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17. Dezember 2016, 09:14 Uhr

Flüchtlingsheim am Grenzweg

Wie geht Weihnachten?

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Wie startet man einen interreligiösen Dialog? Zum Beispiel, indem man mit Flüchtlingen über Weihnachten spricht. In der Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt hat der Dialog jedoch auch Grenzen.

Direkt an der Spitalerstraße, der Fußgängerzone in der Hamburger Innenstadt, liegt die Berlitz School. Hier, im fünften Stock, sitzt an diesem Morgen Safouh Hussain, 19, im Raum "Köln", gemeinsam mit einem anderen Flüchtling aus Syrien, einem Libyer, der schon seit sechs Jahren in Deutschland lebt, zwei Iranerinnen, einer Afghanin und einer Polin, die vor 13 Jahren nach Deutschland gekommen ist.

"Ich möchte in Deutschland studieren", sagt Safouh. "Deshalb möchte ich DSH erreichen." Der Berlitz-Lehrer Borwin Richter nickt anerkennend und sagt: "Das klingt ehrgeizig." DSH heißt "Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang", sie ist Bedingung für die Zulassung zur Universität.

Vor drei Tagen ist Safouh aus Beirut nach Deutschland zurückgekehrt. Vor einem Jahr kam er zu Fuß, dieses Mal aber, als anerkannter Flüchtling, mit dem Flugzeug. Safouh hatte seine Familie in Beirut besucht, mit der er 2012 aus Damaskus in den Libanon geflüchtet war und die er ein Jahr lang nicht gesehen hatte. Die Zeit mit Familie und Freunden war schön für ihn und deprimierend zugleich: "Mein Vater wird dort ausgebeutet", sagt er, man hört die Wut in seiner Stimme. Die schätzungsweise zwei Millionen Syrer, die im Libanon leben, seien dort Menschen zweiter Klasse.

Medizintechnik studieren, erfolgreich im Beruf sein und finanziell so stark, dass er seine Familie nach Deutschland holen kann - das ist Safouhs Langzeitziel.

Der Kurs an der Berlitz School, der an diesem Morgen beginnt, ist die Vorbereitung auf den DSH-Kurs, der im April beginnt. Safouh spricht schon gut Deutsch, wenn auch mit Grammatik-Fehlern. Er hat sich die Sprache selbst beigebracht, mit Hilfe von kostenlosen Angeboten im Internet. Jetzt, da er als Flüchtling anerkannt ist, bezahlt das Job-Center ihm einen Sprachkurs - wie auch den anderen Teilnehmern des Kurses.

Thema der ersten Unterrichtsstunde sind Modalverben und der Konjunktiv II. Die Teilnehmer formulieren mit diesen Verben ihre Wünsche. Safouh sagt: "Wenn ich auf Englisch studieren dürfte, könnte ich direkt in die Uni gehen."

Anschließend geht es um das Thema Begrüßung. "Zur Begrüßung ist es üblich, die Hand zu geben. Wenn man jemanden gut kennt, ist auch eine Umarmung möglich", steht in dem Text, den der Lehrer ausgeteilt hat. "In der jüngeren Generation ist es modern geworden, Begrüßungsküsse zu geben. Das ist aber nur im Privatleben möglich."

Und wie ist das in den Ländern der Kursteilnehmer? Wer darf da wen küssen und umarmen? Die Iranerinnen sagen, sie würden Frauen zur Begrüßung umarmen und küssen, der Libyer sagt, in seiner Kultur könne man einen Freund küssen, aber einer fremden Frau nicht mal die Hand geben. Und der deutsche Lehrer sagt, er würde eine Frau zur Begrüßung küssen, aber niemals einen Mann.

Später, in der Mittagspause, erzählt Safouh, dass er glücklich sei, im nächsten Herbst sein Studium anfangen zu können, nach zwei Jahren in Deutschland. Er ist sich sicher, dass er die Sprachprüfung besteht. Bis Ende März wird er jeden Tag von 8.45 Uhr bis 16 Uhr in der Berlitz School sein, danach fährt er eine Stunde lang zurück in die Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt, wo er untergebracht ist. Dann geht er ins Fitnesscenter, Abendessen, schlafen. Nur am zweiten Weihnachtstag ist die Berlitz School geschlossen; die Stunden werden samstags nachgeholt.

Um Weihnachten geht es auch beim Deutschunterricht in der EA Rahlstedt. Der Malteser-Mitarbeiter und Diakon Jörg Kleinewiese ist in die Klasse gekommen, um gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Deutschlehrer Ghassem Kahed den muslimischen Flüchtlingen eine Einführung in Geschichte, Bedeutung und Praxis des Fests zu geben.

"Was wissen Sie über Weihnachten?", fragt Kleinewiese die Flüchtlinge. Die schönen, bunten Lichter sind allen aufgefallen, und dass in dieser Zeit die Familien zusammenkommen, wissen auch alle. "Jesus ist an Weihnachten in den Himmel aufgefahren", sagt ein Palästinenser auf Arabisch, ein Malteser-Mitarbeiter übersetzt auf Deutsch, und Kahed übersetzt wiederum auf Farsi.

"Christentum, Islam und Judentum haben historisch viel gemeinsam", sagt Kleinewiese, der erst kürzlich für die Malteser-Mitarbeiter eine Islamschulung organisiert hat. Er erzählt von Maria, einige Teilnehmer nicken und sagen: "Mariam", so heißt sie im Koran. Trotz solcher Gemeinsamkeiten in Bibel und Koran gibt es viel Stirnrunzeln, zum Beispiel darüber, dass Gottes Sohn Jesus kein Geist gewesen sei, wie einer der Flüchtlinge glaubt, sondern ein Mensch. Hochinteressant findet ein Palästinenser die Frage, warum die Christen ihren Weihnachtsbaum mit einem Davidstern schmücken, der Symbol des Judentums ist.

Eine Iranerin in dem Kurs kennt sich in Bibelfragen bestens aus, wie sich herausstellt, sie weiß sogar, dass zwischen Ostern und Pfingsten vierzig Tage liegen. "Sind Sie Christin?", fragt Regina Seinwill, die auch Deutsch in der EA Rahlstedt lehrt. "Darüber möchten wir hier nicht sprechen", unterbricht Kleinewiese sie schnell, aber die Iranerin hat schon genickt.

Ein paar Tage zuvor hat es eine Prügelei in der EA Rahlstedt gegeben zwischen einem konvertierten Christen und einem muslimischen Bewohner. "Die Polizei ermittelt jetzt gegen beide", sagt Olav Stolze, der Leiter der von den Maltesern geführten Unterkunft. Er hat mit anderen Ärgernissen genug um die Ohren: Nach zwei Monaten werden die dysfunktionalen Duschköpfe endlich ausgetauscht; ob alle Duschen dann endlich freigegeben werden können, ist noch nicht klar. Und der Vertrag fürs WLAN ist unterschrieben, aber das Bezirksamt muss noch zustimmen, dass zwei Meter Straße aufgebuddelt werden dürfen für den Anschluss.

Ein kleines Weihnachtsfest wird es trotzdem in der EA Rahlstedt geben, am 21. Dezember, mit Geschenken für die Kinder, mit Kekse backen, Tee und Kaffee. Eher weltlich, aber dennoch feierlich. An Heiligabend werden nicht alle Bewohner in der Unterkunft sein: Nach der Weihnachts-Erklärstunde hat ein Flüchtling Kleinewiese einen Zettel zugesteckt - in welcher Kirche könne er an einer Christmette teilnehmen?

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