Serie vermisster und getöteter Soldaten in Texas "Er ist ein guter Junge, er würde niemals einfach verschwinden"

Im US-Militärstützpunkt Fort Hood wird ein Soldat vermisst - wieder einmal. Elder Fernandes hatte zuvor gemeldet, er sei Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden. Der Fall weckt Erinnerungen an den grausamen Mord an einer Soldatin.
Der vermisste Elder Fernandes auf einem Foto, das die US-Armee am 20. August veröffentlicht hat

Der vermisste Elder Fernandes auf einem Foto, das die US-Armee am 20. August veröffentlicht hat

Foto: AP

Zuletzt wurde Sergeant Elder Fernandes am vergangenen Montag gesehen. Ein Soldat vom texanischen Militärstützpunkt Fort Hood setzte den 23-Jährigen am Haus seiner Familie in der Stadt Killeen, etwa 70 Kilometer nördlich von Austin, ab. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.

Fernandes, laut Fort Hood ein Nuklear-, Bio- und Chemiespezialist in der 1. Kavalleriedivision, wollte sich noch am Montag bei seiner Tante Isabel melden. Er tat es nicht. "Das ist sehr, sehr ungewöhnlich", sagte Isabel Fernandes dem Regionalsender KTRK. Ihr Neffe habe auch sonst niemanden kontaktiert. Seit Mittwoch ist er offiziell als vermisst gemeldet. Armee und Polizei suchen fieberhaft nach ihm und haben die Öffentlichkeit um Mithilfe gebeten. Fernandes zu finden habe "oberste Priorität".

In den US-Medien wird spekuliert, Fernandes könne Opfer eines Verbrechens geworden sein - womöglich auch, weil er vor seinem abrupten Verschwinden bei einer Beschwerdestelle gemeldet hatte, er sei in der Militärbasis Opfer sexuellen Missbrauchs geworden.

Versetzt - zum Schutz vor Repressalien

Der zuständige Pressesprecher der Kavalleriedivision, Chris Brautigam, bestätigte das inzwischen gegenüber dem Nachrichtensender CNN.  Brautigam sagte, der Koordinator einer Einheit für die Verfolgung sexueller Übergriffe habe "eng" mit Fernandes zusammengearbeitet und "sichergestellt", dass er über "alle Möglichkeiten der Betreuung" und seine Rechte informiert gewesen sei. Zudem habe man kürzlich geholfen, Fernandes in eine andere Einheit zu versetzen, um ihn vor möglicher Rache oder Repressalien zu schützen.

Fernandes' Familie sprach dennoch von einem "Albtraum" und befürchtet offenbar Schlimmes. Die Mutter, Ailina Fernandes, sagte dem regionalen TV-Sender KXXV  verzweifelt unter Tränen: "Ich weiß nicht, wo er im Moment ist. Ich weiß nicht, was er fühlt, ich weiß nicht, ob er verletzt ist. Ich weiß nicht, was vor sich geht. Ich weiß nur, dass er ein guter Junge ist. Er würde niemals verschwinden und seiner Familie nicht sagen, wo er sich befindet."

Die Militärbasis Fort Hood in Texas ist mit mehr als 36.000 Soldaten eine kleine, stolze Stadt für sich

Die Militärbasis Fort Hood in Texas ist mit mehr als 36.000 Soldaten eine kleine, stolze Stadt für sich

Foto: HO/ Reuters

Der Fall sorgt für große Aufregung, weil die riesige Militärbasis Fort Hood - fast eine Kleinstadt - immer wieder mit vermissten und getöteten Soldaten in die Schlagzeilen geraten ist. CNN berichtete im Juli 2020 mit Verweis auf offizielle Stellen, dass es in Fort Hood im vergangenen Jahr unter den 36.500 stationierten Soldaten 23 Todesfälle gegeben habe - darunter sieben Selbstmorde und vier Morde.

"Angst vor Rache"

Der bekannteste Fall ereignet sich am 22. April dieses Jahres und löste wegen seiner Brutalität in den USA eine Debatte über Gewalt in der US-Armee aus. Die 20-jährige Soldatin Vanessa Guillen wurde an diesem Tag zum letzten Mal auf einem Parkplatz ihrer Einheit in Fort Hood gesehen. Dass sie sich nicht einfach so von der Truppe entfernt hatte, ließ sich leicht erahnen: Guillens Autoschlüssel, der Schlüssel für ihr Zimmer in der Kaserne sowie ihre Brieftasche samt Personalausweis wurden in dem Raum gefunden, in dem sie am Tag ihres Verschwindens gearbeitet hatte.

Im Juli bestätigten sich die Befürchtungen, als Ermittler außerhalb von Fort Hood die zerstückelten und in Löcher vergrabenen Überreste der Soldatin fanden. Offenbar war Guillen mit einem Hammer erschlagen worden. "Das Ganze ist verheerend, grausam, barbarisch", sagte damals Natalie Khawam, Anwältin von Guillens Familie.

Kerzen und Blumenkränze vor dem Konterfei der ermordeten Soldatin Vanessa Guillen

Kerzen und Blumenkränze vor dem Konterfei der ermordeten Soldatin Vanessa Guillen

Foto: MARK FELIX / AFP

Guillen soll, wie nun auch Fernandes, vor ihrem Verschwinden sexuell belästigt worden sein. Ihr Vorgesetzter soll ihr in die Dusche gefolgt sein, so der Vorwurf. Anzeige erstattete Guillen nicht. "Die sexuelle Belästigung kam von einem Vorgesetzten, daher hatte sie Angst vor Rache", sagte Anwältin Khawam. "Wir glauben, dass die Person, die sie getötet hat, die Person ist, die sie sexuell belästigt hat."

"Niemand wird dir glauben"

Als die Polizei nach dem Leichenfund den Hauptverdächtigen Aaron David Robinson zu Hause befragen wollte, erschoss sich der Soldat noch vor Ort. Seine Freundin, die ihm geholfen haben soll, die Leiche verschwinden zu lassen, ist angeklagt. Das Urteil steht noch aus; ihr drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Auch außerhalb von Texas sorgte der Mord damals für großes Entsetzen. Bald meldeten sich unter dem Hashtag #IAmVanessaGuillen  ähnlich wie bei der #MeToo -Bewegung zahlreiche Soldatinnen, die von Übergriffen während ihrer Armeezeit berichteten.

"Ich habe geschlafen. Betrunkene Marines traten die Tür meiner Baracke ein und vergewaltigten mich", schrieb ein Opfer. Am Ende hätten die Täter geschrien: "Niemand wird dir glauben."

Der tote Deserteur

In Texas erinnern die Medien nun neben Guillen noch an einen weiteren Fall: Der 24-jährige Soldat Gregory Wedel-Morales wurde schon im August 2019 als vermisst gemeldet. Im Juni 2020 entdeckte man seine sterblichen Überreste in einem flachen Grab außerhalb von Fort Hood. Die Armee war lange davon ausgegangen, der Mann sei lediglich desertiert.

Erst auf Druck der Angehörigen der Familie Wedel-Morales habe Fort Hood im Mai 2020 eine Belohnung von 15.000, später 25.000 US-Dollar ausgelobt, berichtete die "Washington Post". Kurz danach wurde die Leiche entdeckt. Der Familie wurde mitgeteilt, Wedel-Morales sei ins Gesicht geschossen worden; offiziell ist die Todesursache aber noch nicht geklärt.

Nun versucht Fort Hood im Fall Fernandes offenbar den Eindruck zu vermeiden, auch den Fall Fernandes auf die leichte Schulter zu nehmen oder gar bewusst zu verschleppen. Das ist auch nötig, denn der Ruf von Fort Hood ist spätestens sei dem 5. November 2009 verheerend: Damals beging der Militärpsychiater Nidal Hasan auf dem Gelände der Militärbasis ein Massaker und erschoss 13 Menschen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.