Flüchtlingsheim am Grenzweg Mahmouds Hoffnung auf den deutschen Pass

Mahmoud Mostafazadeh
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Mahmoud Mostafazadeh

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Mahmoud Mostafazadeh floh wegen seines Glaubens aus Iran. In Hamburg verkaufte er den Schmuck seiner Tochter, um sich einen Anwalt leisten zu können. Heute hat er einen Job im Flüchtlingsheim Rahlstedt.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Man kann durch eine Scheibe in der Tür hineinschauen in das Zimmer, in dem die Informationen zusammenlaufen und die Schicksalsbriefe zur Abholung bereitliegen: vorne ein grauer Tresen, dahinter ein Schreibtisch, an der Wand ein Schrank. Neben der Eingangstür hängt hinter Glas ein gelber Din-A5-Zettel. Darauf stehen die Namen der Leute, die Post bekommen haben.

An dem kleinen Schreibtisch sitzt Mahmoud Mostafazadeh. Er ist vermutlich der am besten informierte Mitarbeiter der Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt: Er weiß, wie viele Bewohner die Unterkunft hat und wie viele Plätze noch frei sind. Er weiß, wer einen Bescheid über den Asylantrag bekommen hat, und er weiß, wie das Urteil ausgefallen ist, wenn die Empfänger ihren Umschlag nervös aufreißen und er in den Gesichtern Glück oder Enttäuschung sieht.

Mostafazadeh weiß, wie sich das Hoffen, das Warten, das Fürchten anfühlt, denn er hat das selbst erlebt. Ende 2010 ist er mit seiner Familie aus Iran geflohen.

"Ich hatte ein gutes Leben in Iran", sagt Mostafazadeh, er habe nie Geldprobleme gehabt. Mit seinen Brüdern habe er in Hamadan ein Unternehmen besessen, das auf Beton- und Armierungsarbeiten im Brückenbau spezialisiert gewesen sei. Nebenbei habe er in seinem Laden Autoteile verkauft, zudem habe seine Frau Geld als Verkäuferin verdient, bis die beiden Kinder zur Welt kamen.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Warum verlässt jemand das Land, in dem er erfolgreich arbeitet, in einer schönen Wohnung lebt und zwei Kinder hat? Vor 12 Jahren habe er das Bahaitum entdeckt - eine monotheistische Religion aus dem 19. Jahrhundert, die ihre Anhänger zu Dankbarkeit, Vertrauenswürdigkeit, Demut und sozialem Handeln verpflichtet. Die Religion ist in Iran verbreitet, aber sie wird dort auch verfolgt. Und besonders hart verfolgt wird sie seit der Zeit der Herrschaft von Mahmud Ahmadinedschad.

Seine Frau und er hätten Angst bekommen. Ohne sonst jemanden in der Familie zu informieren, seien sie eines Tages mit den Kindern im Auto ins iranisch-türkische Grenzgebiet gefahren. Weil sie Kurden sind, weil er etwas türkisch sprach, sei mit Hilfe des Schleppers die Flucht durch das Gebirge problemlos gewesen.

"Die Krankheit ist unheilbar!"

1500 Euro habe er bezahlt, es sei der preiswerteste Schlepper auf dem Weg nach Deutschland gewesen. Weiter ging es mit dem Lkw, mit dem Boot nach Kos und dann mit einer Jacht von Griechenland nach Italien.

Die Polizei dort nahm die Fingerabdrücke von Mostafazadeh und seiner Familie. In Italien sei er gefragt worden, ob er wegen seines Sohnes geflohen sei. Denn der 2004 geborene Yashar hat einen seltenen, aber schweren genetischen Defekt: die sogenannte Schmetterlingskrankheit, medizinisch "Epidermolysis Bullosa". Die Haut ist so empfindlich, dass sie schon bei kleinster Belastung reißt.

Mostafazadeh weint, als er von den Schmerzen seines Sohns erzählt. "Warum hätte ich deshalb fliehen sollen?", sagt er. "Die Krankheit ist unheilbar!" Lediglich die Salbentöpfe seien in Deutschland größer als in Iran.

Von Italien aus durfte die Familie weiterreisen bis Hamburg. Um seinen Anwalt Hartmut Jacobi zu bezahlen, verkaufte Mostafazadeh den Schmuck seiner Tochter. Die Bahai-Zentrale in Mannheim bescheinigte ihm, der Religion anzugehören, und nach mehr als zwei Jahren des Wartens wurde sein Asylantrag positiv beschieden - die Behörden hatten darauf verzichtet, ihn für das Verfahren nach Italien zurückzuschicken.

Mostafazadeh belegte einen Deutschkurs nach dem anderen, machte eine Ausbildung zum City-Logistiker, arbeitete kurz bei der DHL und landete dann bei den Maltesern in der EA Rahlstedt.

Vergebliche Suche nach einem Schulplatz

Vier Sprachen spricht Mostafazadeh fließend, das macht ihn zu einem sehr nützlichen Mitarbeiter. Denn er übersetzt für die Neuankommenden, er ist bei Gesprächen des Sozialmanagements mit den Bewohnern dabei, wenn kein externer Dolmetscher verfügbar ist. Weil er weiß, wovon er redet, hat Mostafazadeh das Vertrauen vieler Bewohner.

Genau deshalb kommen nicht nur die offiziellen Informationen bei ihm an, sondern auch das, was sich nicht in Statistiken wiederfindet und worüber es keine Aushänge gibt. Ein Bewohner habe kürzlich sein Zimmer in Brand gesteckt, erzählt er. Der Bewohner wurde am nächsten Tag in eine andere Unterkunft verlegt. Ein anderer Bewohner habe einen Mitarbeiter des Catering-Services wütend bedroht, weil der ihn angeblich böse angesehen habe.

Er sei dankbar, in Deutschland leben zu können, sagt Mahmoud Mostafazadeh. Nur dass er seit zwei Jahren vergeblich für seinen Sohn nach einem Platz in einer Inklusionsschule sucht, macht ihn traurig und wütend.

Am 23.2.2011 kam er in Deutschland an, am 23.2.2017 hat er für sich und seine Familie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. 612 Euro hat er für die Gebühren bezahlt. Negative Punkte habe er nicht, habe der Beamte zu ihm gesagt. 2018 hat Deutschland dann, wahrscheinlich, vier neue Staatsbürger.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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