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23. Januar 2015, 19:48 Uhr

Baustopp für Flüchtlingsheim

Ohne Augenmaß ins Villenviertel

Ein Kommentar von Bruno Schrep

Die Einrichtung eines Flüchtlingsheims in einem wohlhabenden Stadtteil Hamburgs ist vorerst an einem Gerichtsurteil gescheitert. Das kann man beklagen - für die Förderer des Heims sollte es aber auch Anlass zur Selbstkritik sein.

Der Versuch, in Hamburg ein Asylbewerberheim mitten in eine Villengegend zu pflanzen, ist zunächst einmal gescheitert. Das Verwaltungsgericht der Hansestadt hat den Umbau des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes im Stadtteil Harvestehude vorläufig gestoppt, einer Klage von drei Anwohnern stattgegeben. Die Flüchtlingsunterkunft in diesem "besonders geschützten Wohngebiet" sei "nicht genehmigungsfähig".

Jetzt sind die Initiatoren des Plans erst einmal fassungslos, damit hatten sie nicht gerechnet. Es ließ sich ja auch so gut an: Da war ein leerstehendes Haus, da war dieses Millionärsviertel, und da waren die vielen Flüchtlinge, die es in Hamburg unterzubringen gilt. Und dann war da diese allgemeine Stimmung in der Stadt, doch auch mal diese feinen Herrschaften an der Alster mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, schon aus Gründen der Gerechtigkeit.

Die paar Anlieger, die längst nicht so massiv protestierten wie anderswo, mit denen würde man schon fertig. Dachten jedenfalls die sozialdemokratischen Politiker, die den Plan geschmiedet hatten: Olaf Scholz, der Regierende Hamburger Bürgermeister, Torsten Sevecke, der zuständige Bezirksamtsleiter. Sollten die Leute doch klagen, das würde sowieso abgeschmettert.

Und nun diese Bauchlandung.

Kein Grund zum Frohlocken für die siegreichen Anwohner, das Oberverwaltungsgericht kann im Beschwerdeverfahren genau umgekehrt entscheiden. Kein Grund aber auch zur Richterschelte für die Verlierer. Sondern womöglich Anlass zur Selbstkritik. Denn das ehrgeizige Experiment war in vielerlei Hinsicht ausgesprochen ehrgeizig dimensioniert: sehr groß, sehr schnell, sehr teuer.

Vielleicht hätte man behutsamer vorgehen müssen, insbesondere bei der ursprünglich geplanten Zahl der Flüchtlinge: 220 Asylbewerber in einem Karree, in dem nur 180 Bewohner leben, das ist sehr, sehr viel. Zu viel, wie jetzt das Verwaltungsgericht befand. Denn, begründeten die Richter ihre Entscheidung: "Die Größe einer solchen Einrichtung ist so gering zu bemessen, dass von ihr gebietsuntypische Störungen nicht zu erwarten sind."

Andererseits wirft gerade diese Formulierung kritische Fragen auf, jenseits von Baurecht und Gebietsverordnungen: Was ist eine gebietsuntypische Störung? Der Lärm spielender Kinder? Laute Musik? Fremd klingendes Stimmengewirr?

Die Diskussion darüber, welche "Störungen" welcher Klientel zuzumuten sind, ist noch längst nicht vorbei. Klar ist nur: Der vorläufige Baustopp bedeutet nicht das Ende der Notwendigkeit, Asylbewerber auch in wohlhabenden Stadtteilen unterzubringen. Die Lasten können nicht nur die Bewohner von Randgebieten und sozialen Brennpunkten tragen.

Das gilt nicht nur für Hamburg, sondern für alle Städte, die das Flüchtlingsproblem bislang so weit wie möglich von ihren Zentren fernhielten. Wenn immer mehr Menschen vor den Kriegswirren ihrer Heimatländer nach Deutschland fliehen, ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig.

Notwendig ist aber auch Augenmaß. Konzentration auf möglichst kleinere Einheiten, Werben um das Verständnis der Anwohner von Anfang an, Rücksicht auf die Besonderheiten der jeweiligen Hilfesuchenden, keine Zusammenballung von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Religionen.

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