Ärztin im Flüchtlingsheim am Grenzweg Von der Intensivstation in den Medizincontainer

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Ein Junge mit schwarzen Zähnen, ein Mädchen mit einem Virus: Im Flüchtlingsheim am Grenzweg kümmert sich Heinke Teichmann um die kranken Kinder. Im Medizincontainer stehen die Patienten Schlange.

Teichmann hat eigentlich genug zu tun in ihrem Leben. Im Schichtdienst arbeitet sie in einem Hamburger Kinderkrankenhaus auf der Intensivstation für Säuglinge.

Und trotzdem sitzt sie nun mit der Krankenschwester Katharina Niklaus im Medizincontainer der Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt und wartet auf Patienten. Einen Termin hat nur die Afghanin Fazilat mit ihrer neugeborenen Tochter, um 11 Uhr. Teichmann kennt das Kind schon, es hat bei ihr auf der Intensivstation gelegen: Es wurde mit Trisomie 21 und einem Loch im Herzen geboren, ein typisches Problem bei diesem Gendefekt.

Einmal pro Woche, mittwochs von 9 Uhr bis 11.30 Uhr, hat Heinke Teichmann Sprechstunde in der EA Rahlstedt. Weil sie auch etwas tun wollte für die Flüchtlinge. Sie versucht an diesem Tag immer, auf der Intensivstation die Spätschicht oder den Nachtdienst zu übernehmen. Wenn es schlecht läuft, dann hat sie von Dienstag auf Mittwoch Nachtdienst und macht im Anschluss die Sprechstunde in der Flüchtlingsunterkunft. "Blöd ist, wenn ich dann am Abend wieder zum Nachtdienst muss." Sie habe die Arbeit in der Unterkunft ehrenamtlich machen wollen, sagt Teichmann, aber das sei "abrechnungstechnisch" nicht möglich, leider. So hat sie nur die Möglichkeit, ihr Honorar zu spenden.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Um 9.10 Uhr sitzt die erste kleine Patientin im Wartezimmer, zusammen mit ihrem besorgten Vater. In der Nacht hatte er den Notarzt gerufen, weil das Kleinkind sich mehrfach übergeben musste, selbst Wasser konnte es nicht bei sich behalten. Es hat Fieber, 39 Grad, und sieht ängstlich und unglücklich aus. Drei Wollpullover hat der Vater seiner Tochter angezogen, damit sie nicht friert. Er selbst trägt Badelatschen.

Der Medizincontainer hat nicht die High-Tech-Ausstattung einer Neonatologie. Wenn die Kinderärztin Teichmann die jungen Patientinnen und Patienten untersucht, ist sie auf Medizintechnik-Klassiker angewiesen: Stethoskop, Ophtalmoskop, Otoskop, ein Blutdruckmessgerät für Kinder, eine Waage. Und auf Erfahrung und Einfühlungsvermögen. Und auch darauf, dass der Dolmetscher, den sie per Video zuschaltet, präzise übersetzt.

Als der afghanische Vater mit seiner Tochter das Behandlungszimmer verlässt, hält er eine Flasche Ibuflam in der Hand, und er hat erfahren, dass sein Kind eine Virusinfektion hat, die der Körper selbst bekämpfen muss. Viel trinken, ist der dringende Rat der Ärztin. Das Mädchen schüttet auch sofort gierig einen Becher Wasser in sich hinein.

Der Wachdienst ist im Einsatz

Inzwischen hat sich das Wartezimmer gefüllt. Eine Mitarbeiterin in der dunkelgrünen Jacke des Wachdiensts Sicherheit Nord achtet darauf, dass die Patienten der Reihe nach aufgerufen werden. 50 Wachleute sind für die EA in Rahlstedt zuständig, 15 patrouillieren tagsüber auf dem Gelände oder sitzen im Glashäuschen am Eingang, nachts sind 13 im Dienst. Viele von ihnen sind bilingual, sprechen noch Arabisch oder das afghanische Dari.

Die Mitarbeiter müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen, sie erhalten beim Sicherheitsdienst Nord eine einmonatige Schulung, lernen Erste Hilfe, absolvieren ein Deeskalationstraining und machen dann noch eine Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Die Kinderärztin

Das Landeskriminalamt überprüft die Sicherheitsleute. Etwa fünf Mitarbeiter, die die EA Rahlstedt bewacht hatten, fielen durch und mussten umgehend abgezogen werden. Unter anderem, so das Gerücht, weil sie eine Moschee besucht hätten, in der sich Islamisten träfen. Schwarz auf Weiß gibt es das nicht, der Staatsschutz schickt dem Sicherheitsdienst Nord keine Begründungen.

Schwarze Zähne

Eine Frau aus Eritrea ist als Nächste an der Reihe, sie hat drei Kinder, die sie vorstellen möchte zur Untersuchung. Die Kinder sind gesund, nur dem jüngsten, sechs Jahre alten Sohn, kann die Kinderärztin nicht helfen, das Problem ist unübersehbar, wenn er den Mund aufmacht: Die meisten Zähne sind schwarz. Mit einem Zettel in der Hand geht die Mutter zum Sozialmanagement der Malteser, damit diese einen Zahnarzttermin vereinbaren: Alle Backenzähne des Kindes müssen gezogen werden, die Gefahr besteht, dass sich die bleibenden Zähne schon angesteckt haben.

Menschen vom Grenzweg
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Referentin Integrationsdienste und Ehrenamtsmanagerin in der Flüchtlingshilfe ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt. Er besucht einen Integrationskurs.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.

Um 11 ist es Zeit für den schwierigsten Fall des Vormittags: für das einen Monat alte Baby mit Trisomie 21, das Teichmann schon auf der Intensivstation betreut hat. Nur die Mutter Fazilat ist gekommen, der Vater Mohammed Nabi ist in seinem Zimmer geblieben. Die beiden stehen noch unter Schock, trotz der Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft wussten sie nicht, dass ihr Kind ein Down-Syndrom haben würde.

Das Kind hat eine Trinkschwäche, eine typische Begleiterscheinung von Herzschwäche oder geringer Muskelspannung im Mund. "Die Entwicklung eines Trisomie-21-Babys muss von Anfang unterstützt werden", sagt Teichmann, mit Krankengymnastik könne man bald schon beginnen. Es wird ein langer Weg werden, für das Kind und für die Eltern.

11.30 Uhr. Das Wartezimmer ist immer noch voll. Wäre dies eine ganz normale Kinderarzt-Praxis, könnte Teichmann in den 2,5 Stunden bis zu 17 Kinder behandeln. Hier im Medizincontainer der EA Rahlstedt, sagt die Kinderärztin, hätte sie für einige Patienten gerne eine Stunde Zeit.

Manchmal erfährt sie von den Lehrerinnen oder Erzieherinnen, dass ein Kind verhaltensauffällig sei, vermutlich, weil es durch Krieg und Flucht traumatisiert ist. Ein Kind in der Unterkunft werde beispielsweise aggressiv, wenn jemand sich ihm nähere; ein Schulkind nässe sich tagsüber ein. Psychologische Unterstützung aber sei im Regelleistungskatalog der Krankenkassen nicht vorgesehen. Sie zuckt ratlos mit den Schultern.

Weitermachen. Die Krankenschwester öffnet die Tür zum Wartezimmer: der Nächste bitte!

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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