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Flüchtlingsfamilie Rashid: Taufe in Rahlstedt

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Flüchtlingsheim am Grenzweg Die Rashids lassen sich taufen

Familie Rashid ist aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Nun wollen die Sunniten zum katholischen Glauben übertreten. Den anderen Flüchtlingen in ihrer Unterkunft erzählen sie davon nichts.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
Foto: Arnold Morascher

Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

An einem trüben, kalten Januarmorgen sitzt Pfarrsekretärin Birgit Döring mit Ashna und Awat Rashid im Büro der Gemeinde Mariä Himmelfahrt in Hamburg-Rahlstedt und füllt Unterlagen aus. Denn die beiden irakischen Flüchtlinge, die zu diesem Zeitpunkt noch mit ihren drei Kindern in der Erstaufnahme (EA) in Rahlstedt leben, möchten sich taufen lassen.

Ashna Rashid sagt: Schon im November 2015, als sie aus dem Irak in die Türkei geflohen waren, habe sie ihren Mann gefragt: "Was hältst du davon, wenn wir Christen werden?" Sie hatte damals nur eine ungefähre Ahnung, was das Christentum überhaupt ist. Von einem aber sei sie überzeugt: "Dass Frauen bei den Christen die gleichen Rechte wie Männer haben." Wäre dies auch im Irak so gewesen, wäre ihre Tochter Dilan nie zwangsverheiratet worden, sagt sie, dann hätte sie sich nicht selbst verbrannt nach einer dreimonatigen Ehetortur .

Kurz nach dem Einzug in die EA Rahlstedt im Oktober 2016 wandten die Rashids sich an Susanne Behem-Löffler, die Ehrenamtskoordinatorin der Unterkunft, und baten sie, einen Kontakt zu einer Gemeinde herzustellen. Die Malteser sind eine katholische Organisation, also nahm Behem-Löffler Kontakt auf mit Pater Hans-Joachim Winkens von der katholischen Gemeinde Mariä Himmelfahrt. Winkens wollte helfen, er fuhr ins Flüchtlingsheim, um selbst zu sehen, wie die Familie dort lebt. Die Rashids begannen, sonntags den Gottesdienst der Gemeinde Mariä Himmelfahrt zu besuchen. Sie könne die Worte der Predigt nicht verstehen, erzählt Ashna, aber sie fühle, was der Pater sagen wolle. Und dann lächelt sie.

Als sie im Januar die Anmeldungsformulare für die Taufe ausfüllen, gibt die Pfarrsekretärin den Rashids auch gleich eine Liste mit Terminen mit: Die 17-jährige Dekan und der 14-jährige Mohammed werden die Vorbereitung für die Firmung besuchen, die achtjährige Divan kann noch in den Kurs für die Erstkommunion einsteigen, der gerade begonnen hat.

Weil Mohammed ein eindeutig muslimischer Name ist, beschließt der Sohn der Rashids nach der Anmeldung zur Taufe, dass er seinen Vornamen ändern will. Ab jetzt möchte er Lukas heißen, wie der Evangelist. Ganz offiziell, auch im Ausweis also. Doch im Dezember 2016 hatten die Rashids den Bescheid mit der Ablehnung ihres Asylantrags erhalten. Das bedeutet, dass die deutschen Behörden nicht für Namensänderungen zuständig sind. Die Rashids müssten sich an die irakische Botschaft wenden - doch zur Botschaft des Landes zu gehen, aus dem sie gerade geflohen sind, ist keine Option. Die katholische Kirche hingegen ist keine deutsche Behörde: Mohammed kann sich auf den Namen Lukas taufen lassen.

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Flüchtlingsfamilie Rashid: Taufe in Rahlstedt

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In der EA Rahlstedt erzählen die Rashids nichts von der bevorstehenden Taufe. Die Halskette mit dem großen, silbernen Kreuz trägt Lukas unter seinem T-Shirt versteckt. Olav Stolze, der Leiter der Einrichtung, sagt: "Es kann innerhalb und außerhalb einer Unterkunft nicht ausgeschlossen werden, dass es Auseinandersetzungen aufgrund von Glaubensfragen gibt." Deshalb gelte es, "gut hinzuschauen und gegebenenfalls regulierend einzuschreiten".

Eine Prügelei zwischen einem Konvertiten und einem Muslim mit anschließenden Strafanzeigen gegen beide hat es jedenfalls schon gegeben. In diesem Fall habe aber, so Stolze, "die Religion nur eine nachgeordnete Rolle" gespielt. "Bei einem der Bewohner handelte es sich um einen in psychiatrischer Behandlung befindlichen Mann. Der Streit, woraus sich dann die Handgreiflichkeit entwickelte, wurde durch diverse, zum Teil irrationale Beschimpfungen ausgelöst."

"Für immer, unauslöschlich"

Es ist Ende März, die Rashids sind inzwischen aus der EA Rahlstedt aus- und in eine Folgeunterkunft eingezogen. Dort fühlen sie sich nach anfänglichem Entsetzen wohl. Nun sitzen sie mit Pater Winkens rund um einen großen Tisch im Gemeindehaus von Mariä Himmelfahrt. Der Taufgottesdienst steht kurz bevor, und deshalb möchte der Geistliche mit ihnen den Ablauf proben und das Ritual erklären. "Durch die Taufe wird man nicht nur gewaschen, sondern man wird Kind Gottes. Für immer, unauslöschlich", sagt er.

Menschen vom Grenzweg

In der Kirche darf sich jeder eine Taufkerze aussuchen, eigentlich kosten sie zwölf Euro pro Stück, aber für die Rashids gibt es sie als Geschenk. Sie leben vom Sozialhilfesatz, da sind 60 Euro für Kerzen nicht drin. Dann geht es weiter zum Taufbecken, hier wird trocken geprobt. Pater Winkens kündigt an, dass er nicht nur fragen werde: "Glaubt ihr an Gott, den Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde", sondern auch: "Widersagt ihr dem Bösen?" Vor zwanzig Jahren habe er das Widersagen nicht immer verlangt, aber heute gebe es "ein diffuses Gefühl der Bedrohung in der Gesellschaft". Deshalb lasse er manchmal sogar dreimal widersagen. Sicher ist sicher.

"Für mich ist es wichtig, dass die Rashids seit Monaten gesagt haben, dass sie in die Kirche wollen", sagt Pater Winkens, "dass sie den Schutz Gottes wollen." Dass die Familie den Glauben noch nicht so gut kenne, liege auch an der Sprachbarriere. "Ich spüre das Bedürfnis nach der Taufe", ergänzt er, "und dem folge ich. Das Wissen und das Lernen kommen anschließend. So ist das jetzt eben."

Und dann ist der Sonntag im April gekommen, an dem die kurdischen Sunniten zu katholischen Christen werden. Die Sonne strahlt, vor dem Fünfzigerjahre-Kirchengebäude sind Stände aufgebaut, an denen es Bio-Kaffee und Recycling-Taschen zu kaufen gibt, und die Waffeleisen stehen schon bereit. Denn nach dem Gottesdienst sollen Spenden für ein Miserior-Projekt in Burkina-Faso gesammelt werden. Pater Winkens hat recht gehabt, als er den Rashids ankündigte, die Kirche werde voll werden. Vorne rechts hat sich ein kleiner Frauen-Chor aufgestellt, in der ersten Reihe links sitzen die Rashids, nah beim Taufbecken. Und hinter ihnen hat die Gemeinde Platz genommen, viele ältere Menschen und viele jüngere Menschen mit Migrationshintergrund.

Zur Autorin
Foto: Torsten Kollmer

Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Alles läuft glatt, Lukas erklärt im Namen der Familie: "Ich möchte die Taufe." Gemeinsam mit der Gemeinde sagen die Rashids laut: "Ich glaube", "ich widersage", sie halten die Köpfe übers Taufbecken mit dem gesegneten Wasser, das Pater Winkens ihnen dann über die Haare laufen lässt. Und Mohammed heißt nun Lukas, zumindest kirchlich.

Eine Stunde später stehen die Rashids vor der Kirche, die Taufurkunden liegen vor ihnen auf dem weißen Stehtisch. Lauter freundlich lächelnde Gottesdienstbesucher heißen die Familie in der Gemeinde willkommen. Auch Pater Winkens schaut noch mal vorbei, stellt sich fürs Gruppenfoto auf.

Und dann sagt er noch, bevor er sich zurückzieht, die Familie könne auch gerne Werbung für den katholischen Glauben machen. Bei anderen Flüchtlingen.

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