Flüchtlingsheim am Grenzweg Murad darf bleiben

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Murad floh vor dem IS, nun wird er als Flüchtling in Deutschland anerkannt. Eine frohe Botschaft für ihn, zugleich der Beginn neuer Herausforderungen.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Es ist ein einfacher brauner Din-A4-Umschlag, den Murad in der Hand hält, als er um 10 Uhr den Infopoint der Erstaufnahme Rahlstedt betritt. Aber Murad strahlt, während er den Brief herauszieht. "B E S C H E I D" steht oben auf der Seite, eine Entscheidung ist gefallen in seinem Asylverfahren: "Die Flüchtlingseigenschaft wird zuerkannt."

"Das ist das Beste, was man bekommen kann", sagt Jacques Zeljko Blagojevic, Leiter des Sozialmanagements der von den Maltesern geführten Hamburger Flüchtlingsunterkunft. Als Flüchtling anerkannt zu sein, ist praktisch dasselbe, wie Asyl zu erhalten: Murad, der Jeside ist und im Irak gerade noch dem mordenden IS entkam, darf in Deutschland bleiben. Auf dem Papier für drei Jahre, in der Realität für immer: Bis es im Irak einen stabilen Frieden und eine religionstolerante Gesellschaft gibt, in der er als Jeside sicher ist, können noch viele Jahre vergehen. Zeit genug für Murad, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Die Anerkennung ist natürlich viel besser, als nur geduldet zu werden und jedes Jahr, alle drei Monate oder sogar alle paar Wochen eine neue Duldung beantragen zu müssen.

Doch die glückliche Botschaft bedeutet erst mal viel Papierkram. Der Malteser-Mitarbeiter Hassen Mansouri erklärt Murad, was nun zu tun ist: Er muss zum Sozialamt und dort einen Einstellungsbescheid holen, der bestätigt, dass er mit seinem neuen Status als anerkannter Flüchtling kein Geld, keine Vergünstigung für die Nahverkehrs-Monatskarte mehr bekommt. Den Einstellungsbescheid muss er zum Jobcenter bringen, das ab jetzt für ihn zuständig ist, um Arbeitslosengeld und erneut eine Vergünstigung für die Monatskarte zu beantragen.

Mauritz von Graefe
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Mauritz von Graefe

Außerdem kann Murad sich nun bei einer Krankenkasse seiner Wahl versichern lassen. Zuvor war er, wie alle Flüchtlinge hier, bei der AOK Bremervörde angemeldet. Der Malteser-Mitarbeiter Mauritz von Graefe, der auch am Infopoint arbeitet, greift zum Telefon und vereinbart für ihn einen Termin bei der Techniker Krankenkasse. Unter Flüchtlingen hat sich die Meinung verbreitet, dies sei die beste Krankenversicherung.

In eine eigene Wohnung kann Murad jetzt auch ziehen, theoretisch jedenfalls. Denn Wohnungen sind knapp in Hamburg. Auf die Warteliste der SAGA GWG, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, setzt Graefe längst keine Hoffnung mehr. "Das wird nie was", sagt er frustriert. Stattdessen sucht er im Internet, und auf der Website einer Baugenossenschaft wird Graefe fündig: eine 3-Zimmer-Wohnung für weniger als 700 Euro warm. Wenn zwei Flüchtlinge sich die Miete teilen, könnte das gehen.

Graefe ruft bei der Baugenossenschaft an, das Telefonat ist sehr kurz: "Wir vergeben Wohnungen nur an Mitglieder", lautet die Antwort. Aha. Also, mit anderen Worten, nie an Flüchtlinge? Graefe ruft noch mal an. "Wir akzeptieren keine WGs", gibt es dieses Mal als Antwort.

Graefe überlegt, dann ruft er beim Jobcenter an: Würden die eine 700-Euro-Miete akzeptieren, wenn zwei Flüchtlinge sich diese teilen? Ja, wir unterstützen WGs, erfährt er. Morgen wird er wieder bei der Baugenossenschaft anrufen. Es könnte ja vielleicht noch einen Glückstag für Murad geben.

Sven Röckendorf
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Sven Röckendorf

Einen Tisch weiter am Infopoint sitzt Sven Röckendorf. Er erzählt, wie er mal fünf Telefonate mit verschiedenen Behördenvertretern führen musste, bis endlich die überquellende Mülltonne geleert wurde.

Heute vor genau einem Jahr hat Röckendorf bei den Maltesern angefangen, in der Notunterkunft Rugenbarg, einer Turnhalle, und seit sechs Wochen arbeitet er am Infopoint hier im neu eröffneten Containerdorf. Murad kennt er schon lange, und so freut er sich mit ihm über die Anerkennung als Flüchtling. "Man baut ja Bindungen auf zu den Bewohnern", sagt Röckendorf. An seinem Jubiläumstag hat er noch etwas zu feiern: Endlich läuft das neue System, mit dem sich alle am Eingang der Unterkunft ein- und auschecken. Die Mitarbeiter kommen in kleinen Gruppen zum Infopoint, um sich fotografieren zu lassen.

Es ist nicht nur deshalb ganz schön was los an diesem Morgen. Am Vorabend sind zwei junge Nordafrikaner in der Erstaufnahme angekommen. Jetzt beantragen die Mitarbeiter für sie ein Taschengeld beim Sozialamt, besorgen Klamotten aus der Kleiderkammer. Die beiden hatten sich bereits in Italien registriert - und das bedeutet: Dorthin werden sie früher oder später auch wieder abgeschoben. Der Sozialmanager Blagojevic berichtet, am Vortag sei ein Albaner zurück in die Niederlande gebracht worden. Beamte hätten ihn in einem VW-Bus abgeholt.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Murad darf bleiben

Die Tür des Infopoints geht auf, ein älterer Herr kommt herein, er stellt sich vor: Axel Kneib aus Tonndorf. Auf den Tresen stellt er ein Reise-Babybett plus Matratze, er hat auch eine handgemalte Aufbau-Anleitung mitgebracht, die er Blagojevic erklärt. "Ich habe auf SPIEGEL ONLINE gelesen, dass hier Kinderwagen fehlen", sagt Kneib, "da dachte ich, vielleicht brauchen die auch ein Kinderbett."

Blagojevic bedankt sich, es gibt einige Schwangere in der Unterkunft, da kann man das Bett gut gebrauchen. Kneib verabschiedet sich.

Eine Etage über dem Infopoint liegt das Büro von Olav Stolze, dem Leiter der Erstaufnahme. Er hat an diesem Tag einen Kinderwagen mitgebracht, den seine Frau Bekannten abgequatscht hat, und freut sich über diesen kleinen Erfolg. Es sei ein wenig ruhiger geworden, nach anderthalb Monaten in Rahlstedt kehre nun Alltag ein, und er könne sich um die Urlaubsplanung fürs nächste Jahr kümmern. Naja, die Duschen funktionieren weiterhin nicht richtig, und die Behörde prüft immer noch das Angebot für den WLAN-Anschluss. Aber auch das ist inzwischen Alltag geworden.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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