Flugzeugbrand in Moskau Erst ein Blitz, dann die Notlandung

Nach dem Flugzeugbrand mit 41 Toten in Moskau wird über die Ursache spekuliert. Der Kapitän berichtet von einem Blitzeinschlag. Der Unglücksflieger soll schon 2018 Probleme gehabt haben.

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Um 18.03 Uhr am Sonntag startete der Flug SU 1492 vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo in Richtung Murmansk. Der Flieger erreichte eine Höhe von 3600 Metern, doch schon 28 Minuten nach dem Start kehrte er zum Airport zurück. Der Pilot hatte technische Probleme gemeldet - dann brach der Funkkontakt ab.

Beim Landeanflug kam es dann zu Komplikationen: Der Suchoi Superjet 100 schlug zuerst mit dem Fahrgestell und dann mit dem Heck auf. Augenzeugen filmten die dramatische Bruchlandung und dokumentierten, wie das Flugzeug innerhalb kürzester Zeit in Flammen aufging. Weil die Maschine vor dem Flug in den Norden Russlands vollgefüllt mit Treibstoff war, brannten große Mengen Kerosin.

Die vorläufige Bilanz ist verheerend: 41 Menschen starben, mindestens neun wurden verletzt, drei von ihnen schwer. Die meisten Todesopfer befanden sich den Ermittlern zufolge im hinteren Teil des Flugzeugs.

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Notlandung in Moskau: Flammen auf der Landebahn

33 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder überlebten das Unglück. Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa erklärte, viele von ihnen stünden unter Schock. Psychologen kümmerten sich um sie und die Hinterbliebenen, sagte sie.

Überlebende berichteten von dramatischen Szenen an Bord: Die Flugbegleiter hätten in der Feuersbrunst um das Leben der Passagiere gekämpft, sagte einer der Mitflieger, Dmitri Chlebuschkin. "Die Stewardessen waren dort, wo es extrem heiß war. Dort haben sie die Leute rausgezogen und die Menschen zu den Notausgängen gebracht", erzählte der Mann. "Nur dank der Flugbegleiter bin ich noch am Leben."

Der 22-jährige Flugbegleiter Maxim Moissejew kümmerte sich demnach bis zuletzt im hinteren Teil des Flugzeugs um die Rettung der Passagiere. Dabei kam er selbst ums Leben.

Das Unternehmen Aeroflot veröffentlichte eine Liste der 33 überlebenden Passagiere auf seiner Internetseite. Die Fluggesellschaft hat angekündigt, den Hinterbliebenen der Todesopfer fünf Millionen Rubel, rund 69.000 Euro, zu zahlen.

Vom Blitz getroffen?

Der Pilot der Unglücksmaschine, Denis Jewdokimow, sagte russischen Medien, dass nach einem Blitzeinschlag die Funkverbindung zusammengebrochen sei. Er habe den Superjet daraufhin im Havariemodus steuern müssen. Die Maschine habe erst bei der Bruchlandung Feuer gefangen, "in der Luft gab es kein Feuer", so der Kapitän.

Er betonte, die Geschwindigkeit beim Aufsetzen sei "normal" gewesen. Der "Kommersant" berichtet, sie habe etwa 300 Kilometer in der Stunde betragen.

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Notlandung in Moskau: Flammen auf der Landebahn

Aeroflot bescheinigte dem Flugkapitän große Erfahrung - Jewdokimow habe 6800 Flugstunden absolviert, davon 1400 in einem Superjet, hieß es.

Auch die Stewardess Tatjana Kassatkina bestätigt, dass der SSJ 100 kurz nach dem Start in eine Gewitterfront mit Hagel geraten sei. "Es gab einen Knall, so einen Blitz. Es ging alles sehr schnell", sagte sie dem Fernsehsender Rossija-24.

Kassatkina war es auch, die nach dem Aufprall die Notrutsche zu Boden ließ. Auf Videos war zu sehen, wie Menschen das Wrack verließen und über das Flugfeld um ihr Leben rannten.

Die Fluggesellschaft erklärte, die Evakuierung habe 55 Sekunden lang gedauert. Einer der ersten, die sich ins Freie retten konnten, war Medienberichten zufolge Michail Sawtschenko, der nahe dem Notausgang saß. Auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte er ein Video vom Unglücksort, das Anlass zu Kritik bot: Dort seien Passagiere zu sehen, die mit Handgepäck über das Flugfeld liefen. Weil einige Fluggäste partout ihre Rucksäcke und Koffer hätten mitschleppen müssen, habe sich die Evakuierung verzögert, so der Vorwurf. Bewiesen ist das nicht.

Schon 2018 gab es Probleme mit dem Unglücksflieger

Nach der Katastrophe in Moskau gehen die Ermittler verschiedenen möglichen Ursachen nach. Zunächst sollen die Daten der Flugschreiber analysiert werden. Die sogenannten Blackboxes enthalten unter anderem Aufzeichnungen der Flugdaten und der Cockpitgespräche.

Laut dem Zwischenstaatlichen Luftverkehrskomitee (MAK) haben die Flugschreiber die Landung und den Brand nicht unbeschädigt überstanden. Die Geräte seien hohen Temperaturen ausgesetzt gewesen, teilte das Komitee laut der Agentur Interfax zufolge mit. Das Gerät, das die Kommunikation an Bord aufzeichnet, sei aber in einem "zufriedenstellenden Zustand". "Alle Fluginformationen wurden kopiert." Die Auswertung könne jedoch mehrere Tage dauern.

Man werde zudem untersuchen, ob die Piloten und das technische Personal ausreichend qualifiziert gewesen seien, teilte das staatliche Ermittlungskomitee in Moskau mit. Auch mögliche technische Ursachen an dem Flieger des Typs Suchoi Superjet 100 sowie Wettereinflüsse würden in Betracht gezogen.

Die Zeitung "Kommersant" berichtet unter Berufung auf namentlich nicht genannte Quellen, dass der jetzt verunglückte Suchoi Superjet 100 bereits im Januar 2018 nur knapp einem Unglück entging: Bei einem Landeanflug hätten die Landeklappen nicht ausgefahren werden können.

Unbestätigten Meldungen zufolge könnten aber auch Produktions- oder Wartungsfehler das Unglück provoziert haben: Im Jahr 2017 sei bei etlichen Modellen des Typs Suchoi Superjet 100 Rost festgestellt worden, berichteten verschiedene Onlineportale unter Berufung auf Experten des Luftfahrinstituts WIAM. Zwischen 2012 und 2016 seien an Superjets durch Korrosion entstandene Risse entdeckt worden.

Die seit 2017 eingesetzte Maschine soll erst im April technisch gewartet worden sein. Der Suchoi Superjet 100 ist der Stolz der russischen Luftfahrt, die erste Neuentwicklung seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor gut 30 Jahren. Seit 2011 sind die Maschinen zugelassen. Immer wieder gab es Berichte über Pannen und Zwischenfälle.

Bei einem Probeflug des Superjet starben 2012 in Indonesien 45 Menschen. Doch ein vergleichbares Unglück in der zivilen Luftfahrt in Russland hat es mit dem Flugzeugtyp bisher nicht gegeben.

Der Verkauf des Superjet läuft schleppend - vor allem international hatte Russland auf einen Absatz der Mittelstreckenflugzeuge gehofft. Die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot hatte erst im vergangenen Herbst den Kauf von weiteren 100 Jets des Typs angekündigt. Laut einem Bericht der Zeitung "Wedomosti" sind gegenwärtig 139 Maschinen des Typs im Einsatz, davon 106 in Russland und 33 im Ausland. Das Verkehrsministerium sieht derzeit keinen Grund, auf den Einsatz der Maschinen zu verzichten.

In Russland kommt es immer wieder zu schweren Zwischenfällen im Luftverkehr und zu Flugzeugunglücken mit vielen Toten. Das Land mit den elf Zeitzonen zählt in Sachen Flugsicherheit laut internationalen Statistiken zu den gefährlichsten Regionen weltweit.

Beim Absturz eines russischen Passagierflugzeugs vom Typ Antonow starben im Februar vorigen Jahres in der Nähe von Moskau 71 Menschen. Die Maschine vom Typ An-148 der Saratow Airlines war nach dem Start vom Hauptstadt-Flughafen Domodedowo vom Radar verschwunden. Sie zerschellte auf einem Feld im Bezirk Ramenskoje südöstlich von Moskau. Im September wurden 18 Menschen bei der Notlandung eines Flugzeugs in der Schwarzmeerstadt Sotschi verletzt.

11. Februar 2018 - Moskau
25. Dezember 2016 - Schwarzes Meer
Eine in Adler südlich von Sotschi gestartete Militärmaschine mit 92 Menschen an Bord stürzt ins Schwarze Meer. Schuld an dem Absturz soll ein Pilotenfehler gewesen sein.
19. März 2016 - Rostow am Don
Eine Boeing 737 der emiratischen Billigfluggesellschaft Flydubai stürzt auf dem Flughafen von Rostow am Don im Süden Russlands ab. 62 Menschen sterben. Die Besatzung hatte wegen schlechten Wetters einen zweiten Landeversuch unternommen, der aber missglückte.
17. November 2013 - Kasan
Eine Boeing 737-500 der russischen Airline Tatarstan verunglückt beim Landeversuch auf dem Flughafen von Kasan. 50 Passagiere und Besatzungsmitglieder sterben.
2. April 2012 - Sibirien
Eine Maschine vom Typ ATR-72 der russischen Fluggesellschaft Utair verunglückt bei einer Notlandung in Sibirien. Es gibt 33 Todesopfer und zwölf Schwerverletzte.
7. September 2011 - Jaroslaw
Eine Jak-42-Maschine stürzt kurz nach dem Start vom Flughafen Jaroslawl 300 Kilometer nordöstlich von Moskau ab. 44 der 45 Insassen kommen ums Leben. Ermittler nennen Pilotenfehler als Ursache.
20. Juni 2011 - Petrosawodsk
Eine RusAir-Maschine vom Typ Tupolew 134 aus Moskau stürzt bei schlechtem Wetter beim Landeversuch in Petrosawodsk in der nordwestlichen Region Karelien ab. 47 der 52 Insassen starben. Laut einer Untersuchung war der Pilot betrunken.

Quelle: AFP

ala/dpa/AFP

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