Reaktion auf Flugzeugabsturz Fußballklub will Finalgegner den Titel schenken

Bei einem Flugzeugabsturz starben in Kolumbien mindestens 71 Menschen - darunter viele Fußballprofis des Klubs Chapecoense. Ihr Finalgegner im Südamerika-Cup will den betroffenen Verein nun zum Pokalsieger machen.

Trauernde Chapecoense-Fußballfans
DPA

Trauernde Chapecoense-Fußballfans


Ihr Traum vom Gewinn des wichtigsten Titels in der Vereinsgeschichte endete in einer Tragödie: Auf dem Weg zum Finale um den Südamerika-Cup ist fast die gesamte Fußballmannschaft des brasilianischen Erstligisten Chapecoense bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Der kolumbianische Finalgegner um den Südamerika-Cup, Atlético Nacional, will den Titel nun dem Klub überlassen.

"Atlético Nacional hat Conmebol vorgeschlagen, dass der Titel des Südamerika-Pokals an Chapecoense verliehen wird", teilte der Fußballklub mit Blick auf den südamerikanischen Fußballverband mit. Der Südamerika-Cup ist vergleichbar mit der Europa League. Am Mittwoch sollte das Finalhinspiel im kolumbianischen Medellín stattfinden. Im Landeanflug stürzte das Flugzeug mit Mannschaft, Betreuern und Journalisten ab. "Wir sind bei Chapecoense", schrieb Atlético Nacional. Der Finaleinzug war der bisher größte Erfolg in der Geschichte des brasilianischen Klubs, der 2009 noch in der vierten Liga spielte.

Hatte die Maschine zu wenig Sprit im Tank?

Kurz vor 22 Uhr hatten die Piloten technische Probleme gemeldet, Sekunden später verschwindet das Flugzeug vom Typ Avro RJ85 vom Radar. Suchtrupps machten sich sofort auf den Weg und wurden am Berg "El Gordo" ("Der Dicke") fündig, 38 Kilometer von Medellín entfernt. Das Flugzeug zerbrach in drei Teile. Die Gegend ist hügelig, Medellín liegt in einem Talkessel. Der Bürgermeister der nahe der Absturzstelle gelegenen Stadt La Ceja, Elkin Ospina, sagte, der Unglücksort in 3300 Meter Höhe sei nur sehr schwer zu erreichen. Schlechtes Wetter behinderte die Rettungsarbeiten.

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Flugzeugabsturz in Kolumbien: Trümmerfeld am Hang

Die Maschine könnte wegen Treibstoffmangels abgestürzt sein, vermutete Alfredo Bocanegra, Direktor der Luftfahrtbehörde. Die Piloten hätten wegen Problemen Landepriorität beantragt. Beim Absturz hatten nur noch zwei Hügel das Flugzeug vom Flughafen getrennt. Mindestens 71 Menschen sterben. Sechs Menschen konnten gerettet werden.

Der brasilianische Staatspräsident Michel Temer hatte wegen des Absturzes eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. "Ich möchte in dieser traurigen Stunde, die eine Tragödie für Dutzende Familien bedeutet, mein Mitgefühl aussprechen", sagte Temer einer Mitteilung des Präsidentenpalastes zufolge. Man werde alles tun, um den Hinterbliebenen zu helfen.

Derweil rückt das Charterflugzeug der bolivianischen Fluggesellschaft Lamia (Kennzeichen: CP2933) in den Fokus. In der südamerikanischen Fußballszene kommt es viel herum. Früher war die Firma in Venezuela stationiert, seit kurzem in Bolivien. Am 11. November nutzte auch Superstar Lionel Messi die Maschine. Nach der 0:3-Niederlage in der WM-Qualifikation gegen Brasilien flog die argentinische Nationalelf mit der nun verunglückten Maschine von Belo Horizonte nach Buenos Aires.

Der Flieger landete damals mit drei Stunden Verspätung in Buenos Aires, weshalb Nationaltrainer Edgardo Bauza ein Training streichen musste. Ein Charterflug direkt von Brasilien wurde nicht genehmigt, weshalb die Mannschaft von Chapecoense erst nach Santa Cruz in Bolivien flog. Von dort aus startete der Unglücksflug.

Bei einem der überlebenden Spieler handele es sich um den 27-jährigen Verteidiger Alan Ruschel, sagte der Chef der kolumbianischen Luftfahrtbehörde, Alfredo Bocanegra. Neun Spieler waren nicht zum Finale mitgereist. Der argentinische Fußballprofi Alejandro Martinuccio sei nur wegen einer Verletzung nicht an Bord der Maschine gewesen, berichtete sein Vater Rubén Martinuccio in Buenos Aires. Nun zählt der 28-Jährige zu den wenigen überlebenden Profis des Klubs.

Chapecoense zählt in dem fußballverrückten Land zu den kleinen Klubs, erlebte zuletzt aber einen sportlichen Höhenflug. Nach zwei Jahrzehnten in unteren Ligen kämpfte sich das Team 2014 wieder in die erste Liga zurück. Im vergangenen Jahr belegte Chapecoense Real Tabellenplatz 14 unter 20 Mannschaften.

Route des Unglücksfluges
flightradar24

Route des Unglücksfluges

apr/dpa/AFP



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