Flüchtlingsheim am Grenzweg Die Deutschstunde

Regina Seinwill und Ghassem Kahed
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Regina Seinwill und Ghassem Kahed

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Ghassem Kahed kam vor vielen Jahren selbst als Asylbewerber nach Deutschland - nun gibt er in der Erstaufnahme Rahlstedt Deutschunterricht. Vieles funktioniert hier gut - und doch wird manchmal auch Frust laut.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

"Ist das dein Buch?", fragt der junge Mann in der schwarzen Lederjacke. Die Frau in der Strickjacke neben ihm überlegt. "Nein, das ist dein Buch", antwortet sie dann langsam, und das "ei" klingt dabei ein bisschen nach "oi". Fragend blickt sie Ghassem Kahed an, einen älteren Herrn, der in der Mitte des Raumes sitzt, um ihn herum im Halbkreis die Tische seiner Schülerinnen und Schüler. "Richtig", sagt er, und während er die beiden Sätze wiederholt, dirigiert er mit den Händen, als seien sie ein kleines Musikstück.

Zwei Mal in der Woche bringt Kahed den Flüchtlingen in der Hamburger Erstaufnahme (EA) Rahlstedt Deutsch bei. Der Unterricht ist für beide Seiten freiwillig, ein Angebot für die Flüchtlinge, die noch keinen Aufenthaltstitel haben und daher keinen Integrationskurs besuchen dürfen. Und ein Ehrenamt für Kahed, der vor 28 Jahren als Asylbewerber nach Deutschland kam und dann hier bis zur Rente als Chemieingenieur gearbeitet hat.

"Ich möchte meinen Landsleuten etwas zurückgeben", sagt er. Seine Landsleute sind Iraner, eine Handvoll von ihnen büffelt in seinem Deutschkurs, dazu noch ein afghanisches Paar. Wie er selbst, erzählt Kahed, kämen die meisten iranischen Flüchtlinge aus der Mittelschicht, seien sehr gebildet. Manche sähen keine ökonomische Perspektive in ihrer Heimat, manche wollten nicht in einer islamischen Gesellschaft leben. Und manche fürchteten um ihr Leben.

"In Iran darf der Vater seine Tochter töten"

Wie Damon, die auch in Kaheds Deutschkurs sitzt, in Wirklichkeit aber anders heißt und die sich nicht fotografieren lassen möchte. Lehrerin aus Tabris sei sie, mehr möchte sie nicht über sich preisgeben. Sie sagt, der iranische Geheimdienst sei überall, bestimmt lese er auch SPIEGEL ONLINE, und sie wolle ihre Familie in Iran nicht in Gefahr bringen.

Denn Damon hat einen geheimen feministischen Blog im Internet, darin kritisiert sie zum Beispiel, dass Männer in Iran "vierzig inoffizielle Frauen" haben dürften, während eine verheiratete Frau gesteinigt werden könne, wenn sie eine sexuelle Beziehung mit einem anderen Mann hat. Häusliche Gewalt gegen Frauen sei alltäglich.

Damon erzählt, ein naher Verwandter sei hingerichtet worden, weil er ein Regimekritiker gewesen sei. Eine Freundin sei von Vater und Bruder ermordet worden, weil sie eine außereheliche Liebesbeziehung geführt habe. Wurden die beiden Männer dafür bestraft? Damon schüttelt den Kopf.

"In Iran darf der Vater seine Tochter töten, wenn die Ehre der Familie in Gefahr ist." Damon ist mit dem Flugzeug gekommen, zwei Kinder hat sie mitgebracht. 10.000 Euro pro Person habe sie bezahlt an den Schlepper, der sie am Flughafen als seine Familie ausgegeben und durchgeschleust habe. Jetzt hofft sie, als Asylbewerberin anerkannt zu werden - nach Iran kann und will sie nie mehr zurück.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Die Tür des Klassenraums geht auf, Regina Seinwill kommt herein, sie unterrichtet die Fortgeschrittenen. Ein iranischer Musiker ist darunter, er hat sein kleinstes Instrument mitgebracht, eine Mundharmonika. Er spielt, die Lehrer Kahed und Seinwill singen gemeinsam ein Lied, dann tanzen sie zu seiner schwungvoll-rhythmischen Musik, die Schüler stehen auf, tanzen mit. Ein leichter, fröhlicher Moment, weit weg von Unterdrückung, Folter und Hinrichtungen.

Plötzlich ist draußen vor dem Container lautes Geschrei zu hören, eine Gruppe aufgeregter Männer und Frauen eilt zum Verwaltungscontainer, der Sicherheitsdienst drängt ein paar Männer zurück, aus allen heraus ragt Olav Stolze, der Leiter der von den Maltesern geführten Einrichtung. Die Deutschschüler blicken ratlos aus dem Fenster. Hinten, am Eingang der EA Rahlstedt, steht wieder ein Reisebus mit der Aufschrift "Hansarundfahrt", mit dem Flüchtlinge in Hamburg in ihre neue Unterkunft gebracht werden. Der Deutschunterricht ist sowieso zu Ende, und Regina Seinwill zieht mit den Frauen um ins Nähstübchen, das vor Kurzem in einem anderen Containerblock eingerichtet worden ist.

Regina Seinwill in der Nähstube
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Regina Seinwill in der Nähstube

Seinwill war mal Steuerinspektorin, Grundschullehrerin und Psychotherapeutin, jetzt ist sie ehrenamtliche Helferin, Deutschlehrerin, Handarbeitslehrerin, Theaterleiterin und Schirmherrin für Musik in der EA Rahlstedt, irgendwann jedenfalls, denn der Bezirk Wandsbek hat noch kein Geld für Musikinstrumente bewilligt. "Ich habe sechs Enkel, aber trotzdem Zeit", sagt sie und grinst. Sie schaut zu, wie zwei Iranerinnen der irakischen Kurdin Ashna Rashid zeigen, wie man häkelt. "Es ist entzückend, dass sie sich gegenseitig helfen", sagt Seinwill. "Zeig mal, was du gemacht hast", bittet sie dann eine andere Frau, die hält ein rundes Häkelwerk hoch: "Dusche! Peeling!", sagt die Frau. Seinwill lacht: Peeling mit einem Topflappen?

Vor der Tür des Nähstübchens stehen nun zwei Sicherheitsleute. "Warum hat einer geschrien und geboxt?", fragt Rashids Tochter Divan, die gerade an einer Patchworkdecke häkelt und auch den Lärm, die Schreie und die Rufe auf dem Gelände gehört hat. Sie möchte raus und nachsehen, aber sie wird vom Sicherheitsdienst freundlich zurückgehalten. Besser kein Risiko eingehen.

Divan Rashid
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Divan Rashid

Doch es ist wieder ruhig geworden draußen. Unterkunftsleiter Stolze hat einen Dolmetscher für Arabisch bestellt, die meist syrischen Neuankömmlinge in zwei Gruppen eingeteilt und sich von ihnen erzählen lassen, warum sie wütend sind - so wütend, dass eine Frau zusammenbrach und starr am Boden lag, ein Mann den Kopf gegen eine Wand schlug und ein anderer "Ich hasse Deutschland!" schrie.

"Sie wurden aus der Erstaufnahme Oktaviostraße zu uns verlegt", erzählt Stolze später, "und jetzt sind sie enttäuscht und aufgeregt. Sie hatten die Erwartung, in eine Folgeunterkunft zu kommen." Also nicht schon wieder in eine Erstaufnahme, sondern endlich in eine richtige Wohnung oder zumindest in Wohncontainer, in denen sie nach der Flucht und nach einem Jahr in Zelt und provisorischer Unterkunft selbst kochen können. Doch das sei diesen Flüchtlingen nicht versprochen worden, heißt es bei Fördern&Wohnen, dem Betreiber der Unterkunft Oktaviostraße. Man könne aber nachvollziehen, dass die Bewohner jetzt "nicht glücklich seien, erneut in eine Erstaufnahme verlegt zu werden".

Reisegepäck
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Reisegepäck

Abendessen, schlafen, und morgen sehen wir weiter, so lautete Stolzes Botschaft. Er könne ihnen nichts versprechen, außer ehrlich zu sein. Und sich um den Behördenkram zu kümmern. Die Flüchtlinge - Frauen, Männer, Kinder - beziehen ihre Zimmer. Was bleibt ihnen auch anderes übrig.

Vor der Cafeteria liegen ihre Habseligkeiten in blauen und schwarzen Müllsäcken. Viel anders wird ihr Gepäck nicht ausgesehen haben, als sie vor einem Jahr in der Notunterkunft Oktaviostraße ankamen.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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