Falsche Flüchtlings-Selfies auf Instagram Abdous unglaubliche Reise

Abdou flieht aus dem Senegal nach Europa, zu Fuß, im Kofferraum, im Schlauchboot - und hält alles auf Selfies fest. Die Geschichte bewegt Tausende User auf Instagram. Doch nun stellt sich heraus: alles erfunden. Warum?

Tomás Peña (rechts) und Hagi Touré (Mitte): Flucht inszeniert
Tomás Peña

Tomás Peña (rechts) und Hagi Touré (Mitte): Flucht inszeniert

Von Angelika Stucke, Madrid


Abdous gefährliche Reise vom Senegal bis nach Spanien, bis an den Strand von Tarifa - sie faszinierte an zehn Tagen im Juli und August viele Instagram-Nutzer. Dank Abdous Selfies und Fotos konnten die User verfolgen, wie ein Mensch aus Afrika sein Leben riskiert, um nach Europa zu kommen. Zumindest dachten sie das.

Sie sahen, wie Abdou den letzten, von seiner Mutter für ihn zubereiteten Couscous aß, wie er sich von seinen Liebsten verabschiedete, wie er die gefährliche Reise durch die Wüste wagte, auf einem Moped, zu Fuß und versteckt in einem stickigen Kofferraum, ehe er auf einem winzigen Schlauchboot die Meerenge von Gibraltar überquerte und schließlich - aufgegriffen von der Guardia Civil - in einem Auffanglager für Flüchtlinge in Tarifa landete. Zumindest sah es so aus.

Fernsehsender, Zeitungen und Onlinemedien in ganz Europa griffen die Geschichte auf, obwohl es schnell Zweifel gab. Wirklich plausibel war die Erzählung nicht. Tatsächlich fand Abdous Reise nie statt. Es gibt Tausende wie Abdou, aber dieser junge Mann ist in Wahrheit ein Sportler und die angebliche Flucht eine Werbekampagne. Sämtliche Bilder wurden in der Umgebung von Barcelona aufgenommen.

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Ein von Abdou Diouf (@abdoudiouf1993) gepostetes Foto am

Die Idee zu der Aktion stammt von Tomás Peña, er leitete die Aufnahmen der Selfies und anderen Fotos. "Abdous Reise" soll für eine Fotoausstellung werben, die ab September im baskischen Getxo stattfindet - und das hat hervorragend geklappt. So viel Aufmerksamkeit bekam die Ausstellung vorab noch nie.

"Dabei half natürlich auch, dass die Einwanderung gerade ein so großes Thema ist, dass eigentlich täglich unfassbare Geschichten in den Nachrichten laufen", sagt Peña. "Die Ausstellung steht diesmal unter dem Motto Reisen, da lag diese besondere Reise ja irgendwie in der Luft." Auch nach Bekanntwerden der Täuschung bekomme die Agentur fast ausschließlich positive Reaktionen.

Vielleicht, weil "Abdous Reise" mit den simplen Mitteln der sozialen Netzwerke simuliert, was Flüchtlinge auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen. Vielleicht, weil die Geschichte wahr sein könnte. "Wir haben die Leute dazu gebracht, noch einmal ganz anders über die Flüchtlingsdebatte nachzudenken", sagt Peña.

Abdou heißt in Wahrheit Hagi Touré und ist ein Ballsportler, der ursprünglich aus dem Senegal stammt, mittlerweile aber die spanische Nationalität hat. Er spielt Basketball und Beachvolleyball und lebt mit seiner Familie in einem Dorf bei Barcelona. "Hagi und auch die beiden anderen Darsteller wussten ganz genau, was sie machen, und fanden die Idee gut", berichtet Peña.

"Wir haben sie bei einem ganz normalen Casting ausgesucht. Sie stammen alle drei aus dem Senegal, haben aber keine gewagten Überfahrten wie der fiktive Abdou gemacht, um nach Spanien zu kommen." Hagi Touré ist von dem Medienrummel, den seine Rolle ausgelöst hat, überwältigt und will erst einmal seine Ruhe haben. Interviews gibt er vorerst nicht.

Die vermeintliche Flucht hat im Netz viele Reaktionen ausgelöst. Mehr als 11.600 Menschen folgen dem Instagram-Account inzwischen. Während der Reise gab es zu den Fotos aufmunternde Kommentare, aber auch hässliche. Die Flüchtlingsfrage bewegt die Menschen, so oder so.

Auf die Frage, ob die Firma kein schlechtes Gewissen habe, das Thema für eine Werbekampagne auszunutzen, antwortet Peña: "Wir haben doch nichts Schlimmes gemacht, die meisten Getäuschten lachen darüber, und Lachen öffnet den Geist. Wirklich schrecklich ist, was gerade mit den Einwanderern in Calais geschieht", sagt er.

Peña redet sich nun in Rage, die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union sei eine Schande, das Geld für Rüstung müsse eingesetzt werden, um den Menschen zu helfen, ihnen Nahrung und Bildung zu geben, dann wäre die Welt ein besserer Ort. "Ich hoffe, dass unsere Aktion noch viel mehr Leute zum Nachdenken bringt", sagt Tomás Peña, "dann hätten wir wirklich etwas erreicht, das über bloße Werbung hinausgeht".



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