Hamburger Flüchtlingsheim Schwarzes Theater am Grenzweg

Schwarzes Theater
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Das Geld ist knapp, der Wille groß: In zwei Wochen möchte Regine Seinwill mit den Kindern in der Flüchtlingsunterkunft ein Theaterstück aufführen. Über eine Probe mit Hindernissen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Es ist 14.35 Uhr, Regine Seinwill steht im Sozialraum und wartet. Die weißen Tische, an denen morgens Bewohner sitzen und Deutsch lernen, hat sie an den Rand geschoben. Hier liegen jetzt, nach Szenen geordnet, die Requisiten für das Theaterstück, das Seinwill mit einigen Kindern aus dem Flüchtlingsheim am Grenzweg proben will. Teller, Tücher, selbst genähte Puppen, Masken, Handschuhe - alles in Weiß oder grellem Gelb, Rosa, Grün. Denn was auf die Bühne gebracht werden soll, ist sogenanntes Schwarzes Theater: Im verdunkelten Raum bringt ultraviolettes Licht die Neonfarben zum Leuchten, das Weiß zum Strahlen.

Asal und Diana nach der Probe
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Asal und Diana nach der Probe

14.45 Uhr. Asal, 11, und Diana, 9, rennen herein. Beide sind ganz in Schwarz gekleidet. "Meine Sachen waren noch nass", sagt Asal, sie habe in der Waschküche darauf gewartet, dass T-Shirt und Leggings trocknen. Eine zweite Garderobe in Schwarz besitzt sie nicht, und aus der Kleiderkammer der Einrichtung kann man auch nicht mehr schnell etwas holen, die wurde nämlich geschlossen. Genauer gesagt: Sie wurde mit der Kleiderkammer Meiendorf zusammengelegt, die rund sechs Kilometer entfernt liegt.

Asal und Diana kommen beide aus Iran, in der Flüchtlingsunterkunft sind sie Freundinnen geworden. In ihrer Heimat haben sie nie Theater gespielt. In der Schule hätten sie gesungen und getanzt, mehr aber nicht, sagt Asal. Regine Seinwill schickt die beiden los, um die anderen Schauspielerinnen zu suchen. Kurz danach kehren sie mit Shrouk zurück, einer 14-jährigen Syrerin, die ganz in Weiß gekleidet ist. Egal, Seinwill ist vorbereitet, sie hat schwarze Leggings in diversen Größen angeschafft, im Billig-Kaufhaus natürlich, denn sie hat ein beschränktes Budget von 700 Euro für ihre Inszenierung. Und aus ihrem eigenen Kleiderschrank hat sie noch einen schwarzen Pullover beigesteuert, den Shrouk jetzt überzieht.

In zwei Wochen soll Premiere in der Flüchtlingsunterkunft sein, danach fährt Regine Seinwill in den Urlaub. Das ist nicht mehr lang hin, da müssten die Proben eigentlich schon viel weiter sein, erzählt sie, aber das Geld sei so spät genehmigt worden. Für weitere Sonderproben hat sie keine Zeit, denn sie unterrichtet ja auch noch Deutsch in der Rahlstedter Erstaufnahme. Neben ihren vielen anderen ehrenamtlichen Aktivitäten.

Asal und Regine Seinwill
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Asal und Regine Seinwill

14.50 Uhr, es fehlen immer noch einige der Hauptdarstellerinnen. Shahed, 8, ist zur Kontrolle beim Arzt, sie hatte sich am Knie verletzt und musste operiert werden. Sarah ist krank, und wo ist eigentlich Nadia? Sie wurde wieder mal von ihren Eltern anders verplant, was Seinwill schade findet, weil sie eine besonders begabte Tänzerin sei. Die Mädchen seien süß und aufgeweckt, sagt Seinwill, aber dass sie nicht kontinuierlich bei den Proben auftauchten, das sei schon schwierig.

Stattdessen ist der fünfjährige Faris gekommen, in einem dunklen Kostüm mit roten Bordüren. Ihm ist langweilig, denn nachmittags ist die Kita in der Unterkunft geschlossen, was er bedauert und sein Vater auch. Nein, er sei noch zu klein und werde alles noch mehr durcheinanderbringen, sagt Seinwill, aber so leicht lässt Faris sich nicht abwimmeln. Er darf bleiben und zuschauen.

Gut, dann wird eben mit der Hälfte der Truppe geprobt. Asal lässt die Rollläden herunter, die Mädchen ziehen sich schwarze Kapuzen über den Kopf, darüber weiße Masken, weiße Handschuhe, weiße Tennissocken. Seinwill startet auf dem Handy die Musik. Tanzen sollen die jungen Schauspielerinnen, "hoch die Beine", ruft Seinwill, "nebeneinander, nicht voreinander". Da Nadia fehlt, steht Asal in der ersten Reihe, was ihr offensichtlich gefällt, sie schlängelt ihre Arme durch die Luft. Diana tanzt nach rechts und links, Shrouk bleibt im Hintergrund. Keine Theatererfahrung und dazu die Schüchternheit der Pubertät - es ist noch ein Stück Weg bis zur Bühnenpräsenz.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
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Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Susanne Behem-Loeffler, die Ehrenamtskoordinatorin in der von den Maltesern geführten Einrichtung, hatte Regine Seinwill überredet, mit den Kindern ein Theaterstück aufzuführen. Sie wusste, dass Seinwill vor einigen Jahren schon mal Schwarzes Theater gemacht hatte, in einem rumänischen Kinderheim. Das Projekt betreute sie nur ein paar Proben lang, dann stolperte sie im Dunkeln und brach sich die Hüfte.

Der Bruder wird vermisst

Inzwischen ist Parnian Rashidy eingetroffen. Die Afghanin fungiert als eine Art Regie-Assistentin und Kostümbildnerin, sie reicht den Mädchen die Requisiten für die nächste Szene, hilft beim Umziehen. Seinwill fragt die 26-Jährige, wann sie mit ihr ins Schwimmbad gehe, denn Parnian Rashidy hatte gesagt, sie wolle gerne schwimmen lernen. Oder ob sie zum Tanzabend der Iraner komme, den Ghassem Kahed regelmäßig veranstalte, ein anderer Deutschlehrer in der EA Rahlstedt.

Parnian Rashidy druckst herum: ja, vielleicht. Sie spricht Englisch mit Regine Seinwill, sie ist erst seit vier Monaten in Deutschland. Ihr Asylantrag ist schon abgelehnt, vier Wochen nach der Anhörung, Rekordzeit; ihre Eltern warten noch auf ihre Bescheide. Die Interviewerin vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe ihr schon während des Gesprächs zu verstehen gegeben, sie sei der Meinung, Parnian Rashidy könne auch prima in Afghanistan leben und als Chemikerin arbeiten.

Parnia Rashidydy und Asalal bei der Kostümprobe
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Parnia Rashidydy und Asalal bei der Kostümprobe

Nein, das gehe auf keinen Fall, sagt Parnian Rashidy. Ihr Vater habe in Afghanistan ein Taxi-Unternehmen gehabt. Der IS habe einen seiner Fahrer angehalten, als der gerade einen Ausländer im Auto transportiert habe, und daraufhin den Fahrer ermordet. Kooperation mit dem Feind bestrafe der IS mit dem Tod. Daraufhin sei sie mit ihren Eltern und ihrem 13-jährigen Bruder geflohen. Allerdings ist der Bruder nicht im Flüchtlingsheim angekommen. Sie seien von ihm getrennt worden, als sich ihr Boot auf dem Mittelmeer als nicht mehr fahrtüchtig erwiesen habe und sie auf Anweisung der Schlepper eilig in verschiedene Rettungsboote hätten umsteigen sollen.

Sie suchten täglich auf einer Website des Roten Kreuzes ("Trace the Face") nach dem Bruder - bisher vergeblich. Parnian Rashidy zeigt auf ihr Gesicht: Sie habe Stress-Akne bekommen.

Als alle Szenen des Theaters geprobt sind, ordnet Parnian Rashidy mit den kleinen Darstellerinnen die Requisiten. "Für die Kinder ist es enorm wichtig, aus dem Unterkunftsalltag rauszukommen und ihrer Fantasie Raum geben zu können", sagt Tanja Bee-Weinelt, die stellvertretende Leiterin der EA Rahlstedt. "Ohne das Thema Trauma überstrapazieren zu wollen: Man kann gar nicht genug dafür tun, dass gerade die Kleinsten ihre Erlebnisse verarbeiten können und ihnen ein stabiles und kindgerechtes Umfeld geboten wird."

Am 8. März ist Uraufführung. Für die Schauspielerinnen wird sie auf jeden Fall ein Erfolg sein.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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