Flüchtlingsheim am Grenzweg Büffeln für den Traum vom Studium

Safouh Hussain beim Sprachkurs
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Safouh Hussain beim Sprachkurs

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Safouh hat den letzten Sprachkurs beendet, jetzt heißt es zittern: Schafft er den entscheidenden Test und damit die Voraussetzung für ein Hochschulstudium in Deutschland?

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Ich esse doch jetzt kein Frühstück mehr", sagt Safouh Hussain, es ist schließlich fünf nach zwölf und damit Zeit fürs Mittagessen. Die beiden jungen Männer auf der anderen Seite der Tafel, die der Kellner aus ein paar Tischen schnell zusammengeschoben hat, haben ein arabisches Frühstück geordert, Paste aus Saubohnen, Joghurt, Sesammus und Zitrone, dazu gibt es Brot und eingelegtes Gemüse. Safouh bestellt lieber den Falafel-Teller.

Die Gruppe im Hamburger Restaurant L'Amira hat einen Grund zu feiern: Die Männer haben ihren C1-Sprachkurs beim Verein Interkulturelle Bildung Hamburg (IBH) beendet, 15 von 18 Schülerinnen und Schülern haben die interne Prüfung bestanden. Die Prüfung wird von einigen Institutionen anerkannt, entscheidend wird aber der mehrstündige Test sein, den sie zwei Tage später machen werden. Wer ihn schafft, erhält ein C1-Zertifikat - die Voraussetzung für ein Hochschulstudium in Deutschland.

Als die IBH-Projektleiterin Nora Budde am Vormittag die Zeugnisse verteilt, will sie Mut machen für die Prüfung: "Die letzte Gruppe hat sehr gute Ergebnisse erzielt, von 15 Teilnehmern haben 8 bestanden, also mehr als 50 Prozent." Safouh findet das nicht gerade beruhigend: "Ich habe Angst vor der Prüfung", sagt er, "sie ist sehr schwierig."

Nora Budde
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Nora Budde

Im Sommer 2015 ist der gebürtige Syrer, damals 18 Jahre alt, aus dem Libanon nach Deutschland gereist, über die Balkanroute. Während er in der von den Maltesern betriebenen Notunterkunft in Hamburg-Osdorf und später in der Erstaufnahme in Rahlstedt lebte, brachte er sich selbst Deutsch bei. Erst im Oktober 2016 beantragte er einen Sprachkurs, der auf den Hochschulzugang vorbereitet. Wartezeit: sechs Monate. Safouh fand auf eigene Faust einen Platz bei der Berlitz School und bestand dort die B2-Prüfung.

In den vergangenen drei Monaten hat Safouh im Unterricht mehr gelernt als nur Deutsch, denn der Kurs ist ein gemeinsames Projekt von IBH und der HAW Hamburg. Hier sollen junge Flüchtlinge auch aufs Studium vorbereitet werden. Safouh hat deshalb an der Hochschule Vorlesungen besucht, hat geübt, Präsentationen zu erarbeiten, Fachbegriffe gelernt. Zwei Tage nach der C1-Prüfung wird er noch eine Mathematik-Prüfung ablegen, der Stoff gehört zum Gesamtpaket.

Im Paket enthalten ist auch Geld für den Lebensunterhalt in Höhe des Bafög-Satzes, außerdem werden Fahrtkosten übernommen. Bezahlt wurde der Kurs vom Garantiefonds Hochschule, der wiederum vom Bundesfamilienministerium finanziert wird. Doch der Topf ist leer. Gefüllt wird er erst wieder im kommenden Januar, mit 19 Millionen Euro.

200 Bewerber auf der Warteliste

Was das bedeutet, ist ein paar Zimmer von Safouhs Klassenraum entfernt zu beobachten. Dort sitzt Viviane Lagodski vom Jugendmigrationsdienst Hamburg und berät einen jungen Syrer. Er hat in seiner Heimat drei Jahre lang Sozialökonomie studiert und würde das Studium gerne in Deutschland beenden. Seit November 2016 hat er alle Papiere zusammen, um den B2/C1-Kurs zu machen. Doch weil der Garantiefonds Hochschule für den Rest dieses Jahres ohne Geld dasteht, muss der Syrer noch vier weitere Monate auf seinen Platz warten. Lagodski sagt: "In Hamburg stehen 200 Bewerber auf der Warteliste."

Die Nachfrage nach anspruchsvolleren Deutschkursen wächst. Das bestätigt der Test-Anbieter Telc ("The European Language Certificates"): "Gab es im vergangenen Jahr einen deutlichen Zuwachs bei Teilnehmenden an Telc A1- und A2-Prüfungen, ist derzeit eine verstärkte Nachfrage nach B1- und B2-Prüfungen, auch nach berufsbezogenen Sprachprüfungen, zu beobachten." Anders gesagt: Es geht voran mit den Deutschkenntnissen der Flüchtlinge.

Amadeus Hempel
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Amadeus Hempel

IBH-Vorstand Amadeus Hempel meint, dass es in der Politik inzwischen ein großes Interesse daran gebe, Flüchtlinge eher schnell in Arbeit zu bringen, als sie beim Weg ins Hochschulstudium zu unterstützen. Indiz ist für ihn die "Verordnung über die berufsbezogene Deutschsprachförderung", kurz DeuFöV, die seit gut einem Jahr in Kraft ist. Diese DeuFöV-Kurse sollen die Chancen der Flüchtlinge auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt verbessern." Hempel sieht es so: "Eine halbe Million Menschen soll schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden."

Für Safouh und seine Mitschüler gibt es hingegen ein weiteres Studienvorbereitunsprogramm der HAW - vorausgesetzt, sie bestehen den C1-Test. Vorteil des Programms: Wer die Prüfungen schafft, bekommt Bonuspunkte und kann damit eine nicht so gute Abi-Note teilweise kompensieren. Nachteil: Geld für den Lebensunterhalt ist nicht enthalten, die Teilnehmer müssen sich daher wieder ans Job-Center wenden.

Die Abiturnote reicht nicht für das Traumfach

Safouh ist noch unentschieden, ob er sich für das Programm bewerben sollte. Eigentlich würde er gerne Biomedizintechnik an der HAW studieren, doch seine Abinote von 3,1 reicht nicht - verlangt wird meist ein Schnitt von 1,2 bis 1,4. Da werden Bonuspunkte vermutlich nicht viel helfen. Er könnte das Fach auch in Koblenz studieren, ohne Zulassungsprobleme. Aber er hat in Hamburg eine Wohnung und Freunde gefunden, er fühlt sich endlich zuhause. Wenn er auf Elektrotechnik umsteigt, könnte er an der TU Hamburg-Harburg anfangen. Aber erst im Wintersemester 2018/19.

Seine Lehrerin beim IBH hat 130 Euro investiert für eine schnellere Auswertung des C1-Tests. In zwei Wochen wird Safouh wissen, ob er sich überhaupt Gedanken machen muss über Studienfach, Studienbeginn und Studienort. Oder ob er zuhause für die Wiederholung der C1-Prüfung büffeln muss.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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