Flüchtlingsheim am Grenzweg Das Misstrauen der Nachbarn

Jörg Volenec
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Wo Flüchtlingsheime entstehen, gedeihen oft Ängste in der Nachbarschaft. In Hamburg-Rahlstedt zeigt sich, wie Behörden Misstrauen säen - und wie Vertrauen entstehen kann.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Ein Stahlzaun umgibt das Gelände der Gebäudereinigungsfirma Volenec, nicht mal mannshoch ist das Gitter, und darüber drei Reihen Stacheldraht. Nicht ungewöhnlich für ein Gewerbegebiet. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man Schweißnähte an den Pfosten: Der Zaun wurde um eben jene drei Reihen Stacheldraht aufgestockt.

Und damit ist dieser Zaun Symbol dafür, was hier im Gewerbegebiet Neuer Höltigbaum am Rande von Rahlstedt schief gegangen ist, wieso es Unbehagen, Misstrauen, Ängste gibt bei den Menschen, die hier arbeiten und auch wohnen, und keine Willkommenskultur. Denn Jörg Volenec hat sein Gelände zusätzlich absichern lassen, nachdem er erfahren hatte, wer seine neuen, unmittelbaren Nachbarn werden würden: Flüchtlinge, untergebracht in einem Containerdorf, der Erstaufnahme (EA) Rahlstedt.

Firmengelände von Volenec neben EA Rahlstedt
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Firmengelände von Volenec neben EA Rahlstedt

Vielleicht hätte Volenec den Stacheldraht nie montieren lassen, wenn er nicht den Eindruck gehabt hätte, übergangen worden zu sein von den Behörden, die beschlossen hatten, direkt neben ihm eine Flüchtlingsunterkunft zu bauen. Sie seien "verfrotzelt" worden, so nennt es später ein anderer Nachbar bei einer Informationsveranstaltung zur EA Rahlstedt.

Volenec wohnt auch mit seiner Familie auf dem Gelände seiner Firma. Im Oktober 2015, erzählt er, habe er "Bewegungen" auf der Brache beobachtet. Das Gelände wurde vermessen. "Da wurden wir neugierig und haben nachgefragt, was da passiert." "Dürfen wir nicht sagen", war die Antwort - effektiver kann man Misstrauen nicht säen. Und dann hat einer doch einen Hinweis gegeben: "Na, was wird wohl gerade überall gebaut?"

Eine Flüchtlingsunterkunft, das war Volenec sofort klar. Aber für wie viele Flüchtlinge? Für wie lange? Er fragte nach, bei der Polizei, beim Bürgermeister, beim Bezirksamt - niemand wusste von dem Projekt. Er fragte seinen Anwalt, wie er an Informationen kommen könne, und der empfahl ihm die Kanzlei Klemm und Partner - die hatte sich in Hamburg damit profiliert, gegen geplante Flüchtlingsunterkünfte zu klagen.

"Für dumm verkauft"

Offenbar war die Kanzlei berüchtigt genug: Anfang Dezember saßen fünf Menschen im Büro von Volenec, so erzählt es der Unternehmer. Die Besucher waren demnach vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF), der aber so neu war, dass sie nur Visitenkarten für ihre Jobs in jenen Behörden besaßen, die sie abkommandiert hatten.

960 Flüchtlinge würden kommen, erfuhren Volenec und ein paar Nachbarn, die auch zu dem Treffen gekommen waren. Und es sei unklar, wie lange die Erstaufnahme dort stehen werde. Wo würde der Eingang sein, wollte Volenec wissen. Direkt neben seiner Firma? Und damit auch direkt vor seinem Wohnhaus? "Ich hatte die Befürchtung, dass die Straße stark frequentiert wird und dass dies für uns zu Einschränkungen führt", sagt er. "Und: Je mehr Leute, desto mehr Probleme können auftreten." Kriminalität zum Beispiel? "Darüber denkt man nach."

Dass auch der Outdoor-Spezialist Globetrotter, dessen Gelände ebenfalls an das Grundstück der EA Rahlstedt grenzt, die Sicherheitsmaßnahmen erhöhte, verstärkte die Unsicherheit. Diese Maßnahmen, sagt Fabian Nendza von Globetrotter, hätten aber gar nichts mit der Unterkunft zu tun gehabt.

Im April 2016 war Volenec bei einer Informationsveranstaltung für die Rahlstedter Bürger, zu der auch viele Gewerbetreibende gekommen waren. Das Gefühl, nur schleppend informiert, "für dumm verkauft" zu werden, blieb. Und das lässt Raum für Spekulationen.

Blick in den Garten

"Es wirkt, als seien wir bewusst übergangen worden", sagt Volenec, "um keinen Widerstand zu erzeugen." Klar sei: Die EA Rahlstedt führe dazu, dass ringsherum der Wert der Grundstücke sinke. Und als die drei Stockwerke hohen Containerhäuser standen, stellte Volenec fest, dass sie ab Oktober die Solaranlagen auf seinem Dach verschatten: noch ein finanzieller Verlust.

Bei einer weiteren Infoveranstaltung im September fühlte Volenec sich immer noch nicht ausreichend informiert darüber, welche Flüchtlinge in die EA Rahlstedt einziehen würden. Seine Frau Svenja sagt: "Ich hatte überlegt, wie ich mich einbringen kann. Aber wenn da 560 alleinreisende Männer wohnen, dann kann ich mich da nicht einbringen." Ihren Sohn fährt sie jetzt immer mit dem Auto zur Schule. Dass in Ahrensburg Flüchtlinge wegen Terrorverdachts festgenommen wurden, hat sie weiter verunsichert.

Dass es ein Unbehagen gibt, wenn man auf einen Schlag Hunderte neuer Nachbarn bekommt, das versteht Olav Stolze, der Leiter der von den Maltesern geleiteten EA Rahlstedt. Sein Rezept gegen das Misstrauen: Vertrauen schaffen. Bei der Veranstaltung im September gab er Volenec ein Versprechen: Den obersten Stock des Gebäudes, das direkt an das Grundstück von Volenec grenze, werde er als Bettenlager nutzen, da ja nur 560 statt der ursprünglich geplanten 960 Flüchtlinge einziehen würden. Von dort aus kann man direkt in den Garten von Volenec sehen, einem kleinen Stück Grün mit Pool und Apfelbaum neben einem breiten gepflasterten Weg.

Unterkunftsleiter Olav Stolze
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Unterkunftsleiter Olav Stolze

Stolze verlegte nicht nur das Lager ins zweite Geschoss, sondern sorgte auch gleich am Tag des Einzugs der Flüchtlinge in die EA Rahlstedt dafür, dass das Wachpersonal nicht seine Rauchpause direkt am Zaun zu Volenec verbringt, dass Flüchtlinge sich nicht zu langen Telefonaten dorthin zurückziehen und die Angestellten von Volenec nerven, und dass auch die Türen nicht mehr geknallt werden, worüber Volenec sich beschwert hatte.

Und dann hat Stolze es auch übernommen, sich um den Grenzzaun zwischen Volenec und der Unterkunft zu kümmern. Bei der Info-Veranstaltung im September hatte die Architektin des ZKF zugesagt, als Sichtschutz Büsche neben den Zaun zu pflanzen. Weil es inzwischen zu kalt ist zum Pflanzen, wird es vor dem Frühjahr aber nichts damit werden. Stolze lässt nun in dieser Woche einen Sichtschutz in den Zaun zum Grundstück von Volenec einflechten. Es ist sowieso müßig, darauf zu warten, dass die versprochenen Büsche irgendwann gepflanzt werden - bis die so hoch sind wie der Zaun, ist die Anlage wieder geschlossen (was für 2019 vorgesehen ist).

"Transparenz, Offenheit", das sei seine Philosophie, sagt Stolze, und auch die der Malteser, "keiner soll Angst haben vor den Menschen, die hier einziehen." Deshalb hat er die Rahlstedter eine Woche nach der Eröffnung der Erstaufnahme zum Tag der offenen Tür eingeladen. Rund 150 Menschen kamen, darunter 25 Mitarbeiter von Globetrotter.

Er wolle die Anwohner davon überzeugen, dass es ein friedliches Miteinander geben könne, einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe. Aus diesem Grund verzichtet er auch auf so demütigende Maßnahmen wie Taschen- und Stubenkontrollen, die es in manchen Unterkünften gibt. "Übertriebene Skepsis signalisiert: Ich vertraue dir nicht, du willst etwas Böses", sagt Stolze. "Und was macht diese Haltung mit Menschen?" In der Notunterkunft Rugenbarg, die er zuvor geleitet hatte, erzählt er, habe es im ganzen Jahr keinen einzigen Polizeieinsatz gegeben.

Svenja Volenec
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Svenja Volenec

"Wenn von Anfang an jemand da gewesen wäre wie Herr Stolze", sagt Svenja Volenec, "dann wäre die Situation nicht so eskaliert." Zum Tag der offenen Tür ist sie aber nicht gegangen. "Weil ich die Leute nicht begaffen will wie im Zoo", sagt sie. Und für die neuen Nachbarn engagieren? "Nein, ich glaube, ich brauche noch etwas Zeit." Ihr Mann sagt: "Wenn es so weiter läuft, sind viele Bedenken ad acta gelegt." Die Nagelprobe kommt aber noch: "Wie verändert sich das Leben, wenn die Anlage gefüllt ist? Wie wird der Sommer, wenn alle mehr draußen sind?"

Und Olav Stolze? Er hofft, dass die Nachbarn nun wissen, dass "die EA Rahlstedt keine Black Box" ist, dass man bei Problemen einfach bei ihm anrufen kann. Und er hofft, dass die Gewerbetreibenden am Neuen Höltigbaum den Flüchtlingen aus der EA Rahlstedt Praktikumsplätze anbieten. Dass in der Unterkunft dringend eine Tischtennisplatte gebraucht wird, hat er beim Tag der Offenen Tür auch fallen lassen. Vielleicht hat es ja jemand gehört.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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