Flüchtlinge auf dem Weg nach Schweden Gebremst in Kiel

Wer keinen Pass hat, kommt nicht weiter. Zahlreiche Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Skandinavien Tausende Kilometer zurückgelegt haben, müssen an den deutschen Häfen aufgeben: Schweden hat die Einreise-Regeln verschärft.

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Von , Kiel


Subtain weint, die Wange ans Telefon gedrückt. "Du musst herkommen, ich weiß nicht, was ich machen soll", schluchzt der 19-Jährige. Die Stimme, die ihm antwortet, ist seine letzte Hoffnung. Sie gehört einer Reporterin aus Schweden - dem Land, in das Subtain gern einreisen möchte, aber nicht darf. Denn der Junge, der angibt, vor Terroristen aus dem irakischen Bagdad geflohen zu sein, besitzt keinen Pass.

Bisher war es Transitflüchtlingen gestattet, auch ohne gültige Papiere per Fähre nach Skandinavien zu reisen. Seit Donnerstag ist das anders. Um die Masse der Registrierungen bewältigen zu können, hat Schweden die Regeln verschärft: kein Pass, keine Einreise. Für all die, die gehofft hatten, von Kiel in ein paar Stunden nach Göteborg zu gelangen, ist ab sofort am Ostseekai Schluss.

Maximal 50 Tickets gibt die schwedische Reederei Stena Line am Tag in Kiel für Flüchtlinge frei. Bei bis zu 300 Flüchtlingen mit dem Ziel Schweden, die täglich per Bahn in der deutschen Hafenstadt ankommen, bedeutet das Wartezeiten von bis zu zehn Tagen. Pro Wartetag erhält jede Person ein Bändchen fürs Handgelenk. Wer die meisten Bändchen hat, bekommt zuerst ein Ticket.

Einmal täglich bringt die Fähre von Stena Line 50 Flüchtlinge von Kiel nach Göteborg.
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Einmal täglich bringt die Fähre von Stena Line 50 Flüchtlinge von Kiel nach Göteborg.

Doch nun helfen noch so viele Bändchen nicht, wenn die Papiere fehlen. Wer die nicht vorweisen kann, erhält kein Ticket. Subtain sagt, er habe nichts davon gewusst. Noch vor wenigen Tagen habe ihm ein Freund erzählt, wie leicht er über Schweden nach Finnland gekommen sei.

Für Menschen wie Subtain sind Michelle Burghard und Yazan Mohammad heute die Überbringer der schlechten Nachricht. Mit einem kleinen "Refugees Welcome"-Stand im Kieler Hauptbahnhof sind sie die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge, die mit dem Zug anreisen. "Wir sagen ihnen, dass die Route dicht ist. Viele verstehen das nicht", sagt Mohammad. Von sieben Familien an diesem Mittwoch seien nur drei bereit gewesen, in eine deutsche Erstaufnahmestelle weiterzureisen. Andere wollten einfach warten oder ihr Glück in einem anderen Nachbarland versuchen. "Nach den Niederlanden wird viel gefragt."

"Etwa 75 Prozent der Menschen, die hier bei uns ankommen, wollen weiterreisen. Manche haben Familienangehörige im Norden. Andere hoffen auf bessere Arbeitsbedingungen. Und wieder andere haben Angst hierzubleiben, weil sie von den Übergriffen in Deutschland gehört haben", sagt Burchardt. Die neue Härte der schwedischen Regierung mache ihr keine Sorgen. Sie ist sicher: Die Regelung wird bald wieder gelockert. So offen, wie Schweden bisher mit Flüchtlingen umgegangen sei, sei davon auszugehen, dass sie wirklich nur Luft brauchen, um die Registrierungen nachzuholen. Bis dahin, glaubt Burchardt, werden erst einmal weniger Flüchtlinge nach Kiel reisen. "Viele haben gehört, dass es hier nicht weiter geht. Heute ist bei uns am Stand kaum etwas los."

Auch am Ostseekai ist es ruhiger als sonst. Der Ticketschalter ist seit Stunden geschlossen. Etwa 50 Flüchtlinge sitzen in kleinen Gruppen auf dem Boden. Die Mitglieder der Flüchtlingshilfe Schleswig-Holstein, die vor Ort Kaffee und Essen ausgeben, glauben jedoch nicht, dass das so bleiben wird. "Die Angst vor einer noch restriktiveren Grenzpolitik, vor einer Rückkehr zu Dublin III, könnte in den nächsten Wochen noch mehr Menschen auf die Balkanroute treiben", befürchtet Hauke Bruhns, Koordinator vor Ort.

Die geringe Zahl der Flüchtlinge an diesem Tag müsse nicht mit den Nachrichten aus Göteborg zusammenhängen. "Die Zahlen schwanken ständig, wir wissen nicht warum. Es kann gut sein, dass morgen wieder 50 Menschen mehr hier stehen." Am Abend muss der Kai geräumt werden. Dann öffnen die Notunterkünfte, in denen die Flüchtlinge zumindest die Nacht verbringen dürfen.

Subtain will warten, bis die schwedische Reporterin kommt. Sie sei bereits auf dem Weg zum Flughafen. Dass Schweden gute Helfer sind, wisse er, seitdem sie ihn und seine Begleiter vor der griechischen Küste aus dem Meer gezogen haben. Das war Ende Oktober, als sein Schlepperboot auf dem Weg aus der Türkei kenterte. An Bord des kleinen schwedischen Schiffs, welches ihn vor dem Ertrinken rettete, lernte Subtain die Reporterin kennen. Ihr erzählte er seine Geschichte - seitdem steht er mit ihr in Kontakt. "Ich habe die Überfahrt nach Griechenland überlebt, bin zu Fuß von Mazedonien nach Serbien. Ich will nicht glauben, dass hier jetzt alles vorbei sein soll."

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