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14. Januar 2017, 15:38 Uhr

Flüchtlingsheim am Grenzweg

Murad arbeitet an seinem Traum

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Murad floh vor dem IS nach Deutschland, er hat weder Schulabschluss noch Ausbildung. Dafür aber einen enormen Willen, seinen Traum zu verwirklichen.

Wie groß darf man träumen, wenn man ein Flüchtling ist? Wenn man aus einem Land kommt, in dem es kaum Bildung, kaum Arbeit gibt, aber dafür Krieg und Verfolgung? Wovon darf man dann träumen? Von Sicherheit für Leib und Leben, von einem kleinen gesicherten Einkommen in einem Job, für den man keine Qualifikation braucht? Oder von einem Schulabschluss, einer Lehre? Oder darf man von etwas ganz Großem träumen, das auch fast keiner von jenen erreicht, die in Sicherheit und mit Bildung und eigentlich allen Chancen aufwachsen?

Murad ist ein Jeside aus dem Irak, überstürzt geflüchtet vor den mordenden Truppen des IS. Er hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung. Er hat im Irak als Koch gearbeitet und nach seiner Flucht in die autonome irakische Region Kurdistan auf dem Bau, bis es dort keinen Job mehr gab für ihn. Dann bestand sein Tag oft darin, mit seinen Kumpel Filme zu schauen. Schließlich entschied er sich, nach Deutschland zu fliehen.

Vielleicht waren es diese Filme, die Murad zum Träumen gebracht haben: Könnte er nicht auch Schauspieler werden? Und obwohl er noch ziemlich holprig Deutsch spricht, da er seine Anerkennung als Flüchtling im November bekam und deshalb erst seit gut einem Monat einen Integrationskurs besucht?

Murads Plan

Murad sagt: "Bei uns Jesiden heißt es immer: Das ist unmöglich!" Er grinst. Nein, das ist nicht sein Motto, sondern umgekehrt: Alles ist möglich. Auch wenn es lange dauert, "zwanzig Jahre, dreißig Jahre", sagt Murad, "kein Problem". Mit einem Praktikum am Theater hat es schnell geklappt, das hat ihm Susanne Behem-Loeffler verschafft, Ehrenamtsmanagerin in der EA Rahlstedt.

Und dann hat Murad sich hingesetzt und ein kleines Drehbuch auf Arabisch geschrieben, ein Freund hat es für ihn ins Deutsche übersetzt. Sieben Szenen sind es, die man einzeln schauen soll oder hintereinander als Kurzfilm, vielleicht 15, 20 Minuten lang. "Für YouTube", sagt Murad, er möchte auf Deutsch drehen und arabische Untertitel hinzufügen.

Hauptpersonen: Murad, Jeside. Karan, Moslem. Mena, Christin. Die drei lernen sich kennen, gründen eine WG und helfen sich gegenseitig. Mena erklärt Murad beispielsweise, wie deutscher Alltag funktioniert, was eine EC-Karte ist. Karan kocht für Murad, als der sich den Arm verletzt hat.

Murad möchte nicht nur einfach einen Film machen und darin spielen, sein Film soll eine Botschaft haben. "Viele Flüchtlinge sagen, die Deutschen seien schlecht. Aber das stimmt nicht. Sie sind sehr nett und hilfsbereit. Das will ich zeigen."

Sein Projekt ist ein Dankeschön an die Deutschen. Und zugleich eine Art Test für seine These: Er kann seinen Film nur machen, wenn andere ihm helfen. Einer von diesen Deutschen, die Murad unterstützen, ist Kolja Hoock. Er arbeitet als Redaktionsleiter Community TV und Programmplanung bei Tide TV, "Hamburgs Communitysender und Ausbildungskanal". Bürgerfernsehen nannte man das mal.

Hoock empfängt Murad am Eingang des Senders, der in einem schönen alten Backsteinensemble seine Räume hat. Er hat für Murad eine HD-Kamera besorgt, sein Kollege Philipp Propp holt sie aus dem Techniklager. "Brauche ich ein Mikrofon?", fragt Murad. Hoock erklärt ihm, dass das Mikrofon integriert sei und für die Aufnahme von Dialogen aus kurzer Distanz ausreiche. Außerdem, merkt Hoock an, würde Murad sonst nicht nur einen Kameramann brauchen, sondern auch einen Tontechniker.

Murad nickt, überlegt, blickt sich um. "Und Licht?" Kurze Pause, so, als müsse Hoock sich erst mal sammeln. Dann zeigt er auf riesige Boxen und sagt: "Das ist professionelles Licht. Das geben wir auch nur Profis mit." Tageslicht sei stark, "das reicht vollkommen aus". Dann erklärt Philipp Propp die Kamera.

Ein paar Tage später sitzt Murad in einem Hamburger Café an einem Tisch, ihm gegenüber Dirk Fritsch, Autor und Regisseur. Fritsch hat auch eine pädagogische Mission: Seine Firma Lernort Film veranstaltet Seminare, in denen zum Beispiel Schullehrer erfahren, wie man Filme im Unterricht einsetzen kann.

Fritsch hat die Szenen gelesen, Murad hatte sie ihm gemailt, und nun lässt er sich das Projekt erläutern. Murad erklärt, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, sein Film solle erstens die Hilfsbereitschaft der Deutschen zeigen. Und zweitens, dass Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich miteinander leben können. "In meinem Land töten sie sich", sagt er. Fritsch sagt: "Das ist eine sehr gute Filmidee."

Dann geht er mit Murad das Skript durch und erklärt, dass ein Drehbuch nicht nur Dialoge enthalte, sondern auch Regieanweisungen. In einer Szene bedankt sich Mena bei Murad, dass er sie noch gerade zurückgerissen hat, als sie die Straße überqueren wollte und ein Auto kam. Fritsch packt quer über den Tisch Murads Arme, zieht sie ruckartig zu sich heran. "Action!", ruft Fritsch, "ein Film besteht vor allem aus Action. Bei dir ist da nur Dialog. Man muss sehen, was die Leute fühlen, und nicht hören." Murad nickt, ja, so habe er sich die Szene auch vorgestellt - in seinem Kopf. Das muss man also alles genau aufschreiben?

Anschließend macht Fritsch eine Skizze, in der er die verschiedenen Kamerapositionen festhält, eins, zwei, drei, vier. Murad schaut auf das Papier, lehnt sich zurück, seufzt, schüttelt den Kopf, fährt sich mit den Fingern durchs Haar. Und fragt Fritsch: "Kommen Sie mit und helfen Sie mir?" Fritsch antwortet: "Das könnte ich machen. Aber dann wäre es mein Film und nicht dein Film." Murad nickt und lächelt. Er hat verstanden.

Als Fritsch gegangen ist, schaut Murad auf dem Handy YouTube-Clips an: Wo steht die Kamera, was ist die Perspektive? Wie viele Einstellungen hat eine Dialogsequenz? "Ich brauche mehr Hilfe", sagt er, es klingt ernüchtert und entschlossen zugleich.

Dann muss er los, damit er es noch rechtzeitig zum Integrationskurs schafft. Denn ohne Deutsch keine Karriere, egal in welchem Job, egal für welchen Traum.

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