Proteste im Fall Michael Brown Das weiße Privileg

Die Empörung über die rassistische Polizeigewalt in der US-Kleinstadt Ferguson ist groß, auch bei Weißen. Dabei kann keiner wirklich nachfühlen, was Amerikas Schwarze von Kindesbeinen an mitmachen.
Schwarzer Protest in Ferguson: Angst vor dem alltäglichen Trauma

Schwarzer Protest in Ferguson: Angst vor dem alltäglichen Trauma

Foto: JOE RAEDLE/ AFP

Wir waren auf dem Weg nach Kanada. Ein Familientreffen, acht Stunden Autofahrt von Brooklyn. Mein Partner und ich lieben Roadtrips.

Doch diese Reise wurde zu einer bitteren Lektion darüber, was Schwarze in den USA jeden Tag mitmachen.

Nur Tage zuvor war in Ferguson, Missouri, der 18-jährige Afroamerikaner Michael Brown von einem weißen Cop erschossen worden. Der Vorort von St. Louis ist seither zur Chiffre für Rassismus und Polizeigewalt geworden. Das berührt auch uns: Malcolm, mein Lebensgefährte, ist schwarz.

Eine stille Wut brodelte in Malcolm. Friedlicher Bürgerrechtsaktivismus, befand er am Morgen unserer Abfahrt, sei gescheitert: "Vielleicht ist es Zeit, dass wir Afroamerikaner uns rächen." Meine fast beiläufige, lahme Reaktion: Gewalt ist keine Antwort.

Worauf mein Partner erst recht hochging. Er sprach von "White Privilege", von weißer Ignoranz und Arroganz, nannte meine Reaktion abschätzig, verständnislos, billig. Vergeblich versuchte ich, mich zu verteidigen, meine Abscheu über Ferguson umso lauter - und peinlicher - zu demonstrieren. So redeten wir aneinander vorbei, bis uns die Luft ausging.

Proteste in Ferguson: Alltägliches Trauma

Proteste in Ferguson: Alltägliches Trauma

Foto: AP/dpa

Ich war entsetzt über das Etikett "White Privilege", hatte das noch nie gehört, nicht auf mich bezogen. Wo die USA doch seit Jahrzehnten meine Wahlheimat sind und ich mich gerne für "farbenblind" halte - in meiner Überheblichkeit. Der Vorwurf der Ignoranz schien mir abschätzig.

Nach sieben Stunden Fahrt wurde ich eines Besseren belehrt.

Das Tempolimit betrug 65 Meilen pro Stunde (105 km/h), der Verkehr floss mit 70 dahin, wir flossen mit und passierten drei Streifenwagen, ohne aufzufallen. Dann wechselten wir uns ab, Malcolm setzte sich ans Steuer.

Prompt erschien im Rückspiegel das Blaulicht eines State Troopers.

Wir hielten an, rollten die Scheiben runter. Der Polizist, ein fleischiger Weißer, bellte Malcolm an: Führerschein! Zulassung! Sitzenbleiben! Ob er nicht wisse, wie man Auto fahre?

Das Ergebnis: 195 Dollar Strafe - und ein emotionaler Kollaps. Stundenlang war ich zu schnell gefahren, ohne dass sich ein Polizist dafür interessierte. Mein schwarzer Partner saß nicht mal fünf Minuten am Steuer, bis er ein Knöllchen bekam, serviert mit Verbalattacken.

Zufall? Bedeutungslos? Was für mich eine banale Verkehrskontrolle war, war für meinen Partner eine persönliche Verletzung, die gleichzeitig tief in die Geschichte hineinführt. Ähnlich wie der Fall Michael Brown: Ferguson ist, wie er mir später erklärte, das Spiegelbild seines eigenen Traumas. Jener "alltäglichen Furcht" vor dem wahllosen "death by cop", die alle Afroamerikaner verfolgt.

Wenig hat sich getan. Trotz Martin Luther King, trotz Bürgerrechten, trotz Barack Obama, der die "postrassistischen" Fantasien nie einlösen konnte.

Das ist mit "White Privilege" gemeint: Unser "weißes" Unwissen darüber, unsere Gedankenlosigkeit, die Nichtachtung dieses tief verwurzelten Unrechts, sobald es nicht mehr bei CNN erscheint. Das zuzugeben, ist schwer und unbequem. Denn es bedeutet, dass wir Mitverantwortung tragen.

Wir müssen uns nicht sorgen, dass unsere Kinder - oder wir selbst - von Polizisten erschossen werden. Wir können mit Sturmgewehren in Fast-Food-Ketten für unser Verfassungsrecht auf Waffenbesitz demonstrieren, ohne dass ein Swat-Team zum Einsatz kommt. Wir können im Hoodie durch den Regen laufen, ohne dass ein "Nachbarschaftswächter" zur Pistole greift.

Das ist "White Privilege".

Dieses Privileg zeigt sich täglich im amerikanischen Fernsehen, wo weiße Kommentatoren über die Rechte der Schwarzen schwadronieren. Doch wie wohlfeil ist es für Weiße, Frieden zu fordern, wenn Schwarze nach all den Jahren keine andere Option mehr sehen, als "Feuer mit Feuer" zu beantworten?

Irgendwann reißt jeder Geduldsfaden, selbst bei den gutmütigsten Geistern. Er fühle sich verraten, sagt Malcolm, er sei wütend. "Und jedesmal, wenn ich den Fernseher anmache, werde ich wütender."

Lesen Sie hier eine Chronologie der Ereignisse in Ferguson.