Flüchtlingsheim am Grenzweg Fatemeh und die Angst vor der Abschiebung

Fatemeh Hajikhani
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Fatemeh Hajikhani hat Angst, dass sie mit ihren zwei Töchtern zurück nach Iran muss. Sie hat sich einen Anwalt genommen - und lässt sich auch von Hamburger Jura-Studenten beraten.

Der 15. Dezember 2016 war für Fatemeh Hajikhani der Tag, auf den es ankam. Sie hatte ihren Anhörungstermin bei einer Sachbearbeiterin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), im Hamburger Ankunftszentrum Bargkoppelstieg - ausgerechnet "Ankunftszentrum", denn hier wird auch darüber entschieden, ob Asylbewerber wieder Abschied von Deutschland nehmen müssen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

205 Minuten nahm die Entscheiderin sich Zeit für Hajikhani. Sie ging mithilfe einer Farsi-Übersetzerin einen standardisierten Fragenkatalog durch: "Gehören Sie zu einem bestimmten Stamm? Haben Sie Wehrdienst geleistet?" Dann ließ sie sich erzählen, warum Hajikhani im vergangenen Jahr Iran verlassen hat, gemeinsam mit ihren 18-jährigen Zwillingstöchtern. Einen Anwalt hatte Hajikhani nicht dabei. Aus der Befragung entstand ein zwölfseitiges Anhörungsprotokoll.

Demnach erzählte die 52-Jährige, dass ihr älterer Bruder sich nach der Revolution gegen den islamischen Revolutionsführer Khomeini engagiert habe und deshalb bei einer Massenhinrichtung ermordet worden sei. Dies habe sie im Grunde nie verkraftet. Nach ihrem Literatur-Studium habe sie als Grundschullehrerin gearbeitet, den Job habe sie aber verloren, weil sie die Diskriminierung der Frauen im Islam kritisiert habe. Sie habe ein Geschäft für Brautmoden eröffnet und dort CDs einer Bürger- und Frauenrechtlerin laufen lassen.

Sie sei immer Atheistin gewesen, doch 2016 habe sie sich dem Christentum zugewandt und darin Trost gefunden. Sie habe den Keller ihres Hauses in Abhar für eine geheime Kirche zur Verfügung gestellt, in der sich Christen getroffen hätten. Doch sie seien verraten worden. Weil sie wegen einer Brustkrebserkrankung in Teheran gewesen sei, habe sie sich dort vor dem Geheimdienst verstecken können. Ihr 70-jähriger Mann sei für ein paar Tage festgenommen worden. Er habe dann einen Schlepper bezahlt, sodass sie mit den Zwillingstöchtern über Dubai habe ausreisen können. Eigentlich sei das Ziel Kanada gewesen, doch der Schlepper sei auf dem Hamburger Flughafen mit allen Papieren verschwunden. Deshalb habe sie in Hamburg Asyl beantragt.

Knapp zwei Monate später bekam Hajikhani in der Erstaufnahme Hamburg-Rahlstedt Post vom Bamf: das Anhörungsprotokoll und ihren Bescheid, er ist 18 Seiten lang - und negativ. Auch die Asylanträge ihrer Töchter wurden abgelehnt. Es sei nicht plausibel, dass sie wirklich Christin sei, dass sie deshalb verfolgt werde und nach einer Rückkehr mit harter Strafe rechnen müsse. Vielleicht stimme es nicht mal, dass sie einen Bruder gehabt habe, der hingerichtet worden sei. Und weil sie den christlichen Glauben nur aus taktischen Gründen angenommen habe, könne sie bei einer Rückkehr diesen auch taktisch verschweigen, dies sei gängige Rechtsprechung. Die Brustkrebserkrankung wurde mit dem Wort "angeblich" versehen. Hajikhani nahm sich einen Anwalt, der ihre Muttersprache Farsi spricht. Dieser reichte Klage beim Verwaltungsgericht ein.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
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Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Mit ihrem Anwalt hat Hajikhani Glück gehabt: erstens, weil er die Klage ausführlich schriftlich begründet, während viele Kollegen die Begründung erst im Prozess nachliefern. Zweitens, weil "es das größte Problem ist, überhaupt einen Anwalt zu finden, der noch Kapazitäten für neue Mandate im Asylrecht hat", sagt Nora Markard, Juraprofessorin für Öffentliches Recht, Völkerrecht und Global Constitutionalism an der Universität Hamburg.

Markard hat vor rund zwei Jahren mit ihren Studenten die "Refugee Law Clinic" ins Leben gerufen. An vier Standorten in Hamburg bieten sie seitdem kostenlose Rechtsberatung an zum Asylverfahren, zum Familiennachzug oder auch zum Dublin-Verfahren.

Studierende Theresa Richter und Ali Assad
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Studierende Theresa Richter und Ali Assad

Einer dieser Studenten ist Ali Assad. An diesem Donnerstagnachmittag sitzt mit er Daniel Wolff und Theresa Richter an einem Tisch im Café "Embassy of Hope". Auf der anderen Tischseite hat Fatemeh Hajikhani Platz genommen, sie möchte von den Studenten wissen, ob sie trotz des negativen Bescheids ihren Mann nach Deutschland holen kann. Als Übersetzer hat sie Jafar Yousefi mitgenommen, einen Freund ihrer Familie, der seit rund dreißig Jahren in Deutschland lebt.

"Das ist das detaillierteste Interview, das ich je gelesen habe", sagt Assad und gibt das Anhörungsprotokoll weiter an die anderen Studenten. Diese suchen nach relevanten Unterschieden zwischen Interview und Bescheid und prüfen, ob zum christlichen Glauben nur zulässige Fragen gestellt wurden. Die von der Entscheiderin gestellte Frage, welches Hajikhanis Lieblingsstelle in der Bibel sei, lassen die Studenten gelten. Viele Bescheide "gehen gar nicht", sagt Daniel Wolff, da seien Namen vertauscht, die Argumentation im Bescheid passe nicht zu dem Anhörungsprotokoll, es gebe Grammatikfehler.

Für die Jura-Studenten ist die ehrenamtliche Flüchtlingsberatung Teil ihres Studiums. Während der einjährigen Ausbildung werden sie erst ins Flüchtlingsrecht eingeführt, dann machen sie ein Praktikum in einer Kanzlei, die sich mit Asylrecht beschäftigt, und schließlich gibt es eine vertiefende Übung, die die ersten Erfahrungen mit Beratungen begleitet. Erst hospitieren die Studenten nur, im Laufe des Ausbildungsjahrs werden sie selbst Berater. Markard sagt, die Arbeit der "Refugee Law Clinic" sei ein "praktischer Aspekt in der juristischen Ausbildung, eine gesellschaftliche Aufgabe und eine wichtige Konfrontation mit der gesellschaftlichen Realität".

Ob ihr Mann nach Deutschland kommen könne, lässt Hajikhani dann Yousefi fragen. "Nur bei der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft", antwortet Assad, also: nein. Er rät ihr, sich gut auf ihren Verwaltungsgerichtsprozess vorzubereiten, mit ihrem Anwalt die Befragung zu üben.

Fatemeh Hajikhani und Jafar Yousefi
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Fatemeh Hajikhani und Jafar Yousefi

Hajikhani sagt, sie habe Angst davor, mit ihren Töchtern nach Iran zurückgeschickt zu werden. Aus Angst vor dem Geheimdienst hatte sie im November 2016 darauf bestanden, dass ihre Geschichte in diesem Blog nur unter dem Pseudonym "Damon" erzählt werden dürfe.

Sie vermisse ihre Heimat, sagt Hajikhani, aber zurück wolle sie erst, wenn die Mullahs nicht mehr an der Macht seien. In Iran hätten Frauen keine Rechte, sie dürften nicht jedes Fach studieren, sie müssten ihren Mann um Erlaubnis bitten, wenn sie ins Ausland reisen wollten. Sie müssten den Hijab tragen, das Kopftuch, was eine Diskriminierung sei.

Auf dem Nachhauseweg erzählt Jafar Yousefi, dass er ein enger Freund von Hajikhanis hingerichtetem Bruder gewesen sei, sie seien beide Marxisten-Leninisten gewesen. Er macht ein bedenkliches Gesicht. Wenn Fatemeh zurück in ihre Heimat müsse, sagt er, dann werde auch sie hingerichtet.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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