Flüchtlingsheim der Malteser Integration am Grenzweg

Susanne Behem-Loeffler
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Susanne Behem-Loeffler

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Im Flüchtlingsheim in Hamburg-Rahlstedt helfen Dutzende Ehrenamtliche bei der Integration der Asylbewerber. "Unser Job ist, dafür zu sorgen, dass sie in ihrer Zeit bei uns etwas lernen", sagt die zuständige Koordinatorin.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Die Babys können endlich umziehen. In den vergangenen Wochen war eine Ecke im Flur ihre Krippe: Auf dem Boden bunte Decken, Tische als Abgrenzung und gleich daneben die Containertür. Ein Provisorium. Und jetzt, wo morgens die Luft kalt in den Flur zieht, wenn jemand reinkommt, ging es einfach nicht mehr.

"Ich helfe euch beim Tragen", sagt Susanne Behem-Loeffler und nimmt einen Stapel Decken auf den Arm. Es ist 9.15 Uhr, und bisher ist erst der kleine Yusuf abgegeben worden, der Umzug ist also sehr übersichtlich. Normalerweise, sagt die Betreuerin Maryam Alishafahi, kämen zwischen neun und zwölf Kindern, aber heute ist die Kinderärztin da, und sowieso seien nicht immer alle pünktlich.

Die Krippe hat ihren neuen Platz im Eltern-Kind-Café gefunden, der Container steht schräg gegenüber. Auch die Kita der Erstaufnahme (EA) in Hamburg Rahlstedt ist darin untergebracht. Vom Fenster des Cafés aus kann man auf der anderen Seite des Wegs den Raum sehen, in dem die Eltern der Babys Deutsch lernen. Und weil die Containertür wegen der Kita-Kinder alarmgesichert ist, werden die nach und nach eintrudelnden Babys jetzt einfach durchs geöffnete Fenster reingereicht.

Babybetreuung während des Deutschkurses
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Babybetreuung während des Deutschkurses

Zwei Deutschkurse laufen jeden Vormittag in der Erstaufnahme, sie sind für jene konzipiert, die nicht an Integrationskursen teilnehmen können, weil ihr Asylverfahren noch läuft. Oder weil nicht klar ist, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben dürfen, was inzwischen der Langzeit-Schwebezustand der meisten Afghanen ist.

Doch nur, wenn die Babys untergebracht sind, können die Eltern von neun bis 13 Uhr konzentriert beim Sprachunterricht sitzen. Deshalb hat Behem-Loeffler gemeinsam mit der Volkshochschule das Kombi-Projekt aus Kurs und Kinderbetreuung gestartet. "Es ist nicht unser Job, dafür zu sorgen, dass die Menschen in Deutschland bleiben können", sagt Behem-Loeffler, "unser Job ist, dafür zu sorgen, dass sie in ihrer Zeit bei uns etwas lernen."

Behem-Loeffler ist zuständig für Projekte, die der Integration von Flüchtlingen dienen, und für die Anwerbung und Koordinierung von Ehrenamtlichen , die bei eben dieser Integration helfen sollen. Ihr Büro liegt direkt neben dem Unterrichtsraum, sie hat es mit Kinderbildern dekoriert, in der Ecke steht ein kleiner Wasserkocher, daneben türmen sich die Teebeutel-Boxen.

Deutschlehrer Ghassem Kahed, Giuseppepe D'Amato, Alexa Plass
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Deutschlehrer Ghassem Kahed, Giuseppepe D'Amato, Alexa Plass

Giuseppe D'Amato kommt herein. "Buon giorno, Signor D'Amato", sagt Behem-Loeffler, sie ist studierte Germanistin und Romanistin. Signor D'Amato hat gerade, unter Anleitung des Deutschlehrers Ghassem Kahed, seine erste Unterrichtsstunde in der EA Rahlstedt gegeben. "Ich liebe Sprache und Musik, und ich möchte Menschen helfen", sagt er in tadellosem Deutsch mit eleganter italienischer Melodie. Er hat zehn Jahre lang die italienische katholische Gemeinde in Hamburg geleitet und ist von Behem-Loeffler angeworben worden. Sie hatte ihn zufällig im Freiwilligen-Zentrum des St. Marien-Doms kennengelernt, auch so funktioniert Akquise.

Knapp die Hälfte der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe gaben kürzlich in einer Studie an, dass sie mit Sprachunterricht beschäftigt seien - nach Behördengängen die zweithäufigste Tätigkeit von Freiwilligen in der Flüchtlingshilfe. "Dass sich die humanitäre Qualität der Lebenssituation von Geflüchteten verbessert hat, ist unter anderem Ehrenamtlichen verdanken, die zum Beispiel Sprachkurse gegeben haben", sagt Anselm Sprandel, Chef des Zentralen Koordinierungsstabsbs (ZKF) Flüchtlinge in Hamburg.

Auf Behem-Loefflers Liste stehen 55 Helfer, einige unterrichten Deutsch, andere arbeiten in der Kleiderkammer und in der Fahrradwerkstatt der EA Rahlstedt, geben dort Computer-, Mal- und Fotokurse, leiten die Nähstube, konzipieren die Zauberwerkstatt oder lesen Kindern vor. Behem-Loeffler betreut aber auch Koordinatorinnen, die in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern bei der Diözese für Ehrenamtliche und Integration zuständig sind.

Baby-Betreuerinnen Maryam Alishafahi, Mahnaz Kahed, Azadeh Noroozi
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Baby-Betreuerinnen Maryam Alishafahi, Mahnaz Kahed, Azadeh Noroozi

Über ihr Netzwerk hat Behem-Loeffler auch Alexa Plass gefunden - sie ist eine Nachbarin, von Beruf Moderatorin und Sprecherin und Mutter von drei Kindern, die vormittags in Kita und Schule untergebracht sind. Ein erweitertes Führungszeugnis und die Schulung "Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt" gehörten zu den Bedingungen der Malteser, damit Plass einen Kurs übernehmen konnte. Motiviert zu der Arbeit hatte sie auch eine TV-Reportage über Flüchtlinge. "Ich bin keine Mutter Theresa, aber mir sind die Menschen hier ans Herz gewachsen", sagt sie.

Vor Kurzem hat Behem-Loeffler damit begonnen, ihre Projekte um einen weiteren Baustein zu erweitern: Teams aus jeweils einem "i-Lotsen" und zwei Flüchtlingen sollen gemeinsam den Weg in eine Ausbildung gehen. Modul eins ist ein Erste-Hilfe-Kurs, Modul zwei eine "Helfergrundausbildung nach AV 10", Modul drei eine Fachausbildung zum Sanitäter. Die Idee dahinter ist, dass die i-Lotsen nicht nur altruistisch ihre Zeit und Energie für andere opfern, sondern dass sie direkt selbst profitieren.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Eine Ausbildung absolvieren und danach in die Arbeitswelt einsteigen - das ist Integration. Integration bedeutet aber auch, soziale Kontakte zu knüpfen - auch das ist ein Job der Ehrenamtlichen. "Der Staat kann nicht jedem Geflüchteten einen Paten an die Hand geben, das würde Neid hervorrufen", sagt der ZKF-Chef Sprandel, "und das wollen wir nicht."

Das Bundesfamilienministerium hat am Beispiel Patenschaftsprogramm "Menschen stärken Menschen" die Effekte dieser Ehrenamts-Sozialarbeit untersucht. Laut der im Mai veröffentlichten Studie fanden 94 Prozent der Freiwilligen, durch die Patenschaft sei das gegenseitige Verständnis für Kultur, Religion, Werte gewachsen. Das strahlt aus, denn die Paten haben Freunden und Bekannten positiv von ihren Erfahrungen berichtet. Mit dem Erfolg, dass die Hälfte der Paten andere Menschen mit ihrer Begeisterung angesteckt und für die Flüchtlingshilfe gewonnen haben.

Genau das ist auch die Erfahrung von Susanne Behem-Loeffler: "Der Funke muss überspringen. Und dann läuft es."

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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