Forschungsprojekt 125 Mauertote nachgewiesen

Wie viele Menschen starben tatsächlich an der Berliner Mauer? Bislang wiesen Listen rund 200 Mauertote aus. Ein von der Bundesregierung gefördertes Forschungsprojekt korrigierte diese Zahl jetzt nach unten.


Berlin - Die Zahl der Todesopfer an der Berliner Mauer ist offenbar niedriger als bislang angenommen. Kurz vor dem 45. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961 zog heute in Berlin ein von der Bundesregierung gefördertes Forschungsprojekt Zwischenbilanz. 125 Getötete hätten bisher anhand von Quellenmaterial belegt werden können, sagte der Leiter des Forschungsprojekts "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989" am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam, Hans-Hermann Hertle.

Hertle wies darauf hin, dass die veröffentlichten wesentlich höheren Zahlen von Mauertoten zum Teil auf Hörensagen beruhten und nicht belegt seien. So gehe die private Arbeitsgemeinschaft 13. August von mehr als 200 Todesopfern aus. Hertle erklärte, er wünsche sich eine Zusammenarbeit mit dieser Organisation und ein Abgleich der Daten.

Hertle berichtete, dass insgesamt noch 81 Verdachtsfälle geprüft werden müssten. Den Forschern sei es jedoch gelungen, 62 mutmaßliche Todesfälle "definitiv auszuschließen". So hätten einige bislang als Mauertote geführte Flüchtlinge schwer verletzt überlebt. Insgesamt untersuchten die Wissenschaftler 268 Fälle von Mauertoten in Berlin.

Laut Hertle wurden zwischen 1961 und 1989 in Berlin unter anderem 93 DDR-Flüchtlinge bei dem Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden, von Gewehrkugeln tödlich getroffen. Zu den Berliner Mauertoten zählen die Forscher auch acht DDR-Grenzer, die im Dienst erschossen wurden.

Maria Nooke, die Leiterin des Projekts beim Verein Berlin Mauer, sagte, es sei nicht Ziel des Projekts, die Zahl der Mauertoten klein zu rechnen. Es gehe vielmehr um die Erforschung der Lebensgeschichten und der Todesumstände der Menschen, die an der Berliner Mauer ums Leben gekommen seien.

Hertle nannte die Todesfälle die "Spitze eines Eisbergs". Die Flucht vieler DDR-Bürger nach Westberlin oder Westdeutschland sei gescheitert. Viele seien von DDR-Grenzsoldaten entdeckt und zum Teil schwer verletzt worden. Bis zu 100.000 Menschen seien wegen Fluchtversuchs von den DDR-Behörden ins Gefängnis gebracht worden.

Erst nach dem Ende der so genannten Mauerschützenprozesse war es laut Hertle möglich, auf die Akten der Berliner Staatsanwaltschaft zurückzugreifen. 80 Prozent der 125 Toten seien jünger als 30 Jahre gewesen. Unter den Opfern seien acht Frauen gewesen.

Das ZZF-Projekt ist auf zwei Jahre angelegt. Es wird von Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit 260.000 Euro gefördert.

phw/AP/ddp



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