Floridas Alligatoren Die neue Angst vor den Killerechsen

Mindestens zwei tödliche Alligator-Angriffe innerhalb einer Woche verbreiten Angst unter der Bevölkerung Floridas. Die aktuellen Probleme sind jedoch zum Teil hausgemacht: Erst wurden die Raubtiere gejagt, dann geschützt, jetzt aus ihrem Lebensraum gedrängt.

Von Florian Sailer


Hamburg - Ein dickes Stück Schweinelunge mit darin verborgenen Haifischhaken: Der Köder hat wieder einmal gewirkt, diesmal bei einem 400-Pfund-Alligator. Der ist auf einem Auge blind und vermutlich deshalb besonders aggressiv. Sechs Männer sind nötig, um das Biest an Land zu hieven. Im Bauch der nach zweitägiger Jagd nahe Miami erlegten Riesenechse werden die Arme der 28-jährigen Yovy Suarez Jiminez gefunden.

Die Studentin war am Dienstag nicht vom abendlichen Jogging zurückgekehrt und am folgenden Tag verstümmelt aufgefunden worden. Vermutlich hatte sie in Wassernähe eine Verschnaufpause eingelegt und war von dem einäugigen Alligator attackiert und getötet worden.

Das Unglück hatte im US-Bundesstaat Florida für Aufregung gesorgt, zumal Jiminez nicht das einzige Opfer blieb: Innerhalb von nur einer Woche haben Alligatoren mindestens eine weitere Frau getötet, in 58 Jahren davor waren nur 17 derartige Attacken registriert worden. Hinzu kommen neun weitere Fälle, in denen nicht abschließend geklärt werden konnte, welchen Anteil die Reptilien am Tod des Opfers hatten. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum gab es in Florida acht tödliche Angriffe von Haien. Dennoch gelten die in der Öffentlichkeit als sehr viel gefährlicher.

Das zweite Raubtier-Opfer ist die 23 Jahre alte Annemarie Campbell. Sie wurde am Sonntag in der Nähe von Lake George in Florida beim Schnorcheln von einem Alligator angegriffen. Obwohl ihre Begleiter dem Reptil den Körper der Frau entreißen konnten, überlebte sie den Vorfall nicht.

Angst vor dem tödlichen Jäger im Vorgarten

Am selben Tag wurde außerdem eine dritte, 43 Jahre alte Frau in der Nähe von St. Petersburg in Florida tot aufgefunden. Auch sie soll Opfer einer Riesenechse geworden sein. Nach ersten Untersuchungen vermutet die Polizei, dass Judy Cooper bereits drei Tage tot im Wasser lag. Zuvor soll sie sich rund drei Monate nicht bei ihrer Familie gemeldet haben.

Die Fundorte der drei Leichen liegen nur rund 200 Kilometer voneinander entfernt. "Alligatoren sind gefährliche Raubtiere, aber der Mensch gehört eigentlich nicht zu ihrem Beutespektrum", sagt Volker Homes, Artenschutzexperte des World Wide Fund For Nature (WWF). Alligatoren attackieren Jogger oder Schwimmer höchstens dann, wenn sie sich bedroht oder gestört fühlen. "Angriffe sind sehr selten, wir erhalten aber zwischen 20 und 40 Meldungen in der Woche von Bürgern, die einen Alligator gesehen haben", sagte der Fallensteller Kevin Garvey aus Florida dem "Miami Herald".

Auch im Süden der USA war der Anblick der Riesenechsen nicht immer selbstverständlich: In den siebziger und achtziger Jahren waren Alligatoren sogar vom Aussterben bedroht. Damals wurden sie stark gejagt und ihre Haut zu gefragten Lederprodukten verarbeitet. Erst ein großes Engagement der amerikanischen Naturschutzbehörden konnte ihren Bestand sichern. Inzwischen hat er sich so gut erholt, dass die Population wieder auf rund eine Million Tiere geschätzt wird. Die meisten Begegnungen mit Menschen verlaufen glimpflich. Erst Anfang vergangener Woche hatte eine 74-jährige Frau aus Florida einen Alligator mit Hilfe eines Gartenschlauches in die Flucht schlagen können. Daher wird die Gefährlichkeit der Reptilien vielfach unterschätzt.

Die Zivilisation drängt in die Wildnis

In den vergangenen Jahren siedeln immer mehr Menschen nach Florida um, Grundstücke mit Nähe zum Wasser sind besonders begehrt, der Lebensraum für Alligatoren wird knapper. Viele dieser neuen Einwohner kennen die gefährlichen Jäger nur aus dem Zoo und bringen ihnen nicht genügend Respekt entgegen. Hinzu kommt, dass die Riesenechsen im Frühling aktiver werden, auf Nahrungs- und Partnersuche gehen. Auch Menschen locken die wärmeren Temperaturen ins Freie, die Wege kreuzen sich zwangsläufig.

Nicht nur die Besiedelung bedroht die Alligatoren. Zunehmend stehen die Reptilien auch in Konkurrenz mit Riesenschlangen, die im "Sunshine-State" eigentlich nicht heimisch sind. Der "Burmesische Python" etwa gilt als beliebtes Haustier, das allerdings nach zwei Jahren bereits über drei Meter lang sein kann. Spätestens dann werden die Schlangen von überforderten Privatbesitzern oft in Sumpfgebieten ausgesetzt, vermehren sich und entwickeln sich zur Plage.

Erst im Oktober sorgte ein Python im Everglades-Nationalpark für Schlagzeilen, als er einen zwei Meter langen Alligator am Stück verschlang und zerplatzte. Im Mai wurde ein Python-Besitzer in Miami zu rund tausend Euro Schadensersatz verurteilt, nachdem seine Vier-Meter-Schlange das Nachbarshündchen Max erwürgt hatte.



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