Erfahrungen einer Flüchtlingshelferin "Ich habe viele Männer weinen sehen"

Die Flüchtlingskrise dauert an, viele Probleme bleiben. Das merken auch Helfer wie Helga Rodenbeck. Die Hamburgerin fordert mehr Unterstützung aus der Politik - und ist trotzdem zuversichtlich.

Flüchtlingshelferin Helga Rodenbeck
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Flüchtlingshelferin Helga Rodenbeck

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Alle reden von der Flüchtlingskrise, Helga Rodenbeck redet von geflüchteten Menschen. Die hätten zwar so manche Krise durchlebt, sagt sie, aber es gebe ja auch positive Aspekte: neue Herausforderungen, neue Chancen, neue Begegnungen. Rodenbeck kramt eine farbenfroh bemalte Postkarte hervor. Darauf steht: "Buntes Haus Blankenese". Und auf der Rückseite: "Direkt im Herzen von Blankenese eröffnen wir eine Begegnungsstätte für Geflüchtete und Mitbürger."

Rodenbeck, eine hellblonde Hamburgerin mit der Beharrlichkeit eines Feldmarschalls, lächelt aus dem Fenster ihres Büros im Herzen von Blankenese. In dem noblen Viertel wehrten sich einige Bewohner gegen eine Asylbewerberunterkunft. Dabei ist die Willkommenskultur viel bemerkenswerter als der Widerstand - sagt jedenfalls Rodenbeck, die als Vorsitzende des "Runden Tischs Blankenese" die Flüchtlingsarbeit im Stadtteil koordiniert.

Es gibt Zehntausende Helga Rodenbecks in Deutschland; Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren: Während weltweit Millionen fliehen, bewältigen sie die kleinen Krisen des Alltags - und das inzwischen seit mehreren Jahren.

Was motiviert diese Menschen? Was hat sich seit dem Höhepunkt im Herbst 2015 getan - und was muss sich aus ihrer Sicht jetzt verändern?

Flüchtlingshelferin Rodenbeck
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Flüchtlingshelferin Rodenbeck

Rodenbeck lehnt sich weit in ihrem Stuhl zurück. Sie wolle Menschen zusammenzubringen, sagt die Sozialarbeiterin, das "Bunte Haus" sei der perfekte Ort dafür: "Wir möchten, dass die Blankeneser sich da engagieren." Deutschunterricht, Ausstellungen, Jobvermittlung, Fotokurse - für all das braucht sie die Unterstützung vieler Freiwilliger.

Aber wie werden aus motivierten Helfern kompetente Mitarbeiter?

"Es fehlen vor allem Kenntnisse über die anderen Kulturen", sagt Rodenbeck. Bisweilen würden Ehrenamtliche die Zuwanderer unbedarft fragen, was sie auf der Flucht erlebt hätten. "Das ist natürlich sehr schwierig, viele sind ja traumatisiert", sagt Rodenbeck. "Ich habe schon viele Flüchtlinge weinend rausrennen sehen." Sie will daher möglichst alle Helfer künftig von Fachleuten schulen lassen. "Ich bin gerade dabei, mit den Behörden entsprechende Schulungen vorzubereiten, aber das dauert."

Damit reagiert Rodenbeck auf den Umstand, dass sich die Flüchtlingshilfe stark verändert hat: Die Zahl der Neuankömmlinge ist seit 2015 deutlich gesunken, die Behörden arbeiten effizienter, die Notunterkünfte leeren sich. Benötigt werden die Helfer trotzdem, für andere Aufgaben: Statt Jacken und Essenspaketen geben sie Deutschunterricht, helfen bei Behördengängen, begleiten Familien im Alltag.

An Angeboten mangele es in Blankenese keineswegs, sagt Rodenbeck. Es gebe Sprachkurse, Kindergruppen, eine Fahrradwerkstatt. Zwischenzeitlich habe sie nicht einmal genügend Aufgaben für all die Hilfswilligen gehabt, "da sind dann auch viele abgesprungen".

Diese Leute fehlten nun bisweilen, sagt Rodenbeck. Zwar gehören derzeit noch etwa hundert Helfer zum "Runden Tisch", aber die Aufgaben wachsen. Ende des Jahres etwa sollen 190 Flüchtlinge in die lange umkämpfte Unterkunft in Blankenese einziehen, dann braucht Rodenbeck neue Leute. "Mindestens 20, 30 müssten es sein", sagt sie, "das können ja nicht alles immer dieselben machen."

Zudem sei die Menge der Freiwilligen allein gar nicht ausschlaggebend, so Rodenbeck: Die Probleme der Flüchtlinge sind komplexer und vielfältiger als vor zwei Jahren, selbst perfekt geschulte Ehrenamtliche könnten nicht alle Aufgaben lösen. "Wir können nun mal nicht zaubern."

So richtig zufrieden klingt das nicht.

Viele Flüchtlingshelfer beklagen, der Staat lasse sie alleine oder behindere sie sogar, das ist das Ergebnis eines bundesweiten Forschungsprojektes. Rodenbeck knetet die Pappe des halbvollen Kaffeebechers, der vor ihr auf dem Tisch steht. "Ich würde mir wünschen, dass die Zusammenarbeit mit den Behörden besser wäre." Oft kämen wichtige Informationen zu spät oder gar nicht bei Betroffenen an, etwa zum Aufenthaltsrecht für Afghanen, die von der Abschiebung bedroht sind.

Forschungsprojekt über Flüchtlingshelfer

"Die Ausländerbehörde ist schon ein Problem", sagt Rodenbeck, "da weiß man oft nicht, woran man ist." Das führe zu Ungewissheit, die für Betroffene besonders schlimm sei. Einige Flüchtlinge hätten aus Angst um ihr Schicksal Zusammenbrüche erlitten. "Das dient nicht der Integration", sagt Rodenbeck, "wenn ein Flüchtling nicht weiß, was auf ihn zukommt."

Rodenbeck war schon Flüchtlingshelferin, als Anfang der Neunzigerjahre aus Jugoslawien Tausende Menschen nach Deutschland flohen. Damals habe sie mehr Zeit für den Einzelnen gehabt, zudem seien die Migranten psychisch weniger belastet gewesen: Die Fluchtwege waren kürzer und weniger gefährlich, die kulturellen Unterschiede geringer, Religion spielte eine vergleichsweise kleine Rolle.

"Ach", seufzt Rodenbeck, "und damals kamen auch nicht so viele Männer ohne ihre Familien." Sie erlebe viele Väter als frustriert, weil sie ihre Angehörigen nicht nach Deutschland holen dürfen. "Sie sind nur mit halbem Herzen hier und finden viel schwerer Anschluss", sagt Rodenbeck. "Ich habe viele Männer weinen sehen."

Hinzu kommt demnach der Frust über die Wohnsituation. "Es gibt immer noch Flüchtlinge, die seit Monaten in Erstaufnahmeeinrichtungen leben", sagt Rodenbeck. "Es sind halt nicht genügend Plätze in vernünftigen Wohnungen da - das liegt vor allem an denjenigen, die ständig gegen Unterkünfte vor Gericht ziehen."

Streit über Flüchtlinge in Hamburg

In Hamburg haben langwierige Gerichtsverfahren vielerorts die Einrichtung von Flüchtlingsheimen behindert - etwa in Blankenese und dem ebenso schicken Harvestehude, während zum Beispiel im Problemviertel Billbrook noch immer Hunderte Menschen in Großunterkünften leben.

Noch ein anderes Problem beschäftigt Rodenbeck: "Flüchtlinge sind ein wichtiges Thema im Bundestagswahlkampf", sagt sie, "aber leider ein negatives." Selbst linke Parteien würden versuchen, mit Polemik gegen Zuwanderung zu punkten. "Als Helfer rackert man sich ab, um in der Unterkunft für gute Stimmung zu sorgen", sagt Rodenbeck, "da hilft so eine politische Stimmung natürlich nicht."

Ab und zu gebe es zwar einen Preis oder eine öffentliche Danksagung, aber darum geht es ihr nach eigenen Angaben gar nicht. "Wir wollen keine Würdigung, sondern mehr Einsatz für die Geflüchteten", sagt Rodenbeck. Aus der Bundespolitik käme davon aber kaum etwas in Blankenese an, und das verunsichere viele Engagierte: "Mich haben schon einige Helfer angesprochen, die gar nicht wissen, wen sie wählen sollen."

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