Flüchtlingsheim am Grenzweg Wunsch trifft auf Wirklichkeit

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Murad floh vor dem "Islamischen Staat" nach Deutschland. Hier arbeitet er an einem Film über das Land, dessen Einwohner er als so hilfsbereit empfindet. Doch beim Dreh zeigt sich: Wollen ist das eine - Können das andere.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Murad ist ziemlich unzufrieden mit sich. Er sitzt beim Hamburger Bürgersender Tide TV vor einem Monitor und sichtet die ersten Szenen seines Films: Es schneit, er steht vorn im Bild, auf irgendetwas wartend, reibt sich die rot gefrorenen Hände warm. Eine junge Frau nähert sich von hinten, schaut auf ihr Handy, geht an Murad vorbei. Murad dreht den Kopf nach rechts, springt zu ihr und reißt sie gerade noch rechtzeitig von der Straße zurück, als ein Auto kommt.

Allerdings wirkt das Ganze eher wie ein Überfall und nicht wie eine Rettungsaktion. Wütend schüttelt Murad den Kopf, imitiert piepsend seine Stimme im Film: "Nichts zu danken!" Dann sagt er in normaler Tonlage: "Nicht wie ein Mann."

Seit einigen Wochen arbeitet der irakische Jeside an seinem ersten Film. Darin will er ein positives Bild von Deutschland zeichnen. Die Deutschen seien so viel hilfsbereiter als seine Landsleute. Und er will zeigen, dass Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben können.

Bei der Szene im Schneeschauer hat Gero Vierhuff Regie geführt. Er hat auch die Filmaufnahmen gemacht, obwohl er, wie er sagt, Theaterregisseur sei und keine Erfahrung als Kameramann habe. Er kennt Murad, seit der im vergangenen Herbst bei Vierhuffs Theaterinszenierung hospitierte.

Willen ist das eine - Können das andere

Vierhuff sagt, er fühle sich als eine Art Pate für Murad, jedenfalls künstlerisch. Er hat ihm schon geholfen, das Drehbuch zu bearbeiten. Vierhuff hat ihn auch in der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt besucht, wo Murad im Container lebt. "Diese Häufung von Schicksalen in der Unterkunft hat mich bewegt", sagt Vierhuff, "wie soll man, wenn man da wohnt, jeden Morgen die Energie haben aufzustehen?" Umso mehr Respekt hat er für Murads unbeirrten Willen, seinen Film fertigzustellen.

Aber Wollen ist das eine - und Können das andere. Murad hat noch nie ein Skript geschrieben, noch nie vor der Kamera gestanden und noch nie etwas gedreht. Das Ergebnis habe eher das Niveau eines Schülerfilms, sagt Vierhuff: "Wo muss man ansetzen? Wo muss man ihn abholen?" Dann fügt er an: "Vielleicht geht es ihm doch vor allem um die Verarbeitung seiner persönlichen Situation."

Auch Christoph Pustlauk gehört zu den Deutschen, die Murad bei seinem Filmprojekt professionelle Unterstützung geben. Pustlauk ist bei Tide TV für die Postproduktion zuständig. Er sitzt neben Murad, als der das Material des ersten Drehtags sichtet. Pustlauk rät Murad, nur noch eine weitere Szene aufzunehmen und dann in den Schneideraum zu kommen, "um für die zukünftigen Drehs zu lernen".

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Filmprojekt eines Flüchtlings: Dreh mit Hindernissen

Autor, Regisseur, Kameramann und Protagonist in einer Person

Murad nickt und lächelt zustimmend. Aber er hat einen anderen Plan: Er will den ganzen Film drehen und erst danach in den Schnitt. Er hat auch schon eine Drehgenehmigung für die nächste Szene: Murad erfährt von einer freundlichen Deutschen, wie man einen Geldautomaten bedient.

Und dann steht Murad an einem windigen Tag auf dem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum in Hamburg-Rahlstedt. Seine Hauptdarstellerin ist Susanne Pollmeier, eine bekannte Hamburger Schauspielerin, die auch bei Vierhuffs Inszenierung im Lichthoftheater mitgespielt hat.

Menschen vom Grenzweg
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
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Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.

Vierhuff hingegen ist nicht mehr dabei. Er hat Murad gesagt, dass ihm als freiem Theaterregisseur mit vielen unterschiedlichen Projekten die Zeit fehle, um ihn 14 Drehtage lang zu begleiten. Deshalb schaut nun Mohammed Alkhatib ins Display der Kamera, im Fokus ist eine Filiale der Hamburger Sparkasse.

Alkhatib lebt auch in der Erstaufnahme Rahlstedt. Er ist Palästinenser, wie er sagt, allerdings mit syrischem Pass. Leider ist er Friseur und kein Kameramann, weshalb Murad nun Autor, Regisseur, Kameramann und Protagonist in einer Person ist. Auf Arabisch erklärt er Alkhatib die Szene: Er werde die Straße entlangkommen, um die Ecke biegen und mit der EC-Karte in der Hand ratlos vor der geschlossenen Glastür der Filiale stehen.

Eine Dialogszene ohne Ton?

Weil es so windig ist und das Mikrofon nur Rauschen aufzeichnet, zieht Murad den Stecker raus. Und jedes Mal, wenn Alkhatib mit den Fingern drei, zwei, eins, Action runtergezählt hat, kommt irgendein Passant, der zum Geldautomaten im Vorraum der Filiale möchte. Dann steht die Putzfrau im Fenster. Dann hat Alkhatib nicht den Aufnahmeknopf gedrückt, auch beim nächsten Versuch nicht. Murad stapft zunehmend verärgert zur Kamera und erklärt seinem Freund noch mal und noch mal, wo er drücken muss.

Soll die Kamera eine Nahaufnahme machen? Ist das Bild gut? Spielen wir die Szene noch mal und filmen von der anderen Seite? Murad fragt Susanne Pollmeier um Rat. Die antwortet, sie sei keine Regisseurin, macht dann aber doch ein paar Vorschläge. Als die Kamera läuft, spielt Pollmeier eine entspannte, hilfsbereite Passantin, sie kennt ihren Text.

Und dann sieht sie, dass der Stecker des Mikrofons neben der Kamera baumelt. "Sollen wir das noch mal machen?", fragt Pollmeier. "Nein, egal", antwortet Murad, er klingt etwas mutlos. "Egal?", wiederholt Pollmeier verwundert. Eine Dialogszene ohne Ton?

Murad hat größere Sorgen als die Probleme beim Dreh

Inzwischen ist die Sonne untergegangen. Wie wird das im Film aussehen? Als Murad und Pollmeier in die Sparkasse gehen, ist es hell, als sie im Vorraum neben dem Geldautomaten stehen, ist es dunkel? Die Schauspielerin schlägt vor, an einem anderen Tag weiterzudrehen. Murad lehnt ab, er möchte erst mal auf dem Kameradisplay seine Aufnahmen anschauen.

Eigentlich hat Murad auch ganz andere Sorgen, größere. Er möchte gern besser Deutsch lernen und einen Schulabschluss machen. Doch seine Eltern, die in einem Lager in der Autonomen Region Kurdistan leben, haben ihn um Geld gebeten. "Sie haben immer für mich gesorgt", sagt er, "jetzt muss ich für sie da sein." Er brauche einen Job, wenn er in einem Monat seinen A1-Sprachkurs abgeschlossen hat. Als anerkannter Flüchtling darf er auch in Deutschland arbeiten.

Aber Murad ist ratlos: Wo soll er in Hamburg einen Job herbekommen? Wie und bei wem soll er sich bewerben, und was kann er arbeiten, da er doch weder einen Schulabschluss noch eine Ausbildung hat?

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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