Flüchtlingsheim am Grenzweg "Was mache ich, wenn ein Mann mit drei Frauen kommt?"

Pater Richard Nennstiel (l.) und Daniel Abdin bei der Schulung in Hamburg
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Pater Richard Nennstiel (l.) und Daniel Abdin bei der Schulung in Hamburg

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Christen und Muslime in einem Hamburger Flüchtlingsheim - das läuft nicht immer konfliktfrei. Eine Schulung mit Pater Richard Nennstiel zeigt, welche Fragen die Menschen beschäftigen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Der Pater hat einen schwierigen Job an diesem Morgen. In nur einer Stunde soll er Mitarbeitern der katholischen Hilfsorganisation Malteser erklären, was der Islam ist. Und wo fängt man da an? Bei Adam und Eva natürlich, jedenfalls läge das nahe, denn Adam ist ja der erste Prophet des Islam.

Doch Pater Richard beginnt mit Papst Franziskus. Der habe kürzlich darüber gesprochen, "wie aus Freunden Feinde werden". Menschen würden "nicht nur als Unbekannter oder Immigrant oder Flüchtling eingestuft, sondern als Bedrohung wahrgenommen". Pater Richard sagt, es habe ihn schockiert, dass bei einer Umfrage in Sachsen zwei Drittel der Befragten sich "überfremdet fühlen". Wenn aus einem Fremden der Feind werde, dann sehe man im Muslim, im Afrikaner einen Feind. Abschottung sei eine weltliche Reaktion, die christliche aber laute: "Liebet eure Feinde."

Pater Richard ist Beauftragter für interreligiöse Begegnungen im Erzbistum Hamburg. Aufklären, Verständnis füreinander wecken, Menschen vernetzen, darum geht es in seinem Job. Den Islam besser verstehen - das ist Thema seiner heutigen Schulung im Hauptquartier der Malteser in Hamburg-Steilshoop.

Einige der Teilnehmer arbeiten in der Erstaufnahme für Flüchtlinge im Stadtteil Rahlstedt. Für sie sind Flüchtlinge keine Fremden, sondern Klienten, um die sie sich Tag für Tag kümmern. Aber: Missverständnisse, wie Pater Richard es nennt, oder Konflikte gibt es natürlich trotzdem in der Erstaufnahme Rahlstedt.

Und dann fängt der Pater doch noch bei Adam an, erzählt vom Propheten Jesus, der nach islamischer Vorstellung Muslim sei, und vom Gesandten Mohammed, dem der Engel Gabriel "absatzweise den Koran zugeflüstert hat". Er spricht darüber, dass der Koran "seine Kraft und seine Energie aus dem Vortrag" bekomme und dass für arabisch sprechende Menschen die "Schönheit des Korans auch in der Poesie der Sprache" liege. Er erläutert, dass Allah ein "transzendentes Wesen" sei im Gegensatz zum Gott in der Bibel, der vermenschlicht dargestellt sei, mal zornig, mal verzeihend. "Aus der Sicht des Islam sind Christentum und Judentum defizitäre Religionen", erklärt Pater Richard, "der Islam ist die erste und die letzte Religion." Und dann wirbt er noch mal dafür, Brücken zu bauen, zwischen Menschen, zwischen Religionen.

Daniel Abdin
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Daniel Abdin

Um 10.15 Uhr kommt Daniel Abdin herein, ein kräftiger Mann in dunklem Anzug, strahlend weißem Hemd und mit blau-weißer Krawatte. Abdin ist einer der drei Vorsitzenden der Schura - des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg. "Ich bin ein liberaler Sunnit", sagt der gebürtige Libanese, "mein Herz schlägt aber für Hamburg." Er ist auch Vorsitzender des islamischen Zentrums Al-Nour - was jetzt eine Moschee ist, war vor zwei Jahren noch eine leerstehende Kirche. Im vergangenen Jahr hätten dort zeitweise 600 Flüchtlinge übernachtet, berichtet Abdin.

"Wie sollen wir damit umgehen?"

"Integration muss gelingen", sagt Abdin, "sonst werden wir alle in Deutschland unter den Folgen leiden." Integration sei ein schwammiger Begriff, erwidert ein Teilnehmer, "viele aus dem Orient identifizieren sich nicht mit europäischen Werten." Es gebe Werte, die für alle gelten würden, also die Gesetze, entgegnet Abdin, die Morden und Stehlen verböten. Aber Integration sei nicht Assimilation, Integration bedeute: "Einen Platz in der Gesellschaft finden".

Dann baut sich die Realität ihre Brücke in diese Islamschulung, und es geht nicht mehr um eine theoretische Wertediskussion, sondern um Alltagskonflikte, die aus diesen unterschiedlichen Werten resultieren. "Was mache ich, wenn ein Mann mit drei Frauen in die Flüchtlingsunterkunft kommt? Muss ich das akzeptieren, weil der Koran das erlaubt?", fragt ein Mitarbeiter. Nein, sagt Abdin, in Deutschland dürfe ein Mann eben nur eine Frau heiraten, die anderen seien dann seine Freundinnen. Auch deutsche Männer hätten schließlich Freundinnen. "Wie sollen wir damit umgehen?", fragt ein anderer Mitarbeiter, "sollen die Frauen dann rotieren?" Abdin schaut ihn an: "Ist das wirklich ein Thema in der Unterkunft?" Nein, kein Alltag, aber das Problem habe es tatsächlich gegeben.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

"Wie wird den Flüchtlingen vermittelt, dass wir ein christliches Land sind?", fragt Nicole Fiedler, die am Infopoint der Erstaufnahme Rahlstedt arbeitet. Abdin sagt: "Deutschland ist kein christliches Land, sondern ein säkulares. Und die Säkularität ist die größte Bedrohung für das Christentum, nicht der Islam." Pause, Schweigen.

Dann erzählt Abdin, dass die meisten Opfer des IS Muslime seien, die nun durch ihre eigene Religion traumatisiert seien. Warum aber, das kommt zur Sprache, müssten Kinder im Flüchtlingsheim sich rechtfertigen, wenn sie von anderen Kindern gefragt würden, warum ihre Mutter kein Kopftuch trage? Und warum glauben Flüchtlinge, sie sollten in der Unterkunft besser geheim halten, dass sie zum Christentum konvertieren? "Ist das wirklich so?", fragt Pater Richard erschrocken. Eine schnelle Antwort haben er und Abdin nicht - wie auch.

"Tun Sie etwas!"

Olaf Scholz im Gymnasium Meiendorf
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Olaf Scholz im Gymnasium Meiendorf

Ein paar Tage später steht Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz im Gymnasium Meiendorf, das zu Rahlstedt gehört, es ist der letzte Termin der SPD-Veranstaltungsreihe "Olaf Scholz im Gespräch" in diesem Jahr. Auch er will Brücken bauen, zu seinen Wählern natürlich, und zählt auf, was seine Regierung alles für die Stadt getan habe, von der Luftfahrtindustrie über den Wohnungsbau bis zu den Flüchtlingen. Er wirbt einerseits um Verständnis für Menschen, "die knapp mit dem Leben davon gekommen sind", und fordert andererseits von den Flüchtlingen den Willen zur Integration und den Willen, "auf den eigenen Füßen zu stehen".

Als dann das Publikum Fragen stellen darf, steht ein Mädchen auf und sagt ins Mikrofon: "Ich bin Ayda, ich bin 13 Jahre alt und komme aus Afghanistan. Ich bin seit einem Jahr hier und habe Heimweh. Aber das Schlimmste ist, dass mein Vater zu Hause sitzt und nicht arbeiten kann. Tun Sie etwas!" Scholz erläutert, wie die Regierung für Flüchtlinge den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert habe, dass die Handelskammer für Flüchtlinge ohne Zeugnisse über einen Berufsabschluss einen Campus angelegt habe, auf dem sie ihre handwerklichen Fähigkeiten einfach zeigen könnten.

Ihr Vater habe in Afghanistan ein Bekleidungsgeschäft gehabt, erzählt Ayda später. Wie soll er hier in Hamburg eines eröffnen? Sie lebt mit ihrer Familie seit einem Jahr in einem Containerdorf, geht in eine Vorbereitungsklasse im Gymnasium Meiendorf und wechselt bald in eine Regelklasse. "Ich will Politikerin werden", sagt Ayda. Sie jedenfalls hat die neugebauten Brücken schon fast überquert.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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