Flüchtlingsheim am Grenzweg Mohammed kommt auf die Waldorfschule

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Für Flüchtlinge ist es oft schwer, einen Platz auf einer Regelschule zu bekommen. Mohammed, 14, wartete lange darauf, in eine Klasse aufgenommen zu werden. Dann nahm sich eine Ehrenamtliche der Sache an.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Mohammed Rashid möchte zur Schule gehen. Eigentlich ist er ja schon in der Schule, in der Hamburger Erstaufnahme Rahlstedt, wo er mit anderen Flüchtlingskindern unterrichtet wird. Aber genau das ist für ihn das Problem: "Immer wieder machen wir a,b,c", sagt er, denn der Wissenstand der Schüler ist sehr unterschiedlich. Der Unterricht bringe ihn nicht weiter. Oder jedenfalls nicht schnell genug.

Seit einem Jahr ist Mohammed in Hamburg. Monatelang war er mit seiner Familie in einer Turnhalle untergebracht, im Oktober zog er ins neu eröffnete Containerdorf in Rahlstedt, seit November geht er in der Einrichtung zur Schule. Der Aufenthaltsbescheid für die Familie ist noch nicht da, obwohl die zweite und finale Anhörung im Asylverfahren am 22. August stattgefunden hat. Ohne den Bescheid keine Wohnung, keine Regelschule. Aber Mohammed ist 14 Jahre alt und möchte, dass endlich das richtige Leben für ihn beginnt.

Dass der Unterricht in den Erstaufnahmen nicht die optimale Lösung ist, hat auch der Hamburger Schulsenator Ties Rabe erkannt: "Auf Dauer lernen die Kinder in den Vorbereitungsklassen an den Regelschulen mehr und besser als im Unterricht in den Erstaufnahmeeinrichtungen", sagte er Anfang November, "zudem lernen sie an den Regelschulen gleich ihre künftigen Klassenkameraden aus Hamburg kennen." Deshalb würden die Unterrichtsangebote, verkündete die Schulbehörde, "jetzt schrittweise in die allgemeinen Schulen der Umgebung" verlagert werden.

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Mohammed kommt auf die Waldorfschule

Für Mohammed ist ein Wechsel in eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) an einer Regelschule nicht in Sicht. Und überhaupt möchte er nicht ein Jahr lang eine Vorbereitungsklasse besuchen. Deshalb hat er Susanne Behem-Loeffler gefragt, die als Ehrenamtskoordinatorin in der von den Maltesern geführten EA Rahlstedt arbeitet, ob es nicht eine Möglichkeit für ihn gebe, in eine ganz normale Klasse einzusteigen. Ihr fiel die Rudolf Steiner Schule in Farmsen ein, die so halbwegs in der Nähe der EA Rahlstedt liegt.

"Er ist ein gescheiter Junge, und ich dachte, das soziale Konzept der Schule könnte für ihn passen", sagt Behem-Loeffler. "Unsere Klassen sind große soziale Gemeinschaften, die viele verschiedene Typen vertragen", so beschreibt es Matthias Farr, Geschäftsführer der Farmsener Rudolf Steiner Schule.

Zufällig machte eine Schülerin genau dieser Rudolf Steiner Schule ein Praktikum in der Lerngruppe von Mohammeds kleiner Schwester Divan, und sie nahm Mohammed im November mit zum Tag der Offenen Tür an ihrer Schule. Es ist ein großes Backsteingebäude, dessen Dach an eine zerklüftete Felsformation erinnert, dahinter ein langer Anbau. Innen hat es eine große Freitreppe mit Holzgeländer, außerdem eine eindrucksvolle Aula mit ansteigenden Stuhlreihen für die Theateraufführungen - Theater ist ein zentraler Teil des Konzepts der Rudolf Steiner Schulen, ebenso wie der Verzicht auf Schulbücher.

Mohammed gefiel die Schule. Aber er würde hier nur unter zwei Bedingungen angenommen werden: Es müsste einen freien Platz in einer Klasse geben und niemanden auf der Warteliste. Und er müsste in die Klasse passen.

Dann ist es so weit: Behem-Loeffler hat einen Vorstellungstermin für Mohammed in der Rudolf Steiner Schule vereinbart, seine Mutter Ashna begleitet ihn dorthin. Sie sitzt mit am Tisch, als Sonja Zimowski und Christian in't Veld, Klassenlehrer der siebten Klasse, sich mit Mohammed unterhält. Sie versteht kaum Deutsch, aber sie freut sich sichtbar über diese Chance für ihren Sohn. In't Veld fragt Mohammed: Ob er gerne Fußball spiele? Ja! Ob er ein Musikinstrument beherrsche? Nein.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

In't Veld entdeckt auch fundamentale Wissenslücken, was zeigt, wie unzureichend die Schulbildung im kurdischen Irak war, wo Mohammed aufgewachsen ist: Er beherrscht das Einmaleins nicht. "Das muss er können", sagt in't Veld und überlegt mit Zimowski, welche Förderstunden man am Nachmittag für Mohammed einrichten könne. Er erklärt Mohammed außerdem: Zum Konzept der Rudolf Steiner Schule gehöre, dass Kinder auf Videospiele verzichteten und überhaupt den Medienkonsum einschränkten, und dies solle er bitte seiner Mutter übersetzen. Mohammed grinst, und seine Mutter Ashna anschließend auch. Dieses Thema wird ganz offensichtlich international in den Familien zwischen Kindern und Eltern kontrovers diskutiert.

Dann gehen Zimowski und in't Veld mit Mohammed in seinen zukünftigen Klassenraum. Er ist leer, die Schüler sind beim Mittagessen. An der Wand hängt der Stundenplan. "Ich denke, wir streichen erst einmal Französisch", sagt Zimowski, "in den Stunden kann er Eurythmie machen." Das wird definitiv ein völlig neues Fach für Mohammed sein.

Am nächsten Tag sitzen die Lehrer zusammen. Sie entscheiden: Mohammed wird in die Rudolf Steiner Schule aufgenommen. Am Montag wird sein erster Schultag sein.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
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