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05. August 2017, 08:27 Uhr

Flüchtling aus Iran

Reza findet endlich eine Wohnung

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Bei seiner verzweifelten Suche nach einer Wohnung hätte Reza Zafaridalir beinahe einen fragwürdigen Makler bezahlt. Nun ist der iranische Flüchtling doch noch fündig geworden - im schönen Hamburger Stadtteil Winterhude.

Die Straße Heidberg führt über Kopfsteinplaster, sie ist von großen Bäumen gesäumt. Ein paar ältere Klinkerbauten stehen hier und viele Mehrfamilienhäuser aus den sechziger und siebziger Jahren, manche von ihnen gruppieren sich um grüne Höfe. Es ist eine ruhige Wohnstraße in Winterhude, einem der besseren Stadtteile Hamburgs. Die Alster, der Stadtpark, Einkaufsstraßen, eine U-Bahnstation - alles ist in Fußnähe gelegen.

Reza Zafaridalir hat schon einen kleinen Spaziergang durch das Viertel gemacht, als er vor dem Backsteinhaus steht, dessen Adresse er vor ein paar Tagen bekommen hat. "Es ist gut hier", sagt er und hebt dabei am Ende des Satzes die Stimme, als sei er nicht ganz sicher: Kann das wirklich wahr sein, eine Wohnung für ihn in einer so guten Gegend?

Seit Monaten sucht der iranische Flüchtling eine eigene Wohnung, die vergangenen zwei Jahre hat er in einer Turnhalle und in der Erstaufnahme in Rahlstedt verbracht. Selbst über einen Makler mit fragwürdigen Methoden hat er nichts gefunden.

Dass er nun eine kleine Wohnung in dem Mehrfamilienhaus besichtigen kann, hat Reza Zafaridalir dem Hausverwalter Rainer Jung von der Gerstel KG zu verdanken - und der Familie Rashid, mit der Zafaridalir sich in der EA Rahlstedt angefreundet hatte. Denn Jungs Tochter besucht die gleiche Klasse in der Rudolf Steiner Schule wie Divan Rashid. Eigentlich wollte Jung den Rashids eine Wohnung vermitteln, die aber inzwischen eine neue Unterkunft in der Hafencity gefunden haben. Jung war bereit, auch für Zafaridalir die Augen offen zu halten.

Noch eine weitere Interessentin, eine junge Auszubildende, wartet an diesem Tag vor dem Backsteingebäude, aber Jung sagt gleich bei der Begrüßung, dass zwei Wohnungen zu vergeben seien. Leider könne nur eine davon besichtigt werden, der andere Mieter sei nicht da. 32 Quadratmeter hat das Apartment, eine kleine Küche, Duschbad, Laminatboden, Blick auf den grünen Innenhof. Eine junge Tischlerin zieht aus, sie hat die weiße Küchenzeile selbst gebaut und verzichtet auf Abstand. Auch das Glasregal im Bad und ein Ikea-Regal will sie dem Nachmieter schenken. Reza Zafaridalir nickt, ja, er ist mit allem einverstanden. Dann fragt er leise: "Kann ich die Wohnung wirklich bekommen?" Jung antwortet, er solle eine Nacht darüber schlafen und ihm am nächsten Tag Bescheid geben.

Die Nachfrage nach Wohnraum sei spürbar gestiegen, erzählt Jung später. Die Hausverwaltung werde immer häufiger "von ausländischen Mietinteressenten direkt kontaktiert". Und dann sagt er: "Wir legen sehr viel Wert auf ein ausgeglichenes Mischverhältnis. Da spielen Nationalität und oder Hautfarbe keine Rolle, es muss halt passen. Deshalb gibt es bei uns auch keine ,Massenbesichtigungen'."

Vier Tage später hält Reza Zafaridalir den Mietvertrag in der Hand: 295 Euro warm für 32 Quadratmeter. Einen Antrag auf Zuschuss für Möbel füllt er mit Jaques Zeljko Blagojevic vom Sozialmanagement der Malteser in der EA Rahlstedt aus. Aber bei welcher Behörde soll er den Antrag stellen? Und wer muss das Okay zum Mietvertrag geben? Zweimal geht er in den folgenden Tagen zum JobCenter, ohne irgendetwas zu erreichen. Dann wird er zum Bezirksamt Wandsbek geschickt. Dort erhält er eine Bescheinigung, dass er nach §25 Absatz 2 des Aufenthaltsgesetzes eine Aufenthaltserlaubnis hat und dass er Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II beziehe. Mit diesem Papier soll er sich wieder im JobCenter vorstellen.

Auch der irakische Jeside Murad möchte endlich aus der Erstaufnahme (EA) Rahlstedt ausziehen. Er hat eine Wohnung gefunden - allerdings liegt diese in Tornesch, was zu Schleswig-Holstein gehört. Das Aufenthaltsgesetz schreibt vor, dass er für drei Jahre eine Residenzpflicht in Hamburg hat, wo Wohnraum teuer und knapp ist. Damit er nicht darauf angewiesen ist, dass ein Amt die Miete akzeptiert, hat Murad nun doch einen Vertrag bei der Zeitarbeitsfirma Randstad unterschrieben und arbeitet im Schichtdienst in einer Krankenhauskantine in Uetersen. Sobald er den Mietvertrag in der Hand hat, kann er bei der Ausländerdienststelle in Wandsbek einen formlosen Antrag auf Wegzug stellen. Die Hamburger Behörde bittet dann Schleswig-Holstein um Zustimmung.

Den Sprachkurs B1 hat Murad abgeschlossen, seinen Film hat er unvollendet gelassen - zu kompliziert. Eigentlich würde er gerne Polizist werden, aber dafür müsste er erst einen Schulabschluss machen. "Erst will ich arbeiten und die Wohnung mieten", sagt Murad, danach werde er sich entscheiden, ob er zur Schule gehen oder einen Ausbildungsplatz suchen werde, für den kein Schulabschluss Voraussetzung ist.

Als der Syrer Safouh Hussain mit zwei syrischen Brüdern in eine Drei-Zimmer-Wohnung im Hamburger Süden zog, besaß er nur ein paar Hausstandsreste eines Rentners, der ins Altersheim gezogen war. Inzwischen hat er sein Zimmer mit der Hemnes-Serie von Ikea eingerichtet, neben dem Bett steht der Wäscheständer, neben der Terrassentür ein gelbes Kunstleder-Sofa, das geschenkt bekommen hat. Das Geld für die Möbel hatte das JobCenter versehentlich an seinen Vermieter ausgezahlt, deshalb zieht Safouh die Summe von der Miete ab. Weshalb er nur halb so viel Zuschuss zum Hausrat bekommen hat wie jeder seiner Mitbewohner, ist ihm ein Rätsel. Aber egal, er ist glücklich.

Im September wird Safouh die C1-Sprachprüfung machen. Besteht er die, ist der Weg frei fürs Studium.

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