Flüchtlingsheim am Grenzweg Divans erster Schultag

Lehrerin und Divan Rashid
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Lehrerin und Divan Rashid

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Integration kann nur mit Sprachkenntnissen gelingen, aber wie sollen Kinder Deutsch lernen, die nicht in die Schule dürfen? Antwort: Indem die Schule zu den Kindern kommt.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Divan Rashid hat sich auf diesen Tag gefreut, ihren ersten Schultag in der Erstaufnahme (EA) Rahlstedt. Divan ist sieben Jahre alt und geht jetzt in die - ja, in welche Klasse geht sie eigentlich? Wäre sie in Deutschland geboren und nicht mit ihrer Familie aus dem irakischen Kurdistan hierher geflohen, dann wäre sie in der zweiten Klasse, würde jetzt schon halbwegs lesen können und im Hunderterraum rechnen.

So aber wird sie seit Februar in den Erstaufnahmen "beschult", gemeinsam mit den anderen schulpflichtigen Kindern. Anfangs in der Notunterkunft Rugenbarg, einer Turnhalle, nun im Schul-Container der EA Rahlstedt, in die sie mit ihrer Familie vor fünf Wochen gezogen ist.

Der erste Schultag beginnt um 10 Uhr mit einer kleinen Zeremonie in der Cafeteria II. Die Lehrer von der Grundschule Neurahlstedt und der Stadtteilschule Oldenfelde, die in der EA Rahlstedt unterrichten werden, haben sich aufgestellt vor den Stuhlreihen, in denen die Schüler sitzen und sehr wenige Eltern. Die Eltern seien beim Arzt, im Sozialamt oder einfach noch im Zimmer, sagen die Schüler. Divans Mutter Ashna arbeitet in der Wäscherei der EA Rahlstedt, für 82 Cent in der Stunde, Divans Bruder Mohammed, 14 Jahre alt, holt sie schnell.

Dann geht es los, die Kinder und Jugendlichen werden aufgerufen, bekommen kleine Schultüten, Teddys, Blumen und Namensschilder. Divan trägt ein "Frozen"-T-Shirt und strahlt. Jürgen Krause, Direktor der Grundschule Neurahlstedt, hält eine kleine Rede: "Denkt daran: Der Erwerb der deutschen Sprache ist Voraussetzung, um einen Beruf zu lernen und ein gutes Leben hier in Deutschland zu führen." Und: "Es ist ein Schatz, in frühen Jahren die Sprache lernen zu können."

Die frühen Jahre - das trifft auf Divan zu. Aber der Schatz, die Sprache erwerben zu können, ist in ihrem Fall noch verbuddelt. Wären ihre Eltern aus China oder Kanada gekommen und würden hier arbeiten, dann wäre Divan schon vor einem Jahr in eine ganz normale Grundschule gekommen, hätte deutsche Freunde und würde fließend Deutsch sprechen. Und sie würde die zweite Klasse besuchen. Aber Kinder, die in Erstaufnahmen oder Notunterkünften leben, dürfen das in Hamburg nicht, sie müssen in der Einrichtung unterrichtet werden - gemeinsam mit den anderen Kindern, die auch alle kein Deutsch sprechen.

Diese Vorbereitung auf die anschließende Internationale Vorbereitungsklasse war vor einem Jahr eine gute Idee, denn die kleinen Lerngruppen werden von Lehrern geführt, die eine Ausbildung für "Deutsch als Zweitsprache" haben. Aber konzipiert waren diese Lerngruppen damals für eine Zeit von maximal sechs Monaten - danach sollten die Familien einen Aufenthaltstitel haben, in einer eigenen Wohnung oder in einer Folgeunterkunft leben.

Doch die Realität sieht anders aus: Divans Familie gehört zu den sogenannten "Überresidenten", die schon viel zu lange in einer Erstaufnahme wohnen. Warum? Die Familie hat noch keinen Aufenthaltsbescheid, bezahlbare Wohnungen für eine fünfköpfige Familie sind in Hamburg sowieso nicht zu finden, und es gibt auch nicht genug Folgeunterkünfte.

Allerdings ist der Betreuungsschlüssel sehr günstig: In Divans Klasse sind derzeit nur vier Kinder - aus dem Irak, aus Iran, Syrien und Bosnien -, dafür aber drei Lehrerinnen, die seit den Sommerferien die Lernmaterialien besorgt und den Unterricht vorbereitet haben. Eine von ihnen fand den Job in der EA Rahlstedt so spannend, dass sie eigens dafür von Regensburg nach Hamburg gezogen ist.

Jürgen Krause, der als Schuldirektor der Grundschule Neurahlstedt für die Kinder in der Erstaufnahme zuständig ist, sagt, dass an einer Regelschule die Kapazitäten für eine gezielte Sprachförderung nicht ausreichten. Zwei Stunden pro Woche sind für Kinder mit Förderbedarf vorgesehen - "das ist zu wenig".

Jürgen Krause, Schulleiter der Grundschule Neurahlstedt
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Jürgen Krause, Schulleiter der Grundschule Neurahlstedt

Im Irak ging Divan nur eine Woche lang zur Schule, dann floh die Familie. Sie ließen eine schöne Wohnung in der kurdischen Millionenstadt Sulaimaniyya hinter sich, mit glänzenden Bettüberwürfen und flauschigen Teppichen, die Bilder davon hat Divans Mutter Ashna auf dem Handy gespeichert. Viele Fotos von Verwandten und Familienfeiern schiebt sie mit den Fingern auf dem Display hoch. Ein Bild aber fehlt, ein gemeinsames Bild ihrer Zwillingstöchter Dilan und Dekan. "Dann müsste ich weinen", sagt Ashna.

Familie Rashid ist nicht wie der kurdische Jeside Murad, der auch in der EA Rahlstedt lebt, vor den mordenden IS-Truppen geflüchtet. Der IS ist gar nicht bis Sulaimaniyya gekommen. Die Rashids sind geflohen vor einer menschenverachtenden Tradition, die sie heute nicht mehr verstehen.

Ihre Tochter Dilan hat sich 2015 selbst verbrannt. Sie war drei Monate zuvor im Alter von 15 Jahren mit ihrem Großcousin zwangsverheiratet und von ihm schwer misshandelt worden. Die Heirat war zwölf Jahre zuvor beschlossen worden, sie war Grundlage eines Versöhnungsdeals zur Beendigung einer Blutfehde im Familienclan, den der Großvater abgeschlossen hatte. Das ist immer noch Alltag in Kurdistan, genauso wie die Selbstverbrennungen von zwangsverheirateten Frauen.

Und was tat der Großvater nach Dilans Tod? Er forderte von seinem Sohn, dass er nun die zweite Zwillingstochter zur Ehe zwingen müsse. Und falls er das nicht tue, werde er Mohammed ermorden. Es war keine leere Drohung. "Wir wollten das Leben unserer anderen Kinder retten", sagt der Vater Awat Rashid, und er wischt mit den Händen über die Augen, Tränen will er nicht zeigen. Er schüttelt den Kopf, er ist aufgewühlt, verzweifelt, weil er sich seinem Vater nicht widersetzt hatte. Dann sagt er: "Wir sind in Deutschland neu geboren worden." Ashna sagt: "Wenn unsere Kinder erwachsen sind, sollen sie über ihr Leben selbst entscheiden."

Dekan besucht seit Kurzem eine Berufsschule in Hamburg-Eppendorf, sie will eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin machen. Mohammed ist in der EA Rahlstedt in einer kleinen Lerngruppe, die zur Stadtteilschule Oldenfelde gehört. Er würde gerne eine Regelschule besuchen, er ist intelligent, und er hat Pläne: Er möchte Zahnarzt werden.

Susanne Behem-Loeffler
Arnold Morascher

Susanne Behem-Loeffler

Susanne Behem-Loeffler, die Ehrenamtskoordinatorin der Malteser in der EA Rahlstedt, will versuchen, Mohammed möglichst schnell an der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Farmsen unterzubringen. Doch es ist noch nicht klar, ob es dort einen freien Platz gibt. Und selbst wenn: Wer hätte Vorrang? Der deutsche Schüler, der auf der Warteliste steht, oder das Flüchtlingskind, für das Bildung der beste Weg zur Integration ist?

"Integration beginnt beim Schulbrot", sagt Olav Stolze, der Leiter der EA Rahlstedt, und das ist nicht nur ein lustiger Spruch. Manche Familien schmieren in Deutschland zum ersten Mal Pausenbrote für ihre Kinder, hören zum ersten Mal, dass es eine Pflicht der Behörden gibt, für Schulunterricht zu sorgen, und eine Pflicht für Schüler, in die Schule zu gehen. "Die Eltern müssen verstehen", sagt Stolze, "dass sie Verantwortung tragen."

Als Leiter der EA Rahlstedt ist seine Verantwortung, morgens Brot, Wurst, Käse und Marmelade und ein Pack Milch für die Kinder bereit zu stellen und für saubere und geheizte Schulräume zu sorgen. Das ist eine erfreulichere Aufgabe als das Problem der Überschwemmungen in den Duschen, das immer noch nicht gelöst ist, weshalb die EA Rahlstedt derzeit nur 200 statt der geplanten 560 Bewohner beherbergen darf.

13 Uhr, Ende des ersten Schultags. Divan hat ihren Namen geschrieben, Bilder ausgemalt und neue deutsche Wörter gelernt, ein Namensschild über ihren Kleiderhaken im Flur geklebt. Sie schwingt sich den leuchtend orangefarbenen Ranzen auf den Rücken und geht mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Mohammed zum Mittagessen in die Cafeteria I. Es gibt Gulasch mit Nudeln - Integration hört auch beim Mittagessen nicht auf.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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6 Leserkommentare
defy_you 05.11.2016
evilynnigirlie 05.11.2016
peterbruells 05.11.2016
RRR79 05.11.2016
in-teressant! 05.11.2016
MKAchter 05.11.2016

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