Flüchtlingsheim am Grenzweg Endlich mal nach Herzenslust spielen

SPIEGEL ONLINE

Von


Kletterturm, Clown, Tintentattoos: Für einen Nachmittag wird das Flüchtlingsheim zum Spieleparadies. Doch im Alltag haben Kinder Langeweile - es fehlt an Platz und Angeboten. Helfern fällt es schwer, gegenzusteuern.

Asal ist wegen Sarah gekommen. Sie sind beste Freundinnen geworden in der Flüchtlingserstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt: Sie haben morgens gemeinsam in der Schule der Unterkunft gesessen und nachmittags gemeinsam gespielt oder Schwarzes Theater geprobt. Sie haben Deutsch miteinander gesprochen, denn Asal ist Iranerin, Sarah kommt aus Ägypten.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Doch inzwischen ist Asal ausgezogen, sie wohnt mit ihrer Familie in einer Wohnung ein Stück von der EA Rahlstedt entfernt und besucht die sechste Klasse einer Regelschule. Sarah dagegen lebt noch in der Unterkunft und geht in eine Internationale Vorbereitungsklasse.

Beste Freundinnen sind sie trotz der Trennung geblieben. Daher läuft Asal mit einem Besucherausweis um den Hals auf dem Gelände der Erstaufnahme herum und sucht ihre Freundin. Was ein bisschen dauert, denn an diesem Nachmittag ist das erste große Kinderfest auf dem zentralen Platz in dem Containerdorf, und es ist ziemlich voll.

Ein aufgeblasener Kletterturm steht dort, wo sonst mit Förmchen Sandkuchen gebacken werden. Es gibt Entenangeln und Tattoos aus Tinte. Aus Horst in Holstein ist der Schmied Bernard Haarmeyer angereist. Vor seinem VW-Bus hält er Eisenstücke ins Gasfeuer, die Kinder dann auf dem Amboss in Form schlagen. Wie Asal zum Beispiel, die ein Hufeisen herstellen möchte.

Fotostrecke

10  Bilder
Einen Nachmittag Spaß: Kinderfest im Flüchtlingsheim

Verschiedene Vereine aus dem Stadtteil haben das Fest organisiert, es sind Sozialarbeiter von "Streetlife", "Startloch" oder dem Jugendklub "Boltwiesen". In dem Gewerbegebiet, in dem die Einrichtung liegt, gibt es weder Spiel- noch Sportplätze.

Aber es gibt viel Bedarf: 112 Kinder zwischen 0 und 18 Jahren wohnen derzeit in der Unterkunft. Für die Kleineren gibt es seit dem Frühjahr einen Spielplatz mit Nestschaukel und Kletterhaus. Aber für die älteren Kinder und vor allem für die Jugendlichen? "Die Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder, sie sind mit ihrem Asylverfahren und Sprachkursen beschäftigt. Die Kinder kamen immer zu uns an den Infopoint oder ins Sozialmanagement", sagt Angele Sernaite, Sozialmanagerin in der von den Maltesern geleiteten Unterkunft.

Anfang Juni eröffnete sie mit Erzieher Alexander Huchler deshalb einen Jugendklub für Kinder ab 8 Jahren. An zwei Nachmittagen in der Woche können sie hier kickern, spielen, sich die Zeit vertreiben. Durchschnittlich 15 Kinder kämen jedes Mal, sagt Huchler. Meistens machten sie Brettspiele. Favorit sei im Moment "Monopoly". Manche hätten hier zum ersten Mal ein Gesellschaftsspiel gesehen, erzählt Angele Sernaite. Die Kinder müssen nicht nur die Regeln lernen, sondern auch Frustrationstoleranz: "Wenn sie verlieren, werfen sie die Sachen hin und laufen weg."

Fußballspielen verboten

Jugendliche kämen nur selten in den Jugendklub. "Die Mädchen dürfen nicht mit Jungen zusammen sein", sagt Sernaite, "manche Eltern verbieten den Mädchen sogar, 'Hallo' zu den Jungen zu sagen. Darüber müssen wir mit den Eltern reden." Dafür sei noch keine Zeit gewesen. Und die 12- bis 18-jährigen Jungs wollten lieber Fußball spielen, als die Parkstraße oder einen Bahnhof kaufen. Aber Fußball ist auf dem Unterkunftsgelände verboten: Glasscheiben könnten zu Bruch gehen, es laufen kleine Kinder herum. Trotzdem wird manchmal, wenn die Malteser-Mitarbeiter nach 18 Uhr gegangen sind, ein Ball herausgeholt.

Sernaite und Huchler haben Ideen, wie sie auch Jugendliche für ihren Klub interessieren könnten. Zum Beispiel, indem sie die Altersgruppe weiter aufsplitten, von acht bis zwölf Jahren und von 13 bis 18 Jahren. Aber es fehlt an Personal. Huchler ist beispielsweise alleine im Klub, wenn Sernaite einige Kinder nach Farmsen zum Trommelkurs begleitet.

Mehr Zeit bliebe, sagt die Sozialarbeiterin, wenn es ehrenamtliche Helfer gäbe, die solche Begleitungen übernähmen. Oder die eine Nachmittagsunterhaltung anböten. Wie eine Ehrenamtliche, die Woche für Woche mit den Kindern bastelt. Oder noch besser, wenn sich Paten für einzelne Kinder fänden.

Patenschaften für Kinder will bislang niemand übernehmen

Wie für das kleine syrische Mädchen, das mit ihrem Vater nach Deutschland floh, weil die Mutter zufällig die Verwandtschaft besuchte, als der Krieg in ihre Heimatstadt kam. Das Mädchen und sein großer Bruder werden die Mutter wohl erst in zwei Jahren wiedersehen. "Der Vater sagt, er sei überfordert", erzählt Huchler, "er habe gar nicht die Muße, sich um die beiden kleinen Kinder zu kümmern."

Als die EA Rahlstedt im Oktober 2016 eröffnet wurde, war im Rahlstedter Wochenblatt über die Suche der Malteser nach Ehrenamtlichen berichtet worden. Für den Computerkurs fanden sich zwei Engagierte, aber eine Patenschaft für ein Kind wollte bisher niemand übernehmen. Huchler hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich doch noch Freiwillige finden, die "Liebe, Geduld und Zeit haben für Kinder".

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Huchler ist ausgebildeter Erzieher. "Kinder mit Fluchthintergrund sind eine größere Herausforderung als durchschnittliche deutsche Kinder", sagt er. Sie seien lauter, rangelten aggressiver um die Aufmerksamkeit der Pädagogen und brauchten sehr viel körperliche Nähe, wollten oft in den Arm genommen werden. Manche seien aggressiv, manche hyperaktiv, und Teilen oder Abgeben falle einigen ausgesprochen schwer.

Ab September wird immerhin einmal pro Woche ein Spielmobil in die Unterkunft kommen, ein Jahr lang soll das Projekt laufen. Dann werden vermutlich noch mehr Kinder in der EA Rahlstedt leben. Die Zahl der Bewohner soll auf 500 aufgestockt werden. Noch sind es 379, weil 60 Schlafplätze für die Zeit des G20-Gipfels in Hamburg freigehalten werden. Die Zimmer sind für Sanitäter des Malteser Hilfsdienstes reserviert, sie liegen im Wohnblock für alleinreisende Männer.

Asal hat mit Sarah einen fröhlichen Nachmittag beim Kinderfest in der Flüchtlingsunterkunft verbracht. Ein Mädchen, mit dem Asal für das Schwarze Theater geprobt hat, ist nicht zu dem Fest gekommen: Nadia. Sie ist vor ein paar Wochen verschwunden, gemeinsam mit ihrer Familie, die aus Bosnien stammt und schon einige Jahre in Italien und Frankreich verbrachte. Vermutlich wäre die Familie bald abgeschoben worden.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.