Flüchtlingsheim am Grenzweg Schlechte Nachrichten für Safouh

Safouh Hussain
Marianne Wellershoff

Safouh Hussain

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Ein Platz im Sprachkurs? Erst 2017 wieder: Auf dem Weg zum erhofften Studium muss Flüchtling Safouh Hussain einen Rückschlag verkraften. Doch so leicht will er nicht aufgeben.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Es ist kalt und es regnet, als Safouh Hussain, 19, von der S-Bahn Holstenstraße zur Jugendberufsagentur geht, wo er um 9 Uhr einen Termin hat. Er muss dem Sachbearbeiter seine neue Adresse geben, denn er ist in der vergangenen Woche von seiner Notunterkunft, einer Turnhalle in Osdorf, nach Rahlstedt ins Containerdorf gezogen. Außerdem hat er für den Oktober kein Arbeitslosengeld 2 bekommen.

Safouh trägt nur eine Kapuzenjacke. "Ich mag die Kälte in Deutschland", sagt er. "Im Libanon war es oft 35 Grad heiß. Wenn man geduscht hat, war man gleich wieder durchgeschwitzt." In den Libanon war er 2012 mit seinen Eltern und drei jüngeren Brüdern geflohen - Safouhs Mutter ist Libanesin. Bloß weg aus Damaskus, wo seine Freunde von Assads Schergen auf der Straße verhaftet wurden und nie wieder auftauchten.

Safouh Hussain, 19 Jahre
Arnold Morascher

Safouh Hussain, 19 Jahre

Das Büro des zuständigen Sachbearbeiters liegt im ersten Stock der Jugendberufsagentur. Herr Demirel hat noch Kundschaft, und das heißt erstmal warten. Safouh hat im vergangenen Jahr ziemlich viel Zeit mit Warten verbracht, meist darauf, einen Termin zu bekommen, um etwas beantragen zu dürfen oder Papiere abzugeben. Sein Ausweis war beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ewig verschollen, deshalb verging fast ein Jahr, bis er eine Aufenthaltserlaubnis bekam. Immerhin eine für drei Jahre und nicht für ein Jahr, wie viele andere. "Weil ich eine Einberufung zum syrischen Militär vorgelegt habe", vermutet Safouh.

Am ersten Wochenende in der Erstaufnahme in Rahlstedt hat Safouh vor dem Billardtisch gewartet, dass er endlich an der Reihe ist, und sich, wie die anderen, darüber geärgert, dass die Busse so selten fahren, dass die Toiletten zu eng sind. Und vor allem, dass es in den Zimmern kein WLAN gibt (WLAN ist der einzige Weg, kostenlos mit den Verwandten zu Hause zu kommunizieren).

Deutsch gelernt "im Internet"

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Flüchtlingsheim Rahlstedt: Von West nach Ost

Safouh hat die Zeit genutzt, um Deutsch zu lernen. Er hat es sich selbst beigebracht, ziemlich gut sogar. "Er unterstützt uns beim Dolmetschen", sagt Olav Stolze, der Leiter der von den Maltesern geleiteten Flüchtlingsunterkunft. "Im Internet" habe er die Sprache gelernt, erzählt Safouh. Das ist erstaunlich und für den deutschen Staat, der die Integrationskurse bezahlt, auch eine preisgünstige Lösung. Allerdings hat Safouh deshalb kein Zertifikat, nicht B1, nicht B2 und erst recht nicht C1 oder DSH oder TestDaF. Und diese Abkürzungen sind so etwas wie die Pin-Nummern für die Zulassung zum Studium: Nur wenn Safouh eine dieser Sprachprüfungen erfolgreich bestanden hat, werden die Universitäten ihn akzeptieren. Für C1 und Co. reicht das autodidaktische Lernen via Internet aber nicht.

Im Libanon konnte Safouh nicht studieren. Die Universitätsgebühren waren unbezahlbar für seinen Vater, einen Elektroingenieur. Als Syrer sei dieser im Libanon ein Mensch zweiter Klasse und daher schlechter bezahlt als die Einheimischen, erzählt Safouh. Dass in den nächsten Jahren Frieden in Syrien geschlossen wird und er dort ein Studium beginnen kann, das glaubt er nicht. Und: Gibt es überhaupt jemanden, der das für realistisch hält? Deshalb reiste Safouh 2015 über Libyen, die Türkei, Griechenland, den Balkan, Ungarn, Österreich nach Deutschland. "Safouh kam gerade 18-jährig in unsere Unterkunft. Er kam allein ohne Eltern oder Verwandte", sagt Flüchtlingsheim-Chef Stolze. "Wir haben immer wieder, zum Teil bis spät in den Abend hinein, gesprochen. Über seine Ängste, das lange Warten und die Lebensumstände. Er hat viel von der Flucht und von den Ereignissen in Syrien erzählt."

Herr Demirel ruft Safouh herein. Herr Demirel ist ein sehr freundlicher Mann, er lächelt, nennt Safouh einen "klugen Jungen" und schlägt ihm einen "Kompass-Kurs" vor, um Sprachlücken zu füllen und in die Arbeitswelt zu schnuppern. Für den Sprachkurs, der zum Zertifikat führe, müsse Safouh sich aber beim Jugendmigrationsdienst (JMD) anmelden, das Büro sei in der Nähe des Hauptbahnhofs.

"Ich akzeptiere das nicht"

Im Erdgeschoss der Jugendarbeitsagentur wird geklärt, dass Safouh doch noch sein Arbeitslosengeld 2 für den Oktober bekommt, 404 Euro. Außerdem erhält er eine Bescheinigung, damit er sich das um 20 Euro vergünstigte "Sozialticket" für den Öffentlichen Nahverkehr kaufen kann.

Der Vormittag war erfolgreich für Safouh. Doch beim JMD gibt es schlechte Nachrichten. Der nächste Sprachkurs, in dem Safouh einen Platz bekommen kann, beginnt im April 2017 und dauert ein halbes Jahr. Mit dem Studium kann es möglicherweise erst im April 2018 etwas werden. Die Bildungsberaterin schlägt vor: Er könne bis dahin ja das 13-wöchige Praktikum machen, das er für das Medizintechnik-Studium brauche, das er anstrebe. Das Praktikum werde in Hamburg leider nur von Siemens angeboten. Sie schaut auf der Seite "meinpraktikum.de" nach. "Aktuell 0 freie Praktikumsplätze" bei Siemens, ist dort zu lesen.

Safouh ist ratlos. "Ich akzeptiere das nicht", sagt er. Und er nimmt sich vor, jetzt auf eigene Faust einen Sprachkurs zu suchen. Er will nicht länger warten.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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