Flüchtlingsheim am Grenzweg Tränen nach dem Umzug

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Nach 14 Monaten in Erstaufnahmeeinrichtungen zieht die Flüchtlingsfamilie Rashid in eine Folgeunterkunft. Ein lange ersehnter Schritt - doch es folgt Ernüchterung.

Heute soll ein großer Tag werden für die Familie Rashid: Sie verlassen die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt und ziehen in eine Folgeunterkunft. Am Vortag haben sie die Adresse bekommen, Walddörferstraße im Stadtteil Wandsbek. Ihr neues Zuhause liegt nun mitten in einem lebendigen Viertel. Ashna Rashid ist sofort hingefahren, um sich anzusehen, wo sie mit Mann und drei Kindern die nächsten Monate verbringen wird.

Sie hat ein Handyfoto gemacht von einem verklinkerten Haus mit Betonbalkonen. An einem Fenster fehlen Vorhänge. In dieses Haus werde sie einziehen, erzählt sie, zwei Zimmer, Bad und vor allem eine eigene Küche. Eine eigene Küche ist das, was sie seit ihrer Flucht sehr vermisst - wie die meisten Bewohner in Erstaufnahmen: endlich für die Familie wieder das gewohnte Essen kochen, ein Stück Heimat auf dem Teller. "Eine richtige Wohnung!", sagt ihr Sohn Mohammed und freut sich. Zwei Zimmer für fünf Menschen? Für ihn kein Problem: "Die Zimmer sind groß", sagt er. Im irakischen Sulaimaniyya hatte er ein eigenes Zimmer. Aber das ist Geschichte.

Der Abschied

Als das Großraumtaxi aufs Gelände der EA Rahlstedt fährt, um die Rashids und ihren See aus blauen Müllsäcken und Koffern mit Kleidung, Stofftieren, Erinnerungsstücken abzuholen, strömen alle herbei: die neu gewonnenen Freunde aus Kurdistan, dem Irak und Iran, die Malteser-Mitarbeiter, die die Unterkunft managen, Männer vom Sicherheitsdienst, Erwachsene, Kinder. Umarmungen, gute Wünsche für die Zukunft, Schulterklopfen. Auch wenn es nur zehn Kilometer sind, so ist es doch ein großer Schritt: von der Erstaufnahme mit Infopoint und Vollversorgung mit Mahlzeiten hin zur Folgeunterkunft, in der von den Bewohnern deutlich mehr Selbstständigkeit verlangt wird.

14 Monate haben die Rashids in Erstaufnahmen verbracht, zehn in einer Turnhalle, vier im Rahlstedter Containerdorf. Sie sind sogenannte Überresidente, denn eigentlich sollten Flüchtlinge nur 6 Monate in einer Erstaufnahme leben - egal ob sie als Flüchtlinge anerkannt wurden oder ob ihr Asylantrag abgelehnt wurde, wie bei den Rashids. In Hamburg gibt es derzeit 6046 Überresidente, für sie baut die Stadt Folgeunterkünfte, die meisten aus aufgestapelten Containern. 24.400 Plätze gibt es, weitere 10.000 sollen bis Jahresende hinzukommen - in 117 Folgeunterkünften. Parallel dazu sollen die Kapazitäten der Erstaufnahmen heruntergefahren werden, von heute 13.000 auf dann 5000. Mehr wird nicht gebraucht, solange weiterhin durchschnittlich nur noch 400 Flüchtlinge pro Monat nach Hamburg kommen.

Das Gepäck der Rashids passt nicht ins Taxi, ein paar Koffer, Säcke und die Fahrräder von Mohammed und Divan stehen noch auf dem geteerten Weg. Der Taxifahrer telefoniert mit Fördern&Wohnen, die im Auftrag der Stadt die meisten Flüchtlingsunterkünfte betreiben: Werden die Taxikosten auch für die zweite Fuhre übernommen? Sie werden.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

15 Minuten später parkt der Wagen vor einem mächtigen alten Haus aus rotem Backstein. Rechts und links vom Gebäude sind graue Container zu Wohntrakten aufgestapelt, dahinter ein Gebäude, das vor einem halben Jahrhundert mal neu war. "Schule am Eichtalpark" steht über dem Eingang. Das Wohnhaus, das Ashna Rashid am Vortag fotografiert hat, steht genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie lacht über sich selbst.

Björn Mommsen vom Technischen Dienst der Unterkunft, ein großer, freundlicher Mann mit dichtem Bart, erwartet die Familie schon. Er hat die Schlüssel dabei, mit roten Anhängern, die Schlüssel für die nächste Phase im Leben der kurdischen Flüchtlingsfamilie. Das Schulgebäude ist renoviert, die Wände sind weiß gestrichen, und auf dem Fußboden im Hochparterre kniet der Architekt und nimmt mit seinem Lasergerät noch ein paar Messungen vor. Während Familienvater Awat Rashid draußen darauf wartet, dass das Taxi den Rest des Gepäcks liefert, folgen die Mutter Ashna und die drei Kinder Björn Mommsen die Treppe hoch.

Treppe, Absatz, Treppe, Flur, Treppe, Absatz, Treppe, Flur. Da oben? Für Ashna Rashid sind es viel zu viele Stufen, ihre Füße schmerzen mit jedem Schritt mehr. Noch durch eine Glastür, dann stehen sie vor ihrer künftigen Wohnung. Mommsen schließt auf, und die Rashids gehen hinein.

Fotostrecke

9  Bilder
Flüchtlingsheim am Grenzweg: Die Rashids ziehen aus

Ein kleiner Flur, davon gehen zwei große Zimmer ab, links gibt es noch ein kleines Duschbad mit Toilette. Die Einrichtung: fünf weiße Stahlbetten, zwei Tische, fünf Stühle, fünf aufgereihte graue Stahl-Spindschränke. Und drei Kühlschränke, denn je zwei Personen haben das Recht auf einen Kühlschrank. Mommsen bietet an, ein Gerät wegzunehmen, wenn es nicht gebraucht werde. Vorhänge werde es auch noch geben. Ein Stück weiter den Etagenflur entlang liegt die Gemeinschaftsküche, was bedeutet, dass jede Familie eine eigene Arbeitsfläche hat plus Regalfläche und einen eigenen Herd mit Backofen.

Und dann laufen Ashna Rashid die Tränen, und Divan, ihre kleine Tochter, weint auch, immer lauter und lauter. "Es sieht aus wie im Krankenhaus", schluchzt Divan, und ihre Mutter ist zutiefst enttäuscht, dass sie doch keine eigene Küche hat. Die Folgeunterkunft ist völlig anders als das, was sie erwartet hat, nachdem sie das Haus auf der anderen Seite der Straße gesehen hatte. "Ich will zurück zu den Maltesern", sagt Ashna Rashid, sie rufen dort an, aber sie erfahren, dass das nicht möglich ist. Der Weg in die Folgeunterkunft ist eine Einbahnstraße. Ratlosigkeit. Tränen. Was nun?

Menschen vom Grenzweg
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.

Awat Rashid und Mohammed finden sich als Erste mit der Situation ab, schleppen das Gepäck hoch. Von Björn Mommsen bekommen sie ein Paket mit Kochutensilien, fünf Pakete mit Geschirr, für jedes Familienmitglied eins, und fünf mit hellblauem Stoff bezogene Schaumstoffmatratzen.

Es ist dunkel geworden draußen, von der Straße aus sieht man die weiß erleuchteten Zimmer und klein im Fenster die Silhouetten der Rashids, die Familienrat halten. Am nächsten Tag werden sie ihr neues Leben beginnen, und das bedeutet: Ummelden, Anträge ausfüllen, die Einrichtung kennenlernen. Sich abfinden und einleben.

Für Divan Rashid bedeutet der Umzug einen Fortschritt. Sie wird nicht mehr in der EA Rahlstedt zur Schule gehen, sondern in eine normale Grundschule. Oder vielleicht sogar in die RudolfSteinerSteiner Schule in Farmsen, in der Mohammed seit zwei Monaten unterrichtet wird. Die Lehrer dort beraten gerade darüber, ob die Achtjährige es in der zweiten Klasse schaffen könnte oder ob sie doch in die erste Klasse müsste, für die sie eigentlich zu alt ist.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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