Kulturelle Integration So blicken Flüchtlinge auf die Gesellschaft

Wie nehmen Asylbewerber die Mehrheitsgesellschaft wahr, was können die Deutschen daraus lernen? Der Migrationsforscher Timo Tonassi ist diesen Fragen nachgegangen. Sein Plädoyer: Seht die Chancen!

Passanten im Zentrum von Köln (im Juli): Diverse Gesellschaft
C. Hardt/ imago images

Passanten im Zentrum von Köln (im Juli): Diverse Gesellschaft

Ein Interview von


Gesellschaften, zumindest daran dürfte kein Zweifel bestehen, setzen sich aus unterschiedlichen Gruppen und Individuen zusammen. Seit dem Zuzug Hunderttausender Asylbewerber geht es in vielen Debatten jedoch vor allem um die Andersartigkeit derjenigen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind.

Die dazugehörigen Schlagwörter lauten: Leitkultur, westliche Werte, Anpassung.

Aber wie schauen eigentlich die Zuwanderer auf diejenigen, die seit Langem hier leben? Welche kulturellen Unterschiede nehmen sie wahr, und wie gehen sie damit um? Diesen Fragen ist der Migrationsforscher Timo Tonassi nun nachgegangen. Im Interview erläutert er die wichtigsten Ergebnisse der Studie.

Zur Person

SPIEGEL: Herr Tonassi, gibt es Themen, mit denen Flüchtlinge in Deutschland sich besonders schwertun?

Tonassi: Einige der von uns befragten Flüchtlinge gaben an, dass es ihnen schwerfällt, damit klarzukommen, dass das Thema Homosexualität in Deutschland anders gehandhabt wird als in ihrer Heimat. Aber die Mehrzahl sagte auch, dass sie mit diesem Unterschied gut klarkommt.

SPIEGEL: Müssen Lesben und Schwule Übergriffe oder Anfeindungen von Asylbewerbern fürchten?

Timo Tonassi: Das kann man so pauschal nicht sagen. Wer angibt, sich schwer auf die Gleichberechtigung von Homosexuellen einstellen zu können, handelt ja nicht automatisch homophob. Man kann nicht voraussagen, was sich aus solchen Wahrnehmungen ergibt. Klar ist nur: Es gibt potenzielle Konfliktthemen.

SPIEGEL: Warum haben Sie untersucht, wie Flüchtlinge hierzulande kulturelle Unterschiede wahrnehmen?

Tonassi: Es gibt zahlreiche Studien über die Perspektive der Alteingesessenen, aber wir wissen bislang nur wenig über die Sicht derjenigen, die in den vergangenen Jahren hierhergekommen sind. Dabei ist das sehr wichtig, um Herausforderungen bei der kulturellen Integration zu erkennen - und um die richtigen politischen Maßnahmen entwickeln zu können.

Details zur Erhebung
Wer steht hinter der Studie?
Der sogenannte Policy Brief "Andere Länder, andere Sitten?" wurde herausgegeben vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sowie der Robert Bosch Stiftung. Autor des Papiers ist Timo Tonassi, wissenschaftlich begleitet wurde es von der Soziologin Claudia Diehl und dem Integrationsforscher Haci Halil Uslucan.
Wer wurde befragt?
Die Studie basiert auf Daten des "Integrationsbarometers", für das zwischen Juli 2017 und Januar 2018 dem SVR zufolge bundesweit unter anderem 369 Flüchtlinge befragt wurden. Dabei handelte es sich um Personen, die seit 2014 nach Deutschland kamen und einen Asylantrag eingereicht haben oder dies beabsichtigen.
Ist die Umfrage repräsentativ?
Die Herkunftsländer der Befragten sind Afghanistan, Ägypten, Albanien, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia, Syrien und Tunesien. Die Stichprobe ist somit nicht repräsentativ für sämtliche Flüchtlinge in Deutschland, spiegelt aber die wichtigsten Herkunftsländer von Asylsuchenden wider. Ein umfassender Methodenbericht ist hier abrufbar.
Wie wurde befragt?
Die Befragung erfolgte telefonisch. Dabei wurden laut SVR hauptsächlich Auslandstarifnummern verwendet - das sind Rufnummern von Mobilfunkanbietern, die auf günstige Tarife für Auslandstelefonie spezialisiert sind.
Welche Unternehmen waren an der Umfrage beteiligt?
Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration arbeitet nicht gewinnorientiert, er ist eine Initiative von sieben Stiftungen: Robert Bosch Stiftung, Volkswagen Stiftung, Freudenberg Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Vodafone Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Stiftung Mercator.

SPIEGEL: Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Tonassi: Die von uns befragten Flüchtlinge sehen zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen den in ihrer Wahrnehmung vorherrschenden kulturellen Werten in ihrem Herkunftsland und denen in Deutschland - zum Beispiel bei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: Beides ist aus Sicht der Flüchtlinge den Deutschen deutlich wichtiger als ihren Landsleuten, dasselbe gilt für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

SPIEGEL: Flüchtlinge haben also ein grundsätzliches Problem mit manchen westlichen Werten?

Tonassi: Nein, so kann man das nicht sagen. Viele Flüchtlinge sehen gar keine Unterschiede bei den abgefragten Werten. Manche aber nehmen Unterschiede zwischen den Sichtweisen in Deutschland und ihrem Herkunftsland wahr. Das heißt aber nicht, dass die Landsleute tatsächlich so denken - und auch nicht, dass sie selbst so denken, wie sie es von ihren Landsleuten annehmen.

SPIEGEL: Sondern?

Tonassi: Eine Mehrheit der Befragten kann sich nach eigenen Angaben auf viele kulturelle Einstellungen in Deutschland recht leicht einstellen. Das ist eine wichtige Erkenntnis in der Integrationsdebatte, denn hier kann ein Gespräch beginnen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Religion der Flüchtlinge?

Tonassi: Wir haben keinen interreligiösen Vergleich angestellt, aber etwa 70 Prozent der Befragten waren Muslime. Wenn sich diese nicht dazu in der Lage sähen, mit den kulturellen Unterschieden in der Bundesrepublik zurechtzukommen, hätten wir das in unseren Ergebnissen deutlich sehen müssen. Offenbar ist es so: Es gibt keinen kulturellen Clash, der allein mit dem Islam zu erklären ist.

Preisabfragezeitpunkt:
11.12.2019, 22:59 Uhr
Ohne Gewähr

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SPIEGEL: Wie groß ist der Effekt von Integrationskursen?

Tonassi: Sie können wichtige Anstöße in die richtige Richtung geben - nicht mehr und nicht weniger. In diesen Kursen geht es aber ja nicht nur um Werte und kulturelle Fragen, sondern etwa auch um den Spracherwerb. Das ist natürlich unerlässlich: Damit man neue Werte verinnerlichen kann, braucht es Erfahrungen im Alltag.

SPIEGEL: Lehrt die Erfahrung mit Gastarbeiterfamilien nicht auch, dass viele kulturelle Unterschiede bleiben, selbst nach mehreren Generationen?

Tonassi: Ja, aber warum werden kulturelle Unterschiede in öffentlichen Debatten fast immer als Problem gesehen? Darin stecken auch Chancen.

SPIEGEL: Mögen Sie ein Beispiel nennen?

Tonassi: Unsere Studie zeigt etwa, dass für viele Flüchtlinge der Respekt vor älteren Menschen sehr wichtig ist. Zugleich fehlen in Deutschland seit Jahren Fachkräfte in der Altenpflege.

SPIEGEL: Sie meinen, dass dieser Mangel durch Zuwanderung gelindert werden könnte, auch dank kultureller Unterschiede?

Tonassi: Natürlich wird nicht jeder Flüchtling in die Pflege gehen, es gibt da aber offenbar ein Potenzial - zumal viele dieser Leute jung sind und noch keine Berufsausbildung haben. Solche Chancen sollten wir in den Debatten über Migration und Asyl nicht aus den Augen verlieren.

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