Flüchtlingsheim am Grenzweg Auf Streife mit Michael Goltz

Polizist Michael Goltz
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Polizist Michael Goltz

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Michael Goltz ist Polizist in Hamburg, das Flüchtlingsheim am Grenzweg liegt in seinem Revier. Vor allem eines muss er in seinem Alltag können: Zuhören.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

So einen Titel kann sich nur jemand in einer Verwaltung ausgedacht haben: "BFS", was die Abkürzung ist für "Besonderer Fußstreifendienst". Da klingen die umgangssprachlichen Bezeichnungen für den Job von Michael Goltz doch viel sympathischer: "Bünabe", bürgernaher Beamter, oder einfach Stadtteilpolizist.

An diesem Morgen dreht Michael Goltz vom Polizeikommissariat 38 in Hamburg-Rahlstedt wieder eine Runde durch seinen Stadtteil, genauer gesagt, durch den Teil von Rahlstedt, für den er zuständig ist. Dazu zählt das Gewerbegebiet Neuer Höltigbaum, wo die Erstaufnahme (EF) Rahlstedt vor anderthalb Monaten eröffnet wurde.

Am Eingang, am Glashäuschen neben dem Stahltor, ein Schwatz mit dem Sicherheitsdienst. Irgendwas Neues? Nein, nichts Besonderes. In der Cafeteria I gibt es ein kurzes Update von Olav Stolze, dem Leiter des von den Malteser geführten Flüchtlingsheims. Noch sind die Besuche von Goltz in der EA Rahlstedt unregelmäßig, aber wenn die Unterkunft mit 560 Menschen gefüllt ist, wird ein Beamter zu festen Zeiten vor Ort sein. Bisher jedenfalls, sagt Stolze, habe es nur "Gerangel" gegeben. Nichts, was der 24-Stunden-Sicherheitsdienst nicht in den Griff bekommen hätte.

Stolze geht wieder zurück in sein Büro, er hat keine Zeit, sich Sorgen über mögliche künftige Vorfälle zu machen, die Gegenwart nervt schon genug: Die Duschen funktionieren immer noch nicht richtig, es gibt immer noch kein WLAN für die Flüchtlinge, weil nur ein einziges Unternehmen überhaupt bereit war, ein Angebot zu machen. Das liegt nun bei der Behörde und wird geprüft. Und Stolze braucht dringend Kinderwagen für die vielen Säuglinge und Kleinkinder in seiner Einrichtung.

Ein paar Tische weiter in der Cafeteria I sitzt Safouh Hussain und spielt mit seinem Handy herum. Goltz geht zu ihm, er hat den jungen Syrer vor ein paar Wochen beim Tag der Offenen Tür in der EA Rahlstedt kennengelernt. "Ich dachte, er ist von den Maltesern, weil er so gut Deutsch spricht", erzählt Goltz.

Michael Goltz und Safouh Hussainin
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Michael Goltz und Safouh Hussainin

Safouh sieht an diesem Morgen ziemlich unglücklich aus. Er hat in der vergangenen Woche seine Reisedokumente bekommen und könnte zu seiner Familie fliegen, mit der er 2012 von Damaskus nach Beirut geflohen war und die er seit einem Jahr nicht gesehen hat. Eigentlich eine gute Nachricht, aber leider ist sein syrischer Pass abgelaufen, mit dem er problemlos in den Libanon hätte reisen können. Doch der syrische Staat verlängert die Pässe seiner geflüchteten Bürger nicht.

Wenn Safouh mit deutschen Dokumenten in den Libanon will, muss er ein Visum haben. Ende November beginnt Safouhs Deutschkurs, da muss er wieder in Hamburg sein. Die Zeit wird also knapp. Und bei der libanesischen Botschaft in Berlin geht keiner ans Telefon.

"So ganz ohne Familie in Hamburg, das ist schwer", sagt Goltz mitfühlend, "eigentlich untragbar." Safouh nickt. "Ich bin die erste Person in unserer Familie, die weggegangen ist", sagt er und schildert dann, wie die Großfamilie in Damaskus gemeinsam in einem Anwesen mit mehreren Häusern lebte. Und gerade in dem Moment, als Goltz sich verabschiedet, kommt eine Sprachnachricht auf Safouhs Handy an.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Eine aufgeregte Frauenstimme, sie spricht Arabisch. Safouh strahlt und kann gleichzeitig nicht fassen, was er da gerade gehört hat: "Das war meine Mutter. Ich bekomme heute das Visum." Zwei Tage später wird er im Flugzeug nach Beirut sitzen.

Goltz fährt zu seiner nächsten Station, zur Stiftung Natur im Norden. Hier muss er eine Unterschrift für einen Strafantrag holen, denn es wurde wieder mal illegal Bauschutt im Naturschutzgebiet abgeladen. Das kleine Holzhaus der Stiftung liegt nicht weit von der EA Rahlstedt entfernt in einem verwilderten Gelände. Die Stiftung bietet "Umweltbildung" an, auch Flüchtlingskinder aus der Unterkunft Hellmesbergerweg waren schon da, um deutsche Natur zu erleben.

Michael Goltz inspiziert Bauschutt
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Michael Goltz inspiziert Bauschutt

Wobei der Höltigbaum nicht ganz so idyllisch ist, wie er scheint. Eine zerstückelte Leiche wurde vor ein paar Jahren gefunden, man munkelt, dass sich hier Satanisten treffen, und ein paar Idioten testen in dem Naturschutzgebiet ihre Waffen.

Das jedenfalls berichtet Jörg Volenec, bei dem Goltz auf seiner Runde durch den Stadtteil als nächstes vorbeischaut. "Das sind irgendwelche Spinner", sagt Goltz, "der Sicherheitsdienst in der EA Rahlstedt hat die Schüsse auch gehört." Außerdem gebe es Schusslöcher in den Hinweistafeln der Stiftung.

Gibt es Konflikte mit den neuen Nachbarn, den Flüchtlingen in der EA Rahlstedt, möchte Goltz von Volenec wissen. Denn an die grenzt das Grundstück, auf dem Volenec seine Gebäudereinigungsfirma betreibt und auch mit seiner Familie lebt. "Nein, da ist nichts", sagt Volenec, "nur manchmal lautes Gerede hinter dem Zaun, aber ein Anruf bei Herrn Stolze, und die Sache ist geregelt."

Als Volenec und seine Frau Svenja hörten, dass in der EA Rahlstedt eine Tischtennisplatte gebraucht werde, griff Svenja Volenec zum Hörer und bot Stolze ihre an.

Den elfjährigen Sohn bringen Volenec und seine Frau allerdings weiterhin mit dem Auto zur Schule - vor Eröffnung der EA Rahlstedt fuhr er allein mit dem Fahrrad zu seinem Gymnasium. "Könnte Ihr Sohn nicht vielleicht einen Freund in der Erstaufnahme finden?", fragt Goltz, denn schließlich gibt es keinen gleichaltrigen Jungen, der im Gewerbegebiet Neuer Höltigbaum wohnt. Volenec zögert, dann sagt er: "Wenn es sich ergibt, ist das okay. Ich denke aber nicht, dass er selbst das Bedürfnis hat, in die Erstaufnahme zu gehen, um einen Freund zu finden."

Goltz verabschiedet sich, nach einem Zwischenstopp bei einer anderen Flüchtlingsunterkunft hält er erneut im Naturschutzgebiet Höltigbaum. Er möchte nachschauen, ob die Big Bags mit dem Bauschutt inzwischen von der Stadtreinigung abgeholt worden sind. Nein, alles noch da.

Fünfzig Meter weiter steht am Herdenpfad ein verlassenes weißes Haus, das vor langer Zeit mal modern war, aber nun irgendwie gruselig aussieht. Leuchtend weiße Quadrate strahlen auf einer Schmuddelwand. Die Wandfarbe verdeckt die Hakenkreuze, mit denen das Gebäude beschmiert wurde, nachdem bekannt geworden war, dass hier vielleicht Flüchtlinge untergebracht werden könnten - eine Idee, die wieder verworfen wurde, weil das Grundstück zu klein ist.

Das Handy klingelt. Ein Mann ist im Jobcenter Wandsbek Amok gelaufen, hat seine Noch-Ehefrau mit Säure überschüttet. Er könnte auf dem Weg sein in das Gebiet, für das Goltz zuständig ist. Der Polizeikommissar setzt sich in sein Auto und fährt los. Es ist doch kein Tag ohne besondere Vorkommnisse.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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6 Leserkommentare
kratzdistel 12.11.2016
zweitakterle 12.11.2016
Cologne65 13.11.2016
in-teressant! 13.11.2016
ThoreL 13.11.2016
lachina 13.11.2016
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