annähernd so weit kommt. -Gewisse Tendenzen sind hier und dort leider zu erkennen.-
petrapanther 18.08.2014
3.
Zitat von sigmaplusDann muss der Polizist aber sehr lange Arme haben um einen 1,95m Mann aus dem Autofenster heraus am Nacken zu packen.
Nicht, wenn der Mann sich zum Fenster hinunterbeugt, um mit dem Fahrer zu sprechen.
TS_Alien 18.08.2014
4.
Wie so oft benutzen jetzt viele Kriminelle diesen Vorfall, um zu plündern oder um Krawall zu machen. Ich vermute, den Verantwortlichen bei der Polizei ist das sogar Recht, denn damit wandert der Fokus von den Todesschüssen weg. Dass wirklich sauber ermittelt wird, wenn es um die Polizei geht, ist selten. Nicht nur in den USA. Dabei müsste es gerade bei Fällen, in denen die Polizei verstrickt ist, genau zugehen. Bei einem im Raume stehenden Mordverdacht erst recht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur in den USA.
urlauber10 18.08.2014
5. Kongresswahlen im November
Man muss natürlich diese Abläufe und Reaktionen vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen sehen. Missouri ist wahlpolitisch heiss umkämpft und Nixon sagt man höhere Aspirationen nach. Ausserdem ist dies alles ein PR Desaster für den Wirtschaftsstandort St. Louis. Interessant jedoch zu beobachten ob Big Money in Missouri diese Unruhen unter Kontrolle bekommt oder ob daraus eine Intifada entsteht.
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