Flüchtlingsheim am Grenzweg Die Deutschen-Stunde

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Alltag, Werte, Konsequenzen: In einem Kurs sollen Flüchtlinge lernen, wie Deutsche leben, wie sie denken, was ihnen wichtig ist. Manches finden die Schüler "komisch" oder auch "nicht gut".

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Welche Staatsangehörigkeit haben Sie? Aus welchem Land kommen Sie? Das werden Sie ganz oft gefragt." Claudia Wengerowski steht im Unterrichtsraum der Erstaufnahme in Hamburg Rahlstedt, an die Tafel hat sie geschrieben: "Lebenslauf". Und darunter: Name, Vorname, Geburtsdatum.

Vor ihr sitzen knapp zwanzig Bewohner der Flüchtlingsunterkunft, die hier im Modellprojekt "Erstorientierung und Wertevermittlung" einen Einblick davon gewinnen sollen, wie die Deutschen leben, wie sie denken, was ihnen wichtig ist. Und ihre Sprachkenntnisse verbessern sollen die Teilnehmer auch in dem Kurs.

"Wir sind heute im Modul Arbeit, aber das haben wir fast geschafft", sagt Wengerowski, eine ausgebildete Deutsch- und Biologie-Lehrerin. Sie unterrichtet an diesem Tag gemeinsam mit Ghassem Kahed, an anderen Tagen stehen eine andere Kollegin und ehrenamtliche Helferinnen vor der Klasse. In täglich vier Unterrichtseinheiten à 45 Minuten geht es um den deutschen Alltag und die deutschen Werte - 300 Unterrichtseinheiten sind es insgesamt.

Pünktlichkeit gehört definitiv zu den deutschen Werten und kann auch gleich in der Praxis geübt werden: Als die Tür aufgeht und eine Teilnehmerin verspätet hereinkommt, sagt Claudia Wengerowski: "Bitte sagen Sie mir vorher, wenn Sie einen Termin haben. Dann lächele ich. Sonst ärgere ich mich." Deutsche Konsequenz wird auch gelehrt: Wer mehrfach nicht erscheint, fliegt aus dem Kurs. An Nachrückern mangelt es nicht: Die Warteliste ist lang.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Deutschkurse für Bewohner gibt es in der Unterkunft schon lange. Doch Susanne Behem-Loeffler, die Ehrenamtskoordinatorin der EA Rahlstedt, wollte gerne einen Kurs anbieten, der mehr bietet, von bezahlten Profis geleitet wird und nicht nur von Freiwilligen. Die Malteser, die die EA Rahlstedt führen, gehören neben den Johannitern und der Deutschen Angestellten-Akademie zu den drei Projektträgern. Sie haben in ihren Einrichtungen die Erstorientierung im Auftrag und auf Kosten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) installiert.

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Fotostrecke: "Werte" und "Wohnen" als Schulfächer

Das Angebot richtet sich vor allem an Flüchtlinge, die eine "unklare Bleibeperspektive" haben und nicht aus sicheren Herkunftsländern stammen wie Albanien oder Ghana. Eine "unklare Bleibeperspektive" bedeutet, dass über ihren Asylantrag noch nicht entschieden wurde und sie nicht aus einem kriegsgeschüttelten Land wie Syrien geflohen sind. Deshalb kommen die meisten Teilnehmer des Erstorientierungskurses aus Afghanistan: Rund die Hälfte aller Asylanträge von Afghanen lehnt das Bamf ab.

Eritreisch. Kein Wort, das im deutschen Alltag verbreitet ist

Einer der Afghanen ist Mohammed Nabi. Auch seine Frau Fazilat besucht den Kurs, aber sie fehlt entschuldigt, denn sie ist als Notfall ins Krankenhaus gekommen. Fazilat hatte Blutungen und Anzeichen vorzeitiger Wehen, sie ist im achten Monat schwanger. Im vergangenen Jahr hatte sie während der Flucht durch Bulgarien eine Fehlgeburt, es ist also eine Risikoschwangerschaft. Mohammed Nabi sitzt nun ohne seine Frau am Tisch, vor ihm liegen mit seiner Schönschrift vollgeschriebene Hefte, ein Deutsch-Lehrbuch, die Broschüre "Willkommen in Deutschland". Er sagt: "Ich komme aus Afghanistan."

Ja, das sei richtig, lobt Wengerowski, aber er könne auch sagen: "Ich bin afghanisch." Dann wird es hakelig. "Ich bin eritrean", sagt ein junger Mann. "Eritrean" ist Englisch. Wie, überlegt Wengerowski, laute das deutsche Adjektiv? Eritreisch. Kein Wort, das im deutschen Alltag verbreitet ist. Also besser: Ich komme aus Eritrea.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Entwickelt wurde das Konzept für die Erstorientierung vor vier Jahren in Bayern. Im September 2016 weitete das Bamf es auf 13 Bundesländer aus. Es besteht aus elf Modulen: "Alltag in Deutschland", "Arbeit", "Einkaufen", "Gesundheit/Medizinische Versorgung", "Kindergarten/Schule", "Mediennutzung in Deutschland", "Orientierung vor Ort/Verkehr/Mobilität", "Sitten und Gebräuche in Deutschland/Lokale Besonderheiten", "Sprechen über sich und andere Personen/Soziale Kontakte", "Werte und Zusammenleben" und "Wohnen". Die Kursteilnehmer können daraus gemeinsam fünf Module auswählen. In Rahlstedt haben sie sich für "Alltag in Deutschland", "Arbeit", "Einkaufen", "Wohnen" und "Gesundheit/medizinische Versorgung" entschieden. Das sechste Modul "Werte und Zusammenleben" ist vom Bamf vorgeschrieben.

Gleichgeschlechtliche Paare leben zusammen? "Das ist komisch"

"Frühzeitig und auf einfache Art werden im Unterricht Themen des Zusammenlebens wie Gleichberechtigung und Religionsfreiheit behandelt", sagte Bamf-Vizepräsidentin Uta Dauke beim Start des Modellprojekts im vergangenen Jahr. Genau darüber, so zeigt dieser Vormittag in der EA Rahlstedt, wird auch außerhalb des Pflichtmoduls gesprochen. Und zwar beim nächsten Punkt im Lebenslauf: Familienstand. Claudia Wengerowski malt Strichfiguren mit Hosen und Rock an die Tafel, einzeln, zu zweit, mit trennendem Strich, ledig, verheiratet, geschieden.

Aber da fehlen noch neuere Familienmodelle, deshalb zeichnet sie noch zwei weitere Paare an die Tafel: "In Deutschland ist es erlaubt und völlig okay, wenn zwei Frauen oder zwei Männer zusammenleben", sagt Wengerowski. Sie wiederholt: "Das ist okay". Ein Afghane sagt leise: "Das ist komisch". Einer aus Eritrea flüstert: "Nicht gut." So glatt läuft es eben nicht mit der Wertevermittlung.

Mohammed Nabi sagt: "Bei uns in Afghanistan sind viele Frauen allein. Die Männer sind gestorben im Streit." Ghassem Kahed korrigiert: "Im Krieg." Verwitwet ist ein weiterer Familienstand für den Lebenslauf. Als eine Iranerin sagt, sie sei geschieden, spricht Lehrer Kahed das Thema Gewalt in der Ehe an: "Wenn wir nicht mehr zusammen sein wollen, trennen wir uns. Ohne zu schlagen, ohne zu verletzen." Wengerowski ergänzt: "Wenn einer die Beziehung nicht mehr will, ist es vorbei."

Nach islamischer Zeitrechnung ist der 1.1.1396

Und dann schaut Kahed auf die Uhr und sagt: "Es ist 11.30 Uhr und 40 Sekunden. Jetzt hat das neue Jahr angefangen!" Nach islamischer Zeitrechnung ist nun der 1.1.1396, Frühlingsanfang, Zeit zum Feiern. Alle reichen sich die Hände, wünschen sich ein frohes neues Jahr, Kahed spielt persische Musik auf seinem Laptop und die Kursteilnehmer tanzen um einen Tisch.

Die Afghanin Parnian Rashidy, die mit ihren Eltern am Kurs teilnimmt, bietet persische Süßigkeiten an, die Kahed mitgebracht hat. Sie ist in Feierlaune, ihr kleiner Bruder ist vor einigen Tagen endlich in Rahlstedt angekommen. "He was in prison", sagt sie, "in Greece, for six months." Ihr Englisch ist immer noch deutlich besser als ihr Deutsch.

Die Pflicht ruft, auch so ein deutscher Wert. Deshalb geht es nach fünf Tanzrunden um den Tisch weiter im Lebenslauf. Schulausbildung. Claudia Wengerowski sagt: "In Deutschland gibt es viele verschiedene Schulen. Aber Sie sind nicht in Deutschland zur Schule gegangen. Schreiben Sie deshalb nur, wie lange Sie zur Schule gegangen sind."

Parnian Rashidy sagt, sie habe einen Universitätsabschluss. Der Afghane Mohammed Rahim Rahmati erzählt, er sei sieben Jahre in die Schule gegangen und habe eine zweijährige Ausbildung zum Lkw-Fahrer gemacht. Ein junger Mann aus Eritrea war nie in der Schule. Und viele können nur spekulieren, wie lange sie eine Schule besucht haben. Zwei Jahre? Drei Jahre?

Spätestens jetzt wird klar: Nicht jede Flüchtlings-Biografie passt in ein deutsches Lebenslauf-Formular.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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12 Leserkommentare
ansv 25.03.2017
rantzau 25.03.2017
sking 25.03.2017
elizar 25.03.2017
matty-b 25.03.2017
Großkarl 25.03.2017
ohgottogott 25.03.2017
ichliebeeuchdochalle 25.03.2017
abu-l-banat 25.03.2017
BenWellesley 25.03.2017
Zauderer 25.03.2017
isar56 25.03.2017
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