Geflüchtete und die Coronakrise Was heißt "Homeoffice" auf Farsi?

Für viele Geflüchtete in Deutschland ist es schwer, gesicherte Informationen zum Coronavirus in ihrer Muttersprache zu finden. Viele wirft die Krise bei ihren Bemühungen zurück, hierzulande Fuß zu fassen.
Von Caroline Schmidt-Gross
Journalistin Nilab Langar (Mitte, mit Mikrofon): Wie übersetzt man "Homeoffice" ins Persische?

Journalistin Nilab Langar (Mitte, mit Mikrofon): Wie übersetzt man "Homeoffice" ins Persische?

Foto: Jann Wilken/ Körber-Stiftung

Wie übersetzt man "Homeoffice" auf Persisch? Vor diesem Problem steht gerade die Journalistin Nilab Langar. Die 27-Jährige kam in Afghanistan zur Welt und hat in Kabul als TV-Redakteurin gearbeitet, bevor sie Ende 2015 nach Deutschland kam. "Das Wort gibt es in meiner Heimat nicht", erklärt sie. "Wir haben dort ja nicht einmal die technischen Möglichkeiten so etwas einzurichten." Trotzdem will Langar den Begriff für die Dari oder Farsi sprechenden Menschen in Deutschland möglichst treffend übersetzen. Schließlich kommt kaum ein Text über die Arbeitsbedingungen derzeit ohne dieses Wort aus.

Nilab Langar arbeitet für Amal , ein junges Online-Nachrichtenportal mit Mitarbeitern in Hamburg und Berlin, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Arabisch und Persisch sprechende Community mit den neuesten Nachrichten und Diskussionsthemen aus Deutschland zu versorgen. Allein auf Facebook hat die Webseite nach eigenen Angaben rund 75.000 Abonnenten. Das Projekt wird unter anderem von der Evangelischen Kirche und der Körber-Stiftung finanziert.

"In der Coronakrise schreiben wir unter anderem darüber, dass die Deutschkurse eingestellt wurden, es aktuell keine Anhörungen vor Gericht gibt und alle Behörden nur noch telefonisch oder per Mail zu erreichen sind", sagt Langar. "Aber man müsse zum Beispiel auch erklären, "dass viele Schulen auf Homeschooling umgestellt haben" und was daher jetzt von den Eltern erwartet werde, sagt die Journalistin, die inzwischen auch von zu Hause aus arbeitet.

Die Rede von Angela Merkel im Homeoffice übersetzt

Dort hat sie auch die Fernsehansprache von Angela Merkel zur Coronakrise übersetzt. "Es haben sich sehr viele User dafür bedankt", sagt Nilab Langar. Ein Großteil der Amal-Leser sind ehemalige Geflüchtete, für die es schwierig ist, hierzulande verlässliche Informationen in ihrer Muttersprache zu finden. Falschmeldungen, die im Netz oder über WhatsApp kursieren, sind für diese Gruppe schwer zu durchschauen. Selbst auf Behördenseiten im Netz muss man sich meist erst durch deutsche Erklärsätze kämpfen, bevor die Links zu den Seiten in Arabisch oder Farsi angeklickt werden können. Dabei ist es gerade in der heutigen Situation wichtig, über Hygienemaßnahmen, aber auch die neuesten regionalen Verordnungen auf dem Laufenden zu sein.

Dass derzeit ein großes Informationsdefizit bei vielen Geflüchteten herrscht, stellt auch Maryam Gardisi fest. Die studierte Kulturwissenschaftlerin kam selbst vor rund 30 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland und ist hier aufgewachsen. Heute ist sie zweite Geschäftsführerin des Beratungszentrums Ipso . Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Konstanz bietet im Netz psychosoziale Betreuung für Geflüchtete und Migranten an. "Viele machen sich große Sorgen, weil sie auf Fake-News hereinfallen. Sie denken, dass sie sterben werden, weil das Virus überall ist", sagt Gardisi. Andere kämen mit der häuslichen Quarantänesituation nicht zurecht, "sie möchten über Konflikte in der Familie sprechen oder fühlen sich traurig und gelähmt." Bei manchen kommen auch die Erinnerungen an eine Verhaftung in der Heimat oder ihre Flucht wieder hoch.

"Als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt"

Die Krise trifft die Menschen in einer Zeit, in der die Bemühungen der letzten Jahre gerade Früchte tragen. Gardisi weiß zu berichten, dass sich das Leben vieler Frauen und Männer, die sich bei Ipso melden, gerade einigermaßen normalisiert hatte. "Die Deutschstunden zeigten Erfolg, für viele war der Aufenthaltsstatus endlich geklärt", so Gardisi. Sie konnten sich nach Jahren der Unsicherheit berechtigte Hoffnung machen, auf ein von Behörden oder Unterstützergruppen unabhängiges und sicheres Leben mit geregelter Arbeit und Freunden. Die Kinder hatten sich in Kindergärten und Schulen eingewöhnt. "Jetzt fühlt es sich für viele an, als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt", sagt die Projektmanagerin.  

Auch Fariba Jafari ist verunsichert. Die Frau aus Kandahar in Afghanistan ist 37 Jahre alt, sie kam 2016 nach Deutschland. Mit ihrem Mann und drei kleinen Jungen - drei, sieben und neun Jahre alt - wohnt sie nun auf 72 Quadratmetern in Hamburg-Eidelstedt. Es ist eng, wenn alle immer zu Hause sind. Und Jafari fühlt sich vor allem bei den Schularbeiten mit den beiden Ältesten allein gelassen. Sie spricht zwar bereits gut Deutsch, trotzdem fällt es ihr mitunter schwer, die genauen Aufgaben ihrer Kinder nachzuvollziehen. "Bei der 1. Klasse kann ich noch helfen", sagt die dreifache Mutter, "aber beim Stoff für die 3. Klasse wird es schon schwieriger". 

"Ich verstehe nicht alles, was ich lernen muss", erklärt der neunjährige Mohammad, "dann überspringe ich die Seiten einfach". Den Deutschunterricht und die Betreuung übernimmt jetzt größtenteils das Fernsehprogramm. Alle Weiterbildungsprogramme wurden gestoppt. Der Wunsch von Jafaris Ehemann, bald wieder wie in seiner früheren Heimat als Automechaniker zu arbeiten, ist erst einmal in weite Ferne gerückt.

Nicht viel anders ergeht es Sadika und Mohammad Ali Mustafa, syrischen Kurden aus Afrin. Sie leben seit 2016 mit ihren beiden Kindergartenkindern in einem Dorf mit rund 6500 Einwohnern in der Nähe von Kiel in Schleswig-Holstein. Auch sie bangen um ihre Zukunft. Anfang April hätte Sadika Mustafa eine Deutschprüfung gehabt. Doch der Kurs ist unterbrochen, das Examen ausgesetzt. Der 22-Jährigen macht es zu schaffen, dass sie nun kaum noch Deutsch üben kann. Doch vor allem fehlt ihr der Austausch mit anderen: Im Sprachkurs wurde sie meist mit allen wichtigen Informationen versorgt. In ihrer Unsicherheit hat die junge Frau erst einmal Hamsterkäufe gestartet, um genügend Lebensmittel wie Bulgur und Reis im Schrank zu haben.

Familie Mustafa: Wann darf man noch vor die Tür - und wann wird man von der Polizei festgenommen?

Familie Mustafa: Wann darf man noch vor die Tür - und wann wird man von der Polizei festgenommen?

Foto: Caroline Schmidt-Gross

Vor ein paar Tagen lag bei den Mustafas dann noch ein Schreiben des Vermieters im Briefkasten, der ihnen mit der sofortigen Kündigung der Wohnung drohte. Ein Schock, schon unter normalen Umständen. Aber das Jobcenter, das sie nun um Hilfe bitten wollen, ist aktuell nur telefonisch zu erreichen. "Dadurch ist alles komplizierter", sagt Sadika Mustafa. Gerade wenn es um den Austausch mit Behörden geht, ist es oft einfacher mit den Sachbearbeitern persönlich zu sprechen, um Missverständnisse durch fehlende Sprachkenntnisse zu vermeiden. Nun ist Mohammad Ali Mustafa wieder darauf angewiesen, deutsche Freunde um Unterstützung zu bitten. Diese haben ihm auch zu Beginn der Ausgangsregelungen erklären müssen, dass man trotzdem noch vor die Tür treten dürfe - zum Beispiel zum Spazierengehen mit den Kindern. Das Ehepaar Mustafa hatte Angst, dass sie dann gleich von der Polizei festgenommen werden könnten. 

"Viele Menschen können sich gerade nicht mehr selbst helfen, rausgehen und mit Händen und Füßen reden. Sie sitzen zu Hause und fühlen sich wie blockiert", sagt Maryam Gardisi. "Das ist eine gefährliche Spirale", befürchtet die Kulturwissenschaftlerin, "irgendwann nehmen sich die Menschen nur noch als wehrlos und ohnmächtig wahr". Besonders besorgniserregend sei das bei Personen, die alleine leben. Diese könnten sich nicht mehr ablenken und würden so wieder auf unbewältigte Konflikte zurückgeworfen.

"Wir leben anders als die Deutschen"

Viele Singles verunsichert das Leben in der Krise. Für den Iraker Saleh Saad, 33, hat sich in den letzten Wochen vieles verändert, was ihm vor der Coronakrise Sicherheit gab. Er arbeitet als Kurierfahrer. "Momentan ist es so schlimm wie an Weihnachten", berichtet Saad. Rund 100 Adressen pro Tag muss er anfahren. Damit er sich nicht mit dem Coronavirus ansteckt, hat er von seinem Arbeitgeber Handschuhe bekommen und die Ansage, die Pakete vor die Tür zu legen. Wenn er erschöpft von der Schicht in seine Wohnung zurückkehrt, leidet er unter der Isolation. Saleh Saad lebt in Ratzeburg, abends kann er sich weder zu Hause noch im Café wie sonst mit seinen Freunden treffen. "Wir leben anders als die Deutschen", sagt er "wir essen zusammen, reden zusammen oder rauchen zusammen Shisha." Dieses Gemeinschaftsgefühl fehlt ihm jetzt besonders. 

Doch ihn treiben noch andere Sorgen um. Letzte Woche hatte Saad einen Termin bei der Ausländerbehörde. Seine Aufenthaltsgenehmigung muss dringend verlängert werden. Aber die nötige Bescheinigung, die er dafür von der irakischen Botschaft in Berlin braucht, müsste er persönlich abholen. Doch sowohl das Amt als auch die Botschaft sind derzeit geschlossen, die Bahnfahrt nach Berlin sowieso derzeit nicht möglich.

Mit diesem Problem steht er momentan nicht allein da. Besonders einige Geflüchtete aus Afghanistan haben große Angst vor ihrem ungeklärten Aufenthaltsstatus. 2016 hat die Bundesrepublik beschlossen, dass abgelehnte afghanische Asylbewerber unter bestimmten Umständen wieder an den Hindukusch abgeschoben werden dürfen. In der Coronakrise sind die Abschiebungen erst einmal ausgesetzt. Es herrscht Pause. Wie bei fast allem in diesen Tagen.