Flüchtlingsheim am Grenzweg Enayatullahs grausame Erinnerungen

Enayatullah
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Hunderte Männer lynchten in Afghanistan eine Frau, weil sie den Koran verbrannt haben soll. Enayatullah musste nach eigenen Angaben hilflos zusehen - das Erlebte quält ihn bis heute.

Er greift nach der Sonnenbrille, die auf dem Tisch liegt, und setzt sie auf. Nicht, weil er cool sein will, obwohl seine Jacke im Military-Stil und die Ray-Ban-Kopie auf der Nase das vielleicht suggerieren. Nein, er könne die Geschichte nur erzählen, sagt Enayatullah, wenn er seine Augen verdecke.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Am 19. März 2015 sei er auf dem Motorrad von seinem Job als Vorarbeiter bei der Kabuler Stadtverwaltung nach Hause gefahren. Vor einer Moschee habe er plötzlich viele Menschen gesehen, die Mobiltelefone in die Luft hielten und filmten oder fotografierten. Er sei neugierig geworden, sagt Enayatullah, er habe sein Motorrad abgestellt und sei hingegangen.

Gesehen habe er nichts, er habe nur die Rufe gehört: "Sie muss geschlagen werden! Schlagt sie!" Wie ein Volk von Ameisen seien ihm die aufgeregten Menschen vorgekommen. Er habe gefragt: "Was ist los?" Eine Christin habe den Koran zerrissen, behauptete jemand, ein anderer habe gesagt, sie sei aus Frankreich. Die Menschen hätten "Allahu akbar", Gott ist groß, gebrüllt. Dann habe jemand gerufen, jetzt würde ein Auto sie überfahren, ihre Füße würden ans Auto gefesselt, sie würde hinterhergeschleift. Enayatullah sagt: "Da bin ich innerlich zusammengebrochen und habe laut geschrien."

Er habe dann gesehen, wie die Frau über eine Mauer ans Flussufer geworfen worden sei. "Kinder, Jugendliche, Erwachsene warfen Steine auf sie", erzählt Enayatullah. Er streckt die Arme hoch und sagt: "Ein Mann hat einen riesigen Stein genommen und auf ihren Kopf geworfen", dann macht er die Bewegung nach und lässt seine Arme mit Wucht fallen. Dieses Bild, sagt er, werde er nie vergessen. "Hätte ich eine Waffe gehabt, ich hätte sie alle erschossen." Der Körper sei mit Benzin übergossen und angezündet worden, und weil er trotzdem nicht gebrannt habe, hätten die Menschen Tücher und Schals darauf geworfen.

Es seien nur Männer gewesen, die die Frau ermordet hätten, sagt Enayatullah: "Ich habe mich gehasst, weil ich auch ein Mann bin."

Der Lynchmord ging durch die Weltpresse. Seit diesem Tag gehe es ihm schlecht, sagt Enayattulah, er habe diesen furchtbaren Mord nie verkraftet, er habe nie bewältigt, dass er nichts hätte tun können. Er sei dann zu einer Protestdemonstration gegangen, wo er gefilmt worden sei: Er zeigt einen Ausschnitt aus einer BBC-Nachrichtensendung auf seinem Handy. "Der Mann mit dem Bart und der Lederjacke, das bin ich", sagt er. Auch seine Vorgesetzten hätten ihn im Fernsehen entdeckt. Deshalb habe er von dem Tag an den Job der Hilfsarbeiter machen müssen.

Bei der Anhörung zu seinem Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wollte Enayatullah diese Geschichte erzählen. Doch schon der Übersetzer habe mit der Hand gewedelt und gesagt, das glaube ihm niemand. Und außerdem: Einer von Hunderten Augenzeugen eines abscheulichen Verbrechens gewesen zu sein, sei sowieso kein Asylgrund.

Enayatullah vergräbt seinen Kopf in den Händen. "Wenn ich mit den Nerven runter bin, dann ist es ein Gefühl, als würde ich mit dem Kopf gegen die Wand schlagen", erzählt er. Nachts, wenn er nicht schlafen kann, beißt er sich auf die Lippen, bis sie bluten.

Der Asylantrag von Enayatullah und seiner Frau Sakineh wurde abgelehnt, auch subsidiärer Schutz wurde ihnen nicht gewährt. Irgendwann wird deshalb ein Verwaltungsgericht entscheiden.

Die Ablehnung hat Enayatullah niedergeschmettert. Ende Februar versuchte er, sich in der Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt mit Tabletten das Leben zu nehmen. Er wurde rechtzeitig gefunden und verbrachte einen Monat in einer psychiatrischen Klinik. Doch er musste vorzeitig entlassen werden, weil es Probleme mit der Schwangerschaft seiner Frau gab. Er musste auf die gemeinsame Tochter Helia aufpassen, während Sakineh wochenlang in der Klinik lag.

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Inzwischen ist sein Sohn per Kaiserschnitt geboren worden, Sakineh ist mit dem Baby in die EA Rahlstedt zurückgekehrt. Hurat heißt der Säugling. Enayatullah wollte ihn Michael nennen, doch Sakineh habe Bedenken gehabt, dass irgendjemand in Kabul davon Wind bekommen und sich an ihrem dort lebenden kleinen Sohn rächen könnte. Weil Michael doch ein christlicher Name sei. "Für mich heißt er trotzdem Michael", sagt Enayatullah.

Seit seinem Suizidversuch nimmt er ein Antidepressivum. Er würde gerne so bald wie möglich zurück ins Krankenhaus, um sich weiter behandeln zu lassen. Für ambulante Therapieplätze bei Traumaexperten, die Dari sprechen, gibt es Wartelisten. Aber seine Frau allein mit Kleinkind und Baby in dem Containerdorf zurücklassen? Auch wenn die kleine Tochter jeden Tag vom Fahrdienst zur Kita gebracht und dort wieder abgeholt wird, möchte er Sakineh keine Belastungen zumuten. Zumal Helia sich erst auf den kleinen Bruder gefreut hat und nun eifersüchtig auf das Baby ist und Aufmerksamkeit verlangt. Nichts Ungewöhnliches, aber anstrengend eben. Und die Anstrengung, fürchtet Enayatullah, könne zuviel werden.

Menschen vom Grenzweg
Familie Rashid
Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.

Enayatullah sagt, er habe Afghanistan verlassen, weil der Onkel seiner Frau gegen die Ehe gewesen sei und sie terrorisiert habe. Er zeigt zwei Narben auf dem Oberarm: "Von einem Schlagring", sagt er.

Er sei dankbar, dass Deutschland seiner Familie und ihm zu essen und zu trinken gegeben habe und ein Dach über dem Kopf. "Manche haben diese Großzügigkeit Deutschlands ausgenutzt, und wir werden dafür bestraft", sagt er. Und immer wieder sagt er, dass er sich umbringen werde, wenn seine Familie abgeschoben werden soll. Wenn keiner ihm glaube, dass er nach Deutschland gekommen sei, um seiner Familie das Leben zu retten.

"Ich kann nicht akzeptieren, dass meine Familie abgeschoben wird", sagt er, "ich bin der Mann und das Familienoberhaupt, ich müsste sie doch schützen."

Ruhe und Sicherheit wünsche er sich, sagt Enayatullah. Und er möchte den Entscheider vom Bamf treffen, der seinen Asylantrag abgelehnt hat: "Ich möchte ihn fragen: 'Warum hast du das getan? Ich habe doch die Wahrheit gesagt!'"

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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