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15. August 2014, 13:47 Uhr

Polizeichef Ron Johnson

Der Friedensstifter von Ferguson

Gespräche statt Gummigeschosse: Ron Johnson hat die eskalierte Lage in der US-Kleinstadt Ferguson beruhigt. Panzerfahrzeuge und Polizisten in Kampfmontur sind aus den Straßen verschwunden - zur Freude der Protestierenden.

Ferguson - Es ist eine radikale Kehrtwende in der Polizeistrategie. Anders als in den vorangegangenen Nächten traten die Sicherheitskräfte am Donnerstag in Ferguson nicht mehr rabiat auf: keine Panzerfahrzeuge, keine Militärkluft, keine Sturmgewehre, keine Blendgranaten, keine Gummigeschosse, kein Tränengas.

Missouris Gouverneur übertrug die Verantwortung für die Kleinstadt der Autobahnpolizei, einer bundesstaatlichen Behörde. Das Kommando vor Ort führt nun Ronald S. Johnson, der 51-Jährige setzt auf Dialog und Deeskalation.

In Ferguson, einem Vorort von St. Louis, waren nach dem Tod des Afroamerikaners Michael Brown Unruhen ausgebrochen. Der 18-Jährige war unbewaffnet von mehreren Kugeln aus der Dienstwaffe eines weißen Polizisten getroffen worden. Es habe zuvor einen Angriff auf den Beamten gegeben, so die Darstellung der Polizei. Freunde und Familie des Opfers vermuten hingegen einen rassistischen Hintergrund. Seither hatten sich die mehrheitlich schwarze Bevölkerung und mehrheitlich weiße Provinzpolizisten Straßenschlachten geliefert. Es gab Dutzende Festnahmen.

"Wir sind nicht hier, um Angst zu verbreiten"

In dieser aufgeheizten Situation war die Benennung von Ron Johnson ein kluger Schachzug: Er ist Afroamerikaner, stammt aus der Gegend, gilt als erfahren und hat eine steile Karriere hingelegt. Er hat einen Hochschulabschluss in Strafrecht und arbeitet seit 27 Jahren bei der Autobahnpolizei. Laut "Washington Post" wurde Johnson 2007 in eine Aus- und Fortbildungskommission Missouris für Gesetzeshüter berufen. Er leitet zudem eine Einheit der Autobahnpolizei, die für elf Bezirke zuständig ist, darunter auch St. Louis. "Es bedeutet mir auch persönlich eine Menge, dass wir die Spirale der Gewalt durchbrechen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Ferguson. "Ich bin hier aufgewachsen, und das ist immer noch meine Heimat."

Welch radikal anderen Ansatz Johnson verfolgt, machte er anschließend deutlich - in Worten und mit Taten. "Wir sind hier um den Menschen zu dienen und sie zu beschützen", sagte er. "Wir sind nicht hier, um Angst zu verbreiten." Er habe Verständnis für die Wut und die Furcht der Einwohner von Ferguson. Diese Gefühle, sagte Johnson, würden seine Männer respektieren. Er habe alle Polizisten angewiesen, ihre Atemschutzmasken abzulegen.

Anschließend mischte Johnson sich mit einer Handvoll Kollegen, alle in normaler Uniform, unter die Demonstranten, die sich erneut zu Tausenden in Ferguson versammelt hatten. Als der Protestzug sich in Richtung der Stelle aufmachte, an der Michael Brown erschossen worden war, marschierte Johnson mit. "Es geht um diesen jungen Mann hier", sagte er einem CNN-Reporter, und hielt ein Foto von Brown in die Höhe. "Es geht um Gerechtigkeit für Jedermann."

Bei den Protesten engagierten sich "Leute, die ich aus der Schule kenne", sagte Johnson. Und auch bei ihm zu Hause sei der Frust spürbar: Seinem 21 Jahre alten Sohn und der zwei Jahre älteren Tochter müsse er "dieselben Fragen beantworten wie alle anderen Eltern hier auch". Johnson kritisierte auch die fehlende ethnische Vielfalt innerhalb der US-Polizei. Seit Jahren prangern Bürgerrechtler mehr oder minder offenen Rassismus innerhalb der Sicherheitskräfte an.

Die neue Strategie in Ferguson scheint zu fruchten. Es blieb in der Nacht deutlich ruhiger als in den Nächten zuvor, es flogen keine Molotowcocktails. Die Menge war friedlich, teils gar in emotional-festlicher Stimmung. Immer wieder kamen Demonstranten zu Johnson und seinen Kollegen, um ihnen die Hand zu reichen. Johnson diskutierte mit mehreren jungen Männern. Einer von ihnen kam nach dem Gespräch auf den Polizisten zu und umarmte ihn.

Die Menschen in Ferguson begrüßen das neue Vorgehen der Polizei. "Alles was sie vorher gemacht haben, war uns anzuschauen und mit Tränengas zu beschießen, sagte Pedro Smith. Doch jetzt sei alles anders. "Nun werden wir mit Respekt behandelt." Auch der Student Mark Hall äußerte sich positiv: "Ich bin so glücklich, dass sie uns in Ruhe lassen. So können wir zeigen, dass wir nur die Möglichkeit haben wollen, unsere Rechte friedlich wahrzunehmen." Alles, was man wolle, sei die Chance, gehört zu werden.

wit/AP/Reuters/AFP

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