Janko Tietz

Proteste gegen Flüchtlinge in Freital Ich schäme mich

Pegida in Dresden, Pöbeleien in Freital, Schüsse in Böhlen - in Sachsen scheint der Ausländerhass besonders groß. Die Idioten mit Idiom machen meine Kindheit kaputt.
Flüchtlingsheim-Gegner in Freital: Einfach stehen geblieben (am 26. Juni)

Flüchtlingsheim-Gegner in Freital: Einfach stehen geblieben (am 26. Juni)

Foto: Oliver Killig/ dpa

Freital ist ein Ort, den ich mit meiner Kindheit verbinde. Ich bin nur 30 Kilometer entfernt geboren. In den Wäldern um Freital sammelten wir Pilze und Heidelbeeren. Es sind angenehme Erinnerungen.

Unangenehm berührt bin ich, wenn ich heute von Freital höre. Nicht von dem Ort als solchen, der kann ja nichts für seine Bewohner. Aber wenn bestimmte Menschen aus Freital und Umgebung vor der Kamera ihre Meinung zu Flüchtlingen kundtun, überkommt mich eine stille Wut.

Sächsisch ist ein Idiom, das so vertraut klingt in meinen Ohren. Meine Großeltern haben so gesprochen, meine noch immer in Sachsen lebende Verwandtschaft spricht so, auch meine Eltern konnten es in Baden-Württemberg nicht ablegen, wo sie seit über 30 Jahren wohnen.

Wenn sie etwas sagen, hörte und höre ich gerne zu. Es klingt vertraut und gutmütig. Wenn die interviewten Sachsen im Fernsehen den Mund aufmachen, fängt man an, diesen Dialekt zu verteufeln. "Solche Schmarotzer", pöbelte eine Frau, die in einem Drei-Minuten-Clip des NDR-Fernsehens zu Wort kommt . "Das sind welche, die sich hier ausruhen. Die machen hier Urlaub", sagte eine andere. "Ich weiß nicht, was für Terroristen mit hier rüberkommen", faselte ein Mann. Diese Menschen diskreditieren mit ihren Aussagen, mit ihrem Weltbild, mit ihrem Hass einen gesamten Landstrich. Sie diskreditieren vor allem ihre Mitmenschen, die nicht so denken.

Was geht in den Flüchtlingsheim-Gegnern vor, die in Wahrheit Rassisten erster Güte sind? Offenbar beziehen sie ihre Informationen lediglich aus dem Musikantenstadl, fahren in den Urlaub maximal an den Wolfgangsee und zimmern sich ihre Wirklichkeit nicht aus dem, was ist, sondern aus dem, was in ihrer klitzekleinen Welt Platz hat. Also höchstens Bratwurst, Bier und "Bauer sucht Frau".

Sie interessieren sich nicht für das, was außerhalb Freitals stattfindet - und selbst wenn, haben sie ganz offensichtlich nicht den Intellekt, zu verarbeiten, was um sie herum passiert. Immer wieder wird behauptet, das liege an ihrer DDR-Sozialisation. Wenn man keine anderen Einflüsse kannte, kann man auch nicht mit ihnen umgehen, so das Argument. Früher gehörte es dazu, über "die da oben" im Politbüro zu motzen, heute sind eben andere "da oben", gegen die man stänkern muss. Stänkern ist das Lebenselixier.

Doch in den letzten 25 Jahren wäre genügend Zeit und Gelegenheit gewesen, sich für die Welt zu interessieren. Es war Platz dafür, Informationen aufzunehmen, abzuwägen, zu differenzieren. Viele haben das genutzt - es gibt sie ja, die Engagierten, die Künstler, die Weltoffenen. Doch die protestierenden Leute aus Freital und anderswo sind einfach stehen geblieben - ja haben sich offenbar zurückentwickelt. Sie prägen nun das gängige Bild vom tumben Sachsen. Sie wirken wie Erwachsene, die plötzlich wieder zum Kind werden und Messer und Gabel nicht voneinander unterscheiden können. Kinder dürfen das, sie sind friedlich und keine Choleriker mit Minderwertigkeitskomplexen.

Die Wende, die Wiedervereinigung, die Freiheit - man wünschte, den Hetzern von Pegida und aus Freital wäre dieses Privileg nie zuteilgeworden. In den letzten Jahren habe ich die Ostler immer wieder gegen Lästereien und Kritik verteidigt. Habe versucht, zu argumentieren, es seien nicht alle so, es gebe so viele Fortschritte und viel Positives.

Ich höre jetzt auf damit. Ich schäme mich nur noch.