Flüchtlingsheim am Grenzweg Murads Traum

Pause während der Probe
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Pause während der Probe

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Murad erlebte im Irak Grausames, machte sich auf und schaffte es nach Deutschland. Der Weg in ein normales Leben aber ist noch weit. Und beginnt im Theater.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Eine aus flexiblen, schwarzen Podesten zusammengebaute Bühne, darauf ein langer Tisch, Stühle, ein Klavier. Frauen in langen Kleidern und Männer in derben Hosen löffeln eine fiktive Suppe und diskutieren darüber, ob der Theaterdirektor Flametti ihnen wohl die Gage auszahlen kann. Ein paar Meter vor der Bühne steht der Regisseur Gero Vierhuff, im grauen Kapuzenpulli, die Arme verschränkt, beobachtet, überlegt, fragt die Schauspieler. Fühlt sich das richtig so an? Wäre Hochdeutsch an dieser Stelle besser als Dialekt?

Und auf dem Klappstuhl vor der ersten Zuschauerreihe sitzt Murad, 22, der Hospitant. Auch er hat die Arme gekreuzt, beobachtet, überlegt. Seit rund fünf Wochen hospitiert er bei den Vorbereitungen für die Uraufführung des Stücks "Flametti" im Hamburger Lichthof-Theater. Er spricht kaum Deutsch, aber dafür ein wenig Englisch, und bis er selbst jemals als Schauspieler arbeiten oder Regie führen kann, wovon er träumt, ist es ein sehr, sehr, sehr weiter Weg.

Diese Hospitanz an dem kleinen Theater ist vielleicht nicht sein erster Schritt zum Ruhm, aber sein erster Schritt in das ganz normale Leben in Deutschland. Und Murad wäre glücklich, wenn er irgendwann ein ganz normales Leben führen könnte.

Regisseur Gero Vierhuff mit Murad
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Regisseur Gero Vierhuff mit Murad

Natürlich hatte er früher mal ein ganz normales Leben, in dem er regelmäßig zur Schule ging. Aber das war vor dem Syrienkrieg. Und was dann überhaupt noch an Normalität übrig geblieben war, endete am 3. August 2014. An diesem Tag nahm die Terrorgruppe "Islamischer Staat" die Städte Samar und Sindschar im Nordirak ein und brüstete sich auf ihren Internetseiten, sie habe zahlreiche kurdische Kämpfer getötet und neben den Städten auch zwölf Dörfer erobert. Es folgten Massenhinrichtungen und die Durchsetzung radikalislamischer Vorschriften.

In einem dieser Dörfer lebte Murad mit seinen Eltern und fünf jüngeren Geschwistern. Sie entschieden am Morgen des 3. August: Sie müssen sofort weg, zu Fuß ins Sindschar-Gebirge, ein Auto besaßen sie nicht. Sie sind Jesiden, also Angehörige einer kleinen Religionsgemeinschaft. Und was der IS mit Jesiden macht, das wussten sie: zum Übertritt zum Islam zwingen, und wer das verweigert, der wird ermordet und die Familie gleich mit. Ein Genozid an den Jesiden.

Elf Tage harrten Murad und seine Familie im Sindschar-Gebirge aus, er sah Kinder sterben. "Das werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen", sagt Murad, "ich hatte monatelang Alpträume." Schließlich befreiten kurdische Truppen die Jesiden und brachten sie mit Lastwagen durch Syrien zurück in den Irak in ein Lager im kurdischen Autonomiegebiet. Dort lebt seine Familie noch heute. Im Zelt.

Murad sah keine Zukunft für sich. Keine Schule, keine Ausbildung, keine Arbeit. Im Dezember 2015 kam er nach seiner Flucht über Mittelmeer und Balkan in Deutschland an und lebte fast ein Jahr lang in der von den Maltesern geleiteten Hamburger Notunterkunft im Rugenbarg. Im Oktober zog er nun mit 86 Flüchtlingen in die neu eröffnete Erstaufnahme (EA) Rahlstedt um.

Murad
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Murad

Die Malteser-Mitarbeiterinnen Mena und Nina wurden für ihn in diesen Monaten schon so etwas wie Familie. Zur Zeit sind beide im Urlaub, und Murad sagt: "Ich vermisse sie."

Natürlich ist die EA Rahlstedt mit ihren Wohncontainern komfortabler als die Turnhalle Rugenbarg. Aber in der EA Rahlstedt läuft derzeit auch nicht alles ideal: Die Behörde hat eine Aufnahmesperre verhängt. Denn der Spalt an den Duschtüren ist zu groß, und die Duschköpfe sind für diese Duschzellen nicht geeignet. Die Folge: Überschwemmungen.

Olav Stolze, Leiter der EA Rahlstedt, hat schon Gummilippen bestellt, neue Duschköpfe kommen auch demnächst. Wer will schon darauf warten, dass der niederländische Containerlieferant Jan Snel in die Pötte kommt? Auch wenn Jan Snel für die EA Rahlstedt und eine weitere Unterkunft in den nächsten drei Jahren insgesamt 31,5 Millionen Euro Miete erhält und funktionierende Duschen da eigentlich inbegriffen sein sollten.

Aber Murad regt sich über so etwas nicht auf, auch nicht darüber, dass er nun jeden Tag mehr als eine Stunde von Rahlstedt bis zum Theater in Bahrenfeld unterwegs ist und der Bus tagsüber stundenlang gar nicht verkehrt. An diesem Probentag ist er mit einem Zwillingskinderwagen gekommen. Doch er hat keine Babys mitgebracht, sondern viele Töpfe.

Er ist um vier Uhr morgens aufgestanden und hat für das Ensemble gekocht, lauter kurdische Spezialitäten: Lammeintopf mit Okra, gefüllte Zwiebeln, Tomaten-Lauchsalat, Reis, Kräuter. Den Schauspielern schmeckt es. Zum Dank fürs Mittagessen singen sie ein Lied aus der Produktion für ihn. Ein anrührender Moment, für alle am Tisch. "Murad hat nur wenig Geld", sagt der Regisseur Vierhuff, "aber wir durften ihm natürlich nichts für das Essen geben."

Verpflegung von Murad
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Verpflegung von Murad

Murad hat es der Malteser-Mitarbeiterin Susanne Behem-Loeffler zu verdanken, dass er bei "Flametti" hospitieren darf. Sie ist Ehrenamtskoordinatorin in der EA Rahlstedt. "Wir setzen uns dafür ein, dass die Bewohner die Unterkunft auch verlassen und wenn möglich am ,normalen' Alltag teilnehmen", sagt der EA-Rahlstedt-Leiter Stolze. "Nur so kann Integration funktionieren. Kultur und Sport sind hier wunderbare Brückenbauer."

Behem-Loeffler hatte Murad zuvor in ein Theaterprojekt für Flüchtlinge vermittelt, aber da hat es ihm nicht gefallen. Zu viele Atemübungen.

Zu "Flametti" kam er schließlich über eine Freundin von Behem-Loeffler, die in dem Stück mitspielt und den Regisseur fragte, ob Murad hospitieren könne. "Wir haben gedacht, wir können helfende Hände gebrauchen", sagt Vierhuff und ist sehr froh darüber, dass Murad nun Stühle, Podeste und sonstiges Mobiliar herumschleppt, manchmal auch nachts, wenn abends noch eine Vorstellung im Lichthof-Theater war. Vierhuff sagt, Murads Fluchtgeschichte habe ihn sehr bewegt. Murad sagt: "Die Deutschen sind für mich wie ein Traum. Jeder hilft, alle sind nett. In meinem Land sind höchstens zehn Prozent der Leute so hilfsbereit."

Am 4. November hat "Flametti"-Premiere. Damit ist die Hospitanz für Murad vorbei. Vielleicht kann er bei der nächsten Produktion im Lichthof-Theater helfen, Vierhuff will sich bei der Theaterleitung für ihn einsetzen. Und wenn nicht, dann geht Murad eben öfter ins Fitnessstudio, Sport ist ja auch Integration. Im Dezember beginnt endlich der Integrationskurs, auf den er schon so lange wartet - der nächste Schritt auf seinem Weg in ein ganz normales Leben in Deutschland.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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