Unterbringungskrise Ein Flüchtling in unserer Wohnung?

Jedem Flüchtling in Deutschland sollen sieben Quadratmeter zum Leben zur Verfügung stehen. In vielen Unterkünften wurde diese Grenze längst unterschritten. Benjamin Maack und seine Familie leben auf 84 Quadratmetern. Raum, den man teilen kann - oder sogar muss?
Auch mit genug Platz: Ob man Flüchtlinge zu Hause aufnimmt, ist eine schwere Frage

Auch mit genug Platz: Ob man Flüchtlinge zu Hause aufnimmt, ist eine schwere Frage

Foto: Corbis

Wir hatten einfach Glück.

Meine Frau, mein dreijähriger Sohn und ich leben in einer großen Wohnung mitten in Hamburg. Ein Kinderzimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohn- und Spielzimmer und ein Bürozimmer. Insgesamt 84 Quadratmeter. In den Flüchtlingsunterkünften sollen jedem sieben Quadratmeter zustehen. Nach diesen Vorgaben könnten neben uns neun weitere Menschen in der Wohnung unterkommen.

In den Heimen wurde diese Grenze längst gerissen. In einer Flüchtlingsunterkunft in Niedersachsen leben 3000 Menschen, Platz ist eigentlich nur für 700. In der Zentralen Erstaufnahme in meinem Stadtteil lebten zwischenzeitlich bis zu 16 Menschen in einem 25 Quadratmeter großen Container. Das sind rund 1,5 Quadratmeter Container für den einzelnen. Kaum mehr als Platz für eine Matratze.

84 Quadratmeter geteilt durch 1,5 Quadratmeter macht 54.

Ich versuche mir vorzustellen, wie 54 Menschen in unserer Wohnung leben. 54 Menschen in diesen Räumen. Allein die Vorstellung sollte reichen, um jedem - auch mir - ein Gefühl fundamentaler Beengtheit zu vermitteln. 1,5 Quadratmeter pro Mensch. Zum Essen, zum Schlafen, zum Zurückziehen und Plaudern, zum Atmen, zum Leben. 1,5 Quadratmeter. Da braucht es keine religiösen Differenzen, da muss man kein traumatisierter Flüchtling sein. Da würde jeder nach ein paar Tagen einen Lagerkoller kriegen.

Habe ich die Kraft, diese Schicksale in mein Leben zu lassen?

84 Quadratmeter hat unsere Wohnung. Das sind 28 Quadratmeter für mich, ebensoviel für meine Frau und mein Kind. Das ist viel. Ist das nicht bei Weitem genug, um zwei, vielleicht sogar drei Flüchtlinge aufzunehmen? Genug, um das Bürozimmer herzurichten, in dem wir eh selten Zeit zum Arbeiten finden?

Doch was dann?

Wer sich in diesem Text eine Antwort auf diese Frage erhofft, kann jetzt aufhören zu lesen. Denn ich habe nur Fragen.

Meine Familie und ich haben keine Flüchtlinge mit Schokolade, Umarmungen und Blumensträußen begrüßt. Wir freuen uns, wenn sie es bis hierher geschafft haben. Wir hoffen, dass hier ein Leben ohne Angst und Armut auf sie wartet. Wir haben Kleider gespendet und etwas Geld. Eher abstrakte Hilfe. Manche werden sagen, das ist nicht genug, andere vielleicht: Alles hilft.

Die warmherzigen Geschichten in den Medien rühren mich. Wenn sich die Leute mit Händen und Füßen verständigen, wie in der Geschichte auf "Welt Online" . Oder wenn ein altes Ehepaar jemanden aufnimmt und ihn wie einen eigenen Sohn behandelt, wie vor einigen Wochen im SPIEGEL . Aber bin ich bereit, habe ich die Kraft, diese Schicksale in mein Leben zu lassen? Traumatisierte Menschen aus Krisengebieten, die vielleicht zusehen mussten, wie ihre Kinder ins Meer geworfen wurden. Die möglicherweise gefoltert wurden. Deren Familien in Syrien hingerichtet wurden. Ich weiß es nicht.

Etwas sehr Einfaches, bestechend Pragmatisches

Dann frage ich mich, was ich meinem Kind vorleben will. Offenheit, Mitgefühl, Güte. Gewiss. Aber möchte ich einem dreijährigen Kind erklären, warum jemand im Schlaf weint und schreit? Möchte ich mein Kind mit den Traumata eines Krieges konfrontieren? Oder ist das nur eine feige Ausrede? Möchte ich einfach nur selbst nicht damit konfrontiert werden? Möchte ich nicht, dass "sowas" in meine Komfortzone eindringt?

Wer meint, dass es eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt, lügt. Ob man den Flüchtlingen in Deutschland auf diese Art helfen kann und sollte, kann nur jeder für sich beantworten. Wie die Antwort auch ausfällt, es wird Zeit, das zu tun. Die Medien liefern mittlerweile einige Beispiele für Menschen, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Es sind Entscheidungshilfen.

In einem Artikel im "Zeit Magazin"  etwa geht es um eine alleinerziehende Sozialpädagogin. Eine Frau, die einen Flüchtling bei sich aufnimmt und nicht sicher ist, ob sie das Richtige tut. Auch währenddessen nicht. Es ist eine Geschichte ohne Zuckerguss und Sahnehäubchen. Der Flüchtling und die Frau können nichts miteinander anfangen, gehen sich aus dem Weg. Und irgendwann sagt sie etwas sehr Einfaches, bestechend Pragmatisches. Als der Syrer sie fragt, warum sie ihn bei sich aufgenommen habe, antwortet sie: "Was ich hier für dich tue, sollten andere auch für mich tun, wenn ich an deiner Stelle wäre."

Wie sooft kann man es kompliziert haben - oder auch ganz einfach: Menschen sollten füreinander da sein. Ich möchte für andere Menschen da sein. Ich möchte unter Menschen leben, die im Notfall für mich da sind. Und das möchte ich auch meinem Sohn vorleben.

Heute Abend werde ich mit meiner Frau sprechen, ob wir unser Bürozimmer freiräumen wollen. Vielleicht entscheiden wir gemeinsam, dass das nicht passieren wird.

Video: Meine WG mit einem Flüchtling

SPIEGEL ONLINE