Flüchtling als Imker im Schrebergarten Maschmanns Geschenk

Manfred Maschmann zweifelt an Merkels "Wir schaffen das", trotzdem vermachte er einem syrischen Flüchtling seinen Kleingarten. Eine Geschichte über zwei sehr verschiedene Männer - und ihre gemeinsame Leidenschaft.

Maria Feck/ SPIEGEL ONLINE

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Vor fünf Jahren bewirtschaftete Umar Abu Rashed noch einen Bauernhof, 30 Kilometer vor Damaskus: 500 Olivenbäume, 60 Bienenvölker, 40 Kühe, ein See für die Karpfenzucht. Dann holte Abu Rashed der Krieg ein und die Sicherheit wurde wichtiger als der Besitz.

Vor fünf Jahren kam Manfred Maschmann noch jeden Tag in seinen Schrebergarten, grub die Beete um, beschnitt die beiden Apfelbäume. Dann kam das Alter, die Kraft ließ nach, und Maschmann wollte, dass es trotzdem weitergeht mit der Parzelle.

Jetzt sitzen ein 85-Jähriger mit wachem Blick und ein 55-Jähriger mit breiten Schultern auf Gartenstühlen und essen Datteln. Maschmann kommt noch ein-, zweimal pro Woche in den Garten, eine Viertelstunde Fußweg vom Bahnhof Lüneburg entfernt. Abu Rashed kommt jeden Tag.

Abu Rashed sagt "Die Moschee liegt fünf Minuten von hier", indem er mit den Fingern durch die Luft läuft, weil noch viele deutsche Wörter fehlen, obwohl er seit mehr als drei Jahren in Deutschland lebt.

Als Maschmann sagte, er solle die Kartoffeln nicht so früh pflanzen, pflanzte Abu Rashed trotzdem früh. Vielleicht verstand er nicht richtig, vielleicht kam auch noch etwas anderes dazu: "Der ist halt auch ein Clanchef", sagt Maschmann. Abu Rasheds Frau, seine sechs Kinder und seine Enkel flohen alle mit nach Lüneburg. "Und ich bin nur der Flachländer."

In Damaskus fällt die Temperatur selbst in den Wintermonaten nicht unter null Grad, in diesem Jahr sind die Frühjahrsnächte in Norddeutschland aber so kalt, dass das Kartoffelgrün noch abfrieren kann.

Maschmann ist keiner, der sich im Sommer 2015 für Merkels "Wir schaffen das" begeisterte. Weil er nicht zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Aber auch, weil er bei sich dachte und noch immer denkt, dass es zu viele Flüchtlinge sein könnten.

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Syrer im Schrebergarten: Eine besondere Leidenschaft

Er erinnerte sich, wie seine Eltern 1945 von einem auf den anderen Tag 18 Flüchtlinge aus Ostpreußen unterbringen mussten; an die Enge im Haus, die fremden Begriffe, die er nicht verstand. Daran, dass die ostpreußischen Mädchen zwar hübsch waren, aber die Eltern ihnen den Kontakt mit den norddeutschen Jungs verboten. Über die syrischen Flüchtlinge sagt er: "Die gehen alle wieder zurück, die halten das hier nicht aus. Wir würden uns in Syrien auch nicht heimisch fühlen, ist zu heiß."

In Syrien war Abu Rashed wohlhabend, satt, besaß nicht nur den Hof, sondern auch einen Supermarkt und zwei Häuser. Seinen Hof sah er zum letzten Mal 2012, danach wurde die Fahrt zu gefährlich. Später starb einer seiner Arbeiter, dem anderen riss eine Bombe die Beine weg. Als er das erzählt, bricht ihm die Stimme weg.

Hier in Lüneburg gibt es Termine beim Jobcenter und bei der Ausländerbehörde. Und weiße Ziergardinen in der Laube, handtuchgroße Tulpenbeete und ein Bundeskleingartengesetz, demzufolge die Laube maximal 24 Quadratmeter groß sein kann, weshalb Abu Rashed keinen Pavillon für das Grillen mit der Familie anbauen kann. Aber eben auch: frische Luft, die den Kopf frei macht vom Vergangenen, und nette Nachbarn, die erklären, dass die Pflanze mit den gezackten Blättern Liebstöckel ist.

Am Anfang, vor drei Jahren, betrachtete Maschmann Abu Rashed als Besucher. Zuerst grüßten sie sich nur, wenn sie sich im Weg begegneten, weil Abu Rashed einen Freund im Garten besuchte. Dann sprach Abu Rashed Maschmann auf seine Bienenkörbe an, und Maschmann merkte, dass sich Abu Rashed mit dem Imkern nicht nur auskannte, sondern sich auch dafür begeisterte.

Es ist eine gigantische Aufgabe für Europa: Millionen Flüchtlinge müssen integriert werden. Vier internationale Medien beschreiben ihr Leben und untersuchen Perspektiven auf die europäische Flüchtlings- und Migrationspolitik.

Maschmann begann 1947 mit der Bienenzucht, weil die britischen Soldaten für jeden Imker zum Füttern zwei Pfund Zucker extra freigaben. Er imkerte danach fast 70 Jahre weiter, weil er für sich feststellte, dass Bienen besser zusammenleben als Menschen: "Dass sich 70.000 Lebewesen in der Gruppe einwandfrei verhalten, davon können wir Zweibeiner viel lernen."

Als er noch in der Entwicklungsabteilung eines großen Chemiekonzerns angestellt war, regte es Maschmann auf, wenn Kollegen die Teamarbeit verweigerten, weil sie privat nicht miteinander konnten; später, als er für das städtische Klärwerk arbeitete, ärgerte es ihn, wenn Beamte aus Bequemlichkeit jeden Kontakt mit den Bürgern vermieden. Und er liebte es, dem Tanz der Bienen zuzusehen, ihrer poetischen Präzision: Wenn eine Biene den anderen nur durch Bewegung genau aufzeigt, dass in südwestlicher Richtung in 1,2 Kilometern eine Linde blüht, und die Sammlerinnen dann ausschwärmen.

Abu Rashed beherrscht die deutschen Worte für Wabe, Zelle und Flugloch, notierte sich die Begriffe extra in einem Notizbuch. Er erzählt mit Händen und Füßen von syrischem Eukalyptus-Honig, der für ihn der würzigste ist, und vom trockenen Wetter in Syrien, durch das die Bienen besser an den Nektar kommen, weil sich keine Tropfen in den Blütenkelchen sammeln.

Hinter dem Haus warten die Schätze, aufgebockt auf zwei Holzgestelle: grünbemalte Styroporkästen, in denen die Bienen leben. Abu Rashed nimmt eine Arbeiterin, drückt den Stachel in die weiche Haut zwischen Daumen und Zeigefinger, weil es gegen seine Rheuma-Schmerzen hilft. Schutzkleidung ziehen wir Imker nie an, sagt Maschmann.

"Etwas flusig für mich als Deutscher"

Maschmann beobachtete und prüfte Abu Rashed mehr als ein Jahr, und als Maschmann "Eggs" sagte, zeigte Abu Rashed auf die stiftförmigen Eier am Zellenboden der Bienenwaben. Vor zwei Jahren schenkte er ihm dann die Laube, den Stromanschluss, die Honigschleuder; unterschrieb mit Abu Rashed den Vertrag beim Vereinsvorstand, die Pacht zahlt er weiter.

Abu Rashed lädt Maschmann ab und an zum Essen ein, um ihm für seine Großzügigkeit zu danken, und verändert im Garten nur wenig, um ihn zu würdigen: die Gardinen, der runde Tisch, die Tischdecke mit den blauen Blümchen - alles noch wie früher. Aber der dunkelrote Gebetsteppich ist neu, und das Regal, wo Pumpen liegen, die Plastikflaschen mit der Ameisensäure stehen, unaufgeräumter. "Etwas flusig für mich als Deutschen", sagt Maschmann, aber er lächelt dabei. Und mehr Stühle hat sich Abu Rashed organisiert: "Für seine Sippe, die ist zahlreich", sagt Maschmann. "Bei uns waren vielleicht mal zwei Leute zu Besuch."

Im vergangenen Winter töteten Milben alle Winterbienen, trotz Ameisensäure, die Erinnerung verschattet bei Abu Rashed das Gesicht, er fühlt sich noch immer schuldig deshalb, obwohl das jedem hätte passieren können. Maschmann organisierte zwei neue Völker: Buckfastbienen, seine eigenen Nachzüchtungen aus nordafrikanischen und asiatischen Bienen, gelber als die westliche Honigbiene. Die Völker sind nach ihm benannt, in den grünen Styroporkästen leben jetzt Maschmann 68 und Maschmann 69.

Noch warten die Bienen auf die Rapsblüte. Nur, wenn sich kurz die Sonne zeigt, verlassen sie den Stock, um Wasser zu holen. Abu Rashed hat aber trotzdem viel zu tun; er beugt sich über seinen Arbeitstisch, lötet die Mittelwände aus Wachs in Holzrahmen, auf denen die Bienen später die Waben bauen. "Der Arbeitsaufwand lohnt sich ja kaum beim Imkern", sagt Maschmann. "Den Stundenlohn mag man sich nicht ausrechnen." Aber es ist eben Honig da.


Dieser Text gehört zur Langzeit-Serie "The New Arrivals", bei der SPIEGEL ONLINE die syrische Familie Abu Rashed bei ihrem Alltag in Deutschland begleitet und gemeinsam mit "The Guardian", "El País" und "Le Monde" neue Perspektiven auf europäische Flüchtlingspolitik recherchiert. Das Projekt wird durch das European Journalism Centre (EJC) mit Mitteln der Bill und Melinda Gates Foundation unterstützt.Hier erfahren Sie mehr, hier lesen Sie, wie Abu Rasheds Tochter sich auf ein Studium vorbereitet, und hier, wie die Familie arabischen Muttertag feiert.



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