Flüchtlingsheim am Grenzweg "Das geht gar nicht, dass hier Kinder mit Steinen werfen"

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Es gibt Ärger in Hamburg-Rahlstedt: Vom Gelände des Flüchtlingsheims haben Kinder Steine auf ein Nachbargrundstück geworfen. Stadtteilpolizist Michael Goltz vermittelt mit dem Nachbarn.

Niemand wurde verletzt, nichts wurde beschädigt. Ärgerlich, aber kein Grund zur Aufregung, Kinder eben, könnte man sagen. In diesem Fall aber gibt es Aufregung, denn die Steine sind auf dem Grundstück von Jörg Volenec gelandet, der ohnehin nicht begeistert von der Nachricht war, künftig ein paar Hundert neue Nachbarn zu haben - auch, weil er sich von den Behörden schlecht informiert fühlte.

Deshalb sitzt an diesem Morgen der Stadtteilpolizist Michael Goltz im Büro von Tanja Bee-Weinelt. Die Stellvertretende Leiterin der EA Rahlstedt ist ziemlich sauer. "Das geht gar nicht, dass hier Kinder mit Steinen werfen", sagt sie. Sie habe mit Jörg Volenec noch am selben Tag telefoniert und angeordnet, dass eine Wache von 14 bis 24 Uhr oben auf der Außentreppe des Wohnblocks B2 stehe und den Zaun beobachte - bis 14 Uhr sind die Kinder in der Kita und in der Schule. "Wir sind schon im Gespräch mit den Eltern", sagt Bee-Weinelt. Und wenn das nicht helfe, dann solle der Polizist Goltz mal mit den Eltern und den Kindern sprechen, das mache sicherlich noch mehr Eindruck.

Bee-Weinelt berichtet, dass in der nächsten Woche weitere 80 Bewohner einziehen werden und die Zahl der Kinder im Kita-Alter dann auf etwa 40 anwachse. Da sei es schwer für die beiden Erzieherinnen, alle im Auge zu behalten. Weil es in der Erstaufnahme (EA) Rahlstedt nur eine sogenannte "Halboffene Betreuung" gibt, gilt nicht der Hamburger Schlüssel für Kitas von einem Erzieher pro 8,5 Kinder ab 3 Jahren. Volljährige Praktikanten könne sie gut gebrauchen, sagt Tanja Bee-Weinelt.

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Flüchtlingsheim: Steinwurf in der EA Rahlstedt

Kurz danach fährt Goltz zu Jörg Volenec, um dessen Version zu hören. Mitte April hätten auf dem Hof seiner Firma plötzlich überall Steine gelegen, sagt Volenec. Er habe auf den Aufnahmen seiner Überwachungskamera zwei Paar Kinderbeine hinter dem Zaun der EA Rahlstedt gesehen. "Ich habe gleich Herrn Stolze angerufen", sagt Volenec, also den Leiter der Flüchtlingsunterkunft, der auch versprochen habe, sich um die Sache zu kümmern. Der Polizist Goltz war an dem Tag im Urlaub, er nahm den Vorfall später in seinen Tätigkeitsbericht auf, damit der Steinewurf aktenkundig wurde.

Vor ein paar Tagen habe es den zweiten Vorfall gegeben, erzählt Volenec, es habe laut gescheppert, als Steine gegen den Container neben seinem Haus und auf seinen Parkplatz flogen. Drei Kinder seien es dieses Mal gewesen, ein größeres und zwei kleine, von denen eines es nicht geschafft habe, einen Stein über den hohen Zaun zu werfen.

Jörg Volenec sagt: "Ich vermute, als die beiden Kinder im April die Steine warfen, haben sie auf die Deutschlandfahne gezielt." Die Deutschlandfahne, die seit einigen Wochen zwischen zwei schwarzen Fahnen eines Lieferanten von Volenec weht. Früher waren es drei schwarze Fahnen, aber eine sei zerrissen. "Da habe ich überlegt, welche Fahne hänge ich auf?", erzählt Volenec. "Eine Deutschlandflagge? Oder ist das provokativ? Und da dachte ich: 'In welchem Land lebe ich, dass ich mir Gedanken darüber mache, ob ich die Nationalflagge hissen kann? In Dänemark, wo ich oft bin, steht vor jedem Haus ein Mast mit der dänischen Flagge!'"

Dass Tanja Bee-Weinelt seinen Ärger über die Steinewerfer so gut verstanden habe, freut Volenec. "Sie war noch wütender als ich", sagt er und schmunzelt.

Volenec hat ein Gebäudereinigungs-Unternehmen, aber die EA Rahlstedt putzen seine Mitarbeiter nicht. Er sei gar nicht gefragt worden, ob er an dem Auftrag interessiert sei, sagt Volenec, "aber ich würde das auch ablehnen. Sonst macht doch auch jeder seine Wohnung selber sauber, da könnten die doch eine Putztruppe aus den Bewohnern zusammenstellen."

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Volenec berichtet noch, ein paar Kinder seien auf den Heizungsrohren der Unterkunft herumgeklettert, und er habe sie aufgefordert, das sein zu lassen, da die Isolierung beschädigt werden könnte. Goltz nickt freundlich, und dann schaut Volenec auf sein Handy, er muss los, seinen Sohn von der Schule abholen.

Später erzählt Goltz, Putzkräfte in der EA Rahlstedt hätten gehört, wie irgendwo in der Flurdecke eines Wohnblocks ein Telefon klingelte. Auf der Verkleidung lag ein Handy, angeschlossen an eine Powerbank. Das LKA entdeckte aber offenbar keinen Hinweis auf eine Straftat, jedenfalls erhielt der Eigentümer sein Telefon zurück. Der WLAN-Empfang sei da oben besser, sei dessen Erklärung gewesen. Goltz schüttelt kurz den Kopf. Seltsamer Vorfall.

Der Polizist fährt auf seiner Runde an einer Folgeunterkunft in Rahlstedt vorbei. Konflikte mit den Nachbarn gibt es da auch. Manche befürchteten, ihre Eigentumswohnung könne im Wert sinken, anderen seien die Kinder auf dem Spielplatz zu laut oder das Licht zu grell. Beruhigen, schlichten, Verständnis wecken - das gehört auch zum Job des "Bünabe", des Bürgernahen Beamten Michael Goltz.

Ein Stück weiter liegt die Live-Musik-Kneipe Chattahoochee, in der Country gespielt wird. Die Besitzerin habe ihm erzählt, es kämen nicht mehr so viele Frauen in den Klub, seit es in der Nähe die große Zentrale Erstaufnahme gebe, sagt Goltz. Sie hätten offenbar Angst, abends die Meiendorfer Straße entlangzugehen. Passiert ist allerdings noch nie etwas. Auch die von den Nachbarn im Gewerbegebiet Neuer Höltigbaum befürchteten Einbrüche sind ausgeblieben.

Im Naturschutzgebiet Neuer Höltigbaum schaut Goltz an einer Stelle vorbei, an der gerne illegal Müll abgeladen wird. Hier wuchert im Moment das Grün, aber vor einigen Monaten lagen hier große Mengen an Bauschutt. Der Täter wurde inzwischen ermittelt, es war ein Abbruchunternehmer aus der Nähe.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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