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09. September 2017, 09:33 Uhr

Flüchtlingsheim am Grenzweg

Mohammed umarmt zum ersten Mal seinen Sohn

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Die Uno bezeichnete Jarmuk als das "schwärzeste Loch der Hölle" - von hier floh Mohammed Alkhatib nach Deutschland. Nun ist er wieder mit seiner Familie vereint.

Am Hamburg Flughafen nimmt Alkhatib seinen kleinen Sohn zum ersten Mal in den Arm. Er kennt ihn bis dahin nur vom Bildschirm seines Handys, aus Facetime-Videos oder von Fotos. Denn als Kais am 13. Oktober 2015 in Beirut geboren wurde, lebte sein Vater schon seit einem Monat in einer Turnhalle, einer Notunterkunft für Flüchtlinge in Hamburg-Osdorf.

Das erste gemeinsame Familienbild hat Alkhatib zu seinem WhatsApp-Profilfoto gemacht: Kais sitzt auf dem Arm seiner Mutter, in den Händen hält sie eine Plastiktüte und ein paar Blumen in Klarsichtfolie. Neben ihr steht Mohammed Alkhatib, seine Hand liegt auf der Schulter seines vierjährigen Sohns Sobhi.

Er hat geweint an diesem Vormittag auf dem Hamburger Flughafen. "Zwei Jahre lang hatte ich kein richtiges Leben", erzählt Alkhatib ein paar Tage später, "jetzt fängt das richtige Leben an."

Alkhatib sitzt im Wohnzimmer einer Zweizimmerwohnung, in die er gerade mit seiner Familie eingezogen ist. Plüschsofas, Tisch und Teppich sind gebraucht, er hat die Möbel in einem Sozialkaufhaus erstanden. Im Schlafzimmer liegen neben dem Elternbett zwei Kindermatratzen auf dem Boden. "Es ist schön hier", sagt seine Frau Hadil Abdulla.

Alkhatib ist ein in Syrien aufgewachsener Palästinenser. Er hat in Deutschland einen Aufenthaltstitel für drei Jahre, denn er ist als Flüchtling anerkannt. Seine Familie durfte nun aus humanitären Gründen nach Deutschland kommen: Der kleine Kais hat einen Gendefekt, Osteogenesis Imperfecta. Umgangssprachlicher Name: Glasknochenkrankheit.

Kais fragile Knochen sind schon mindestens zweimal gebrochen, er kann immer noch nicht laufen, weil seine Muskeln zu schwach sind, er ist schwerhörig. Von der Diagnose erfuhr Alkhatib am Telefon, einen Monat nach der Geburt des Babys. Die Krankheit ist erblich, auch Alkhatib und sein Vater wurden damit geboren. Doch sie sind längst gesund, ein typischer Verlauf im Erwachsenenalter. Der ältere Sohn hat den Gendefekt nicht.

Alkhatib und seine Frau - auch sie ist Palästinenserin - sind in Jarmuk aufgewachsen. In diesem Vorort von Damaskus leben seit 1947 palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen. Hier brachen 2012 bewaffnete Kämpfe aus zwischen Hamas-Truppen, die das Assad-Regime stürzen wollten, und der Volksfront zur Befreiung Palästinas, die sich auf die Seite der Regierungstruppen schlug. "Bis dahin war es sehr schön in Jarmuk", erzählt Hadil Abdulla. Sie arbeitete als Friseurin, ihr Mann erst als Friseur, dann als Schuhverkäufer. Dann kam der Krieg.

Als Hadil Abdulla erfuhr, dass sie schwanger war, flohen sie im Dezember 2012 nach Beirut, gemeinsam mit Alkhatibs Eltern, Tante und Onkel. Später eroberte der IS das Viertel, Assads Truppen warfen Fassbomben. Im April 2015 sagte der damalige Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, Jarmuk sei "das schwärzeste Loch der Hölle".

"Jetzt oder nie"

Alkhatib und seine Familie wollten nach Deutschland. Als im Sommer 2015 Hunderttausende über die Balkanroute nach Norden zogen, sahen sie ihre Chance gekommen. Doch Hadil Abdulla war mit Kais schwanger. Der Arzt verbot ihr, sich auf den anstrengenden Weg zu machen. Es war eine "Jetzt oder nie"-Situation, deshalb zog Alkhatib alleine los.

Ein Jahr verbrachte er in der Notunterkunft in Hamburg-Osdorf, dann zog er in die Erstaufnahme in Rahlstedt. Das Sozialmanagement der von den Maltesern geführten Einrichtung fasste schließlich den Entschluss, ihm dabei zu helfen, Frau und Kinder nach Deutschland zu holen. Zwar ist der Familiennachzug für anerkannte Flüchtlinge möglich, doch die Versuche seiner Frau, einen Termin bei der deutschen Botschaft in Beirut und in Jordanien zu bekommen, waren gescheitert.

Die Sozialmanager der Malteser wandten sich an den Suchdienst des DRK und erfuhren zu ihrer Überraschung, dass die Glasknochenkrankheit nicht ausreiche für einen Härtefallantrag. Das 200 Dollar teure Attest eines libanesischen Kinderarztes, das auf die Notwendigkeit einer sofortigen Behandlung hinwies, überzeugte aber die Sachbearbeiterin der deutschen Botschaft. Vier Monate später erhielt die Familie das Visum; eine Hilfsorganisation übernahm ein Drittel der Flugkosten.

Die neue Wohnung der Familie Alkhatib liegt in einem fast fertig gestellten Neubaugebiet im Hamburger Südosten. Die Klinkerbauten mit den insgesamt 756 Wohnungen gehören zum Senatsprogramm "Flüchtlingsunterkünfte mit Perspektive Wohnen" . Das Programm sieht vor, dass ohne das übliche langwierige Planrecht Häuser gebaut werden, aus denen später regulärer sozialer Wohnungsbau wird.

Anwohner hatten gegen die Pläne geklagt, Ghettobildung wurde befürchtet. Vielleicht auch deshalb ist inzwischen geplant, dass Studenten und Auszubildende in das Projekt einziehen können.

Für Alkhatib und seine Familie beginnt das neue Leben mit Behördengängen: Wohnsitz anmelden, zum Jobcenter gehen, Kitaplätze suchen. Sie haben einen Traum: Eines Tages möchten sie gemeinsam einen Friseursalon aufmachen.

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